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zu einem Strom anwachſen, der endlich reif iſt,
durch die Schleujen zu brechen, d. h. als Entſchluß
der Verſammelten, al? Tat in die Welt hinaus-
zuſlüten“ (F. Viſcher, Äſth. 111 1473). -- Über
die heutigen Vortrag8öübungen im deutſchen
Sprachunterricht vgl, den Art, Nedeübungen.
Literatur. Außer d. bereits erwähnt. Werken
von Ariſtoteles, Cicero, Quintilian u. d. zahlr.
Sehrb. der humoniſt. Zeil u. d. alt. Jeſuitenſchule
ſowie d. Anleit. 3. geiſtl. Beredſamk. ſind von neuern
Schr. d. bedeutendſten u. hier benußt worden: C.
Alberti, Die Schule d. Nedner8 (1890); N. Bene»
dix, Nedekunſt (71913, ergänzt von M. Seydel) ;
F. Blaß, Die attiſche Beredſamk. (3 Bde, *?1887
bis 1898); A. EC. Chaignet, La Rh6t, et 80n hist.
(Par. 1888) , A. Damaſchke, Volkstüml. Redekunſt
(14, Tauſ., 1912) ; W. Fox, Die Kranzrede d. De-
moſthenes (1880) ; E. Geißler, N. (1*?, 111914); C,
Hilty, Leſen u. Reden (15. Tauſ., 1913); V. Kolb,
b. Vortrag u, Vortragsfehler (1911; homilet.
Kurs i. Wien) ; derſ., über d. Erhabenheit d. Nedek.
(1913; Leogeſellſhaft in Salzburg) ; A. Philippi,
Die Kunſt d. Rede (1896); N. Schleiniger, Abriß
d. N. (21880); derſ., Grundzüge d. Beredſamfk.
(81905, bearb. von K. Rake) ; M. Seydel, Grund-
frag. d. Stimmkunde (1909) ; Th. Siebs, Deutſche
Bühnenausſpr. (191912) ; IJ. Stiglmayr, Kirchen»
väter u. Klaſſizism. (1913); R. Volkmann, R. d.
Griec<. u. Röm, (2?1901 von C. Hammer [in J.
v. Müllers „Handb. d. klaſſ. Altertumswiſſ."]) ;
W. Wackernagel, Poetik, N. u. Stiliſtik (31906);
NR. Wallaſchek, Pſychol. u. Technik d. Rede (21914);
A. Weſtermann, Geſch. d. Beredſamk. i. Griechen!l.
u. Nom (1833) ; N. Whately, Grundlagen d. R.,
über]. von G. Hildebrand (1884); F. H. Sc<üth,
Theorie d. mündl. Vortrags (1915). Einzellit.,
beſ. über Vortragskunſt, findet ſich) in den angegeb.
Werken. IN. Scheid 8. J.]
Richter, Johann Paul Friedrich.
I. Leben u. Werke. Der unter ſeinem Decknamen
Zean Paul von ſeinen Zeitgenoſſen in einer
uns Heutigen kaum noch verſtändlichen Weiſe ver=
götterte 1, wohl gerade darum von der Nachwelt
nur jelten gerecht gewürdigte, große deutſche Hu-
moriſt N. nimmt auch in der Geſchichte der Päd-
agogif eine ehrenvolle Stellung ein. Er wurde
geboren am 21, März 1763 zu Wunſiedel (Fichtel-
gebirge) als Sohn eine8 in dürſtigſten Umſtänden
lebenden Tertius u. Organiſten, der 1765 als
Pfarrer nach Jodiß, 1776 nach Schwarzenbach
a. S. überſiedelte. Nach einem unglaublich un-
pädagogiſchen Privatunterricht beim Vater u. einer
ebenfall8 nur unzulänglichen Unterweiſung in der
Schwarzenbacher Schule -- bloß des Deutſchunter-
richt3 beim Kaplan Völkel gedenkt NR. ſtet8 mit
Dankbarkeit =- wurde er 1779 wenige Wochen
vor dem Tode des Vater3 auf das Gymnaſium
in Hof geſchi>t, wo er ſofort in die mittlere
Prima aufgenommen wurde u, bei den Großeltern
mütterlicherſeit3 Unterkunft fand. Beſtimmenden
Einfluß auf ſeine literariſche Richtung übte in
dieſer Zeit der etwas ſonderliche Pfarrer Vogel
in Nehau aus: der 17jährige begann ſchon jekt
mit der für jein ganzes ſpäteres Schaffen ſo be=
Nichter, Johann

Paul Friedrid.
deutungsvollen Anlegung von „Zettelkaſten“ (ſorg
fältig geordnete Au8züge aus Werken der ver=
ſchiedenſten Wiſſen8gebiete). Unter drü>ender Not
ſtudierte N. dann ſeit 1781 an der Univerſität
Leipzig zuerſt Theologie u. Philoſophie, wandte
ſich aber ſchon bald immer ausſchließlicher, wenn-
ſchon zunächſt ohne rechten Erfolg, literariſchem
Schaſſen zu („Grönländiſche Prozeſſe“ [2 Bde,
Berlin 1783 f]) u. geriet dadurch ſeiner ganzen
Entwicelung entſprechend in eine geniale, aber
ungeordnete Vielwiſſerei , die ihn ſchließlich zur
Aufgabe eines Brotſtudiums veranlaßte. Da er
ſich wegen ſeiner Schulden in Leipzig nicht mehr
halten konnte, ſo flüchtete er im Herbſt 1784 zu
ſeiner Mutter nad) Hof, war 1787/89 in der
Familie ſeines Jugendfreundes v. Oerthel Haus-
lehrer im nahegelegenen Töpen, dann wieder in
Hof u. gründete 1790 eine kleine, nur von Kindern
ſeiner Freunde beſuchte Privatſchule in Schwarzen-
bach, wo er mit mancherlei kleinern u. größern
humoriſtiſchen Veröffentlichungen (darunter „Das
Leben des vergnügten Schulmeiſterlein Maria Wuß
in Auental“ u. die Erziehungsgeſchichte „Die un=
ſichtbare Loge“, die zuſammen 1793 in Berlin
erſchienen) ſeinen eine glüclich-ſtille Zeit verlebte. Aber auch die
großen Werke „Heſperus od. 45 Hunds3poſttage“
(4 Bde, Berlin 1795) u. das „Leben de3 Quintus
Fixlein“ (Bayreuth 1796), durc< die er ſeinen
Dichterruf begründete u. im beſondern als ihr
„Herzenskündiger“ der Liebling der Frauen wurde,
entſlanden in der Hauptſache in Schwarzenbach,
wurden aber, wie die künſtleriſch noh gelungenern
„Blumen=, Frucht- 1. Dornenſtü>ke od. Eheſtand,
Tod u. Hochzeit des Armenadvokaten FJ. St.
Siebenkäs“ (3 Bde, Berlin 1769 f), erſt ver-
öffentlicht, nachdem N. 1794 ſeine Scultätigkeit
wieder nach Hof verlegt hatte. --- Durd) eine ſeiner
zahlloſen Verehrerinnen, die von ihm als Linda
im „Titan“ verewigte Charlotte v. Kalb, einge=
laden, entſchloß ſich N. 1796 zu einer Reiſe nach
Weimar, kam aber in kein rechtes Verhältnis zu
Goethe u. Siller, die ſich bei aller Anerkennung
des R. ſchen Gedankenreichtums von ſeiner Forms
lofigfeit abgeſtoßen fühlten. Dagegen ſtellte Herder
R.8 Werke über die Goetheſchen u. ſchloß mit ihm
ſür3 Leben eine Freundſchaft, die 1798 einen er=
neuten, längern Beſuch R.3 in Weimar bewirkte.
In dieſer Zeit entſtand auch die rein didaktiſche
Abhandlung „Das Kampanertal od. Über die
Unſterblichkeit der Seele“ (Erfurt 1797), eine
ſchwächliche Bekämpfung Kant8, In das ihn
wenig beſriedigende Reiſeleben, das er ſeit dem
Tode (1797) der Mutter führte, fällt die Ab=
faſſung ſeiner ſog. Konjekturalbiographie „Jean
Pauls Brieſe u. bevorſtehender Lebens8lauf“ (Gera
u. Leipzig 1799). Während eines halbjährigen
Aufenthalt38 in Berlin (Okt. 1800 bi8 Mai 1801)
verheiratete er ſich mit Karoline Mayer, der Tochter
eines Obertribunalrats8, u. ſiedelte mit ihr 1801
nach Meiningen u. 18038 nad Koburg über, wo
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