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Schülerkorreſpondenz, internationale.
I, Weſen u. Zwerxk. Die i. S. ſtellt ein neues,
an den Schulunterricht angeſchloſſenes Mittel dar,
ſich in der Kenntni3 der lebenden Kutturſprachen
weiterzubilden, Sie iſt eine Wirlung der durc
die hochentwickelten Verkehrömittel geſteigerten
Annäherung der Kulturvöller u. ein Hilfsmittel
der dadurch bedingten veränderten, mehr auf prak»
tiſche Beherrſchung der Fremdſprachen gerichteten
Methode in der Erlernung der neuern Sprachen.
Sie beng! der Gefahr vor, die aus einer ein»
ſeitigen Beſchäftigung mit der rein literariſchen
Sprache vor allem nach der ſrüher üblichen gram-
matiſchen Methode entſteht, bei der aud) die
lebende Sprache leicht als etwas Abgeſchloſſenes,
Totes erſcheint. Sie regt die Selbſttätigkeit des
Schülers an, ſördert ſeine praktiſche Kenntnis der
Fremdſprache in ſtiliſtiſcher, idiomatiſcher u. gram»
matiſcher Hinſicht, vor allem im ſchriſtlichen Ge-
brauch , erweitert ſeinen Wortſchaß u. gewöhnt
ihn an das Leſen nationaler Geiſt In-
dem ſie ihn mit der Cigenart ſreniden Volkstums
in Denkart u. Einrichtungen bekannt macht, er-
weitert ſie ſeinen geiſtigen Geſichtskreis, zerſtört
ſchädliche Vorurteile u. trägt ſo zum gegenſeitigen
Verſtändnis u. zur Annäherung der Völker bei, --
International kann die Einrichtung nur mit der
Einſchränfung genannt werden, daß ſie erſt in
einigen Kultmſtaaten (Frankreich, England,
Deutſchland, Nordamerika) eingeführt iſt.
11. Geſchichte. Vorläufer der i. S. waren die
bereits in den 1880er Jahren in England be»
ſtehenden Corresponding Societies junger Kauf-
leute u. die 1889 gegründete „Internationale
Korreſpondenz»Aſſoziation" (1. C. A.) von Pro-
ſeſſor Kretſchmar in Kolberg. An deutſchen Schulen
wurden ſchon Anſang der 1890er Jahre in Ber-
lin, Mannheim, Annaberg u, Weimar Verſuche
gemacht, den Brieſwechſel mit Ausländern zur
Förderung der Schüler zu benußen. Als der
eigentliche Begründer der i. S. kann der Lehrer
des Engliſchen am Gymnaſium in Draguignan
(ſpäter in Tarbes), Profeſſor Paul Mieille, gelten,
der, unzuſrieden mit ſeinen Unterrichtserſolgen,
ſeit 1892 ſyſtematiſch jene3 Mittel anwandte, um
das Intereſſe ſeiner Schüler ſür das Engliſche zu
erhöhen (vgl. ſ. Auſſjäße in der Revuo Univorsi-
tairo [Pari3], Jahrg. 1896 u, 1897), Er ſand
dabei in England warme Unterſtüßung an dem
Hr3g, der Roviow of Roviows, W. T. Stead,
u. ſeiner Gehilfin Miß E. A. Lawrence (vgl. die
Roview of Roviows [London], ſeit 1897), jo daß
ſich ichon bald ein franzöſiſches u. ein engliſches
Bureau für die i. S. bildete. In Deutſchland
wurde der bekannte Neuphilolog Studienrat Pro-
feſſor Dr K. A. Mart. Hartmann in Leipzig ein
begeiſterter Anhänger des Gedankens u. (1897)
Begründer u. Leiter der Zentrale für i. S. in Leipzig
(vgl. ſ. Buch „Reiſeeindrückeu, Beobachtungen eines
deutſch. Neuphilologen i. d. Schweiz u. in Frank»-
reich" [1897]; Anuſſäße in der „Deutſch. Zeitſchrift
Schülerkorrejſpondenz, internationale.

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f. außländ. Unterricht8weſ].“", hr8g. v. Wychgram
[Leipzig] 1897, April-Nummer, u, in den „Blät-
tern ' höh. Schulweſ." 1899 [Berlin], April»
Nunmer uſw.). Da3 Bari8-Londoner Bureau u.
die Leipziger Zentrale arbeiten getrennt, doh geben
ſie neben ihren geſonderten Jahres8berichten gemein»
jam ſeit März 1901 ein Jahrbuch heraus (London,
Verlag der Roviow ok Roviows) mit dem 3ſachen
Titel: „Annuairo de 1a Correspondancse in-
torgscolairo -- Comrades AU --3.S.“ W.T.
Stead unterſtüßt außerdem das Unternehmen durch
Bücherprämien für die tüchtigſten Schülerkorre-
ſpondenten. Der Congrds intornational do
'Engoignement des Langues vivantes u, der
C. i. ds 'Engeignoment s6condaire haben ſich
1900 auf ihrer Pariſer Tagung anläßlich der
Weltausſtellung ſür die Einrichtung ausgeſprochen,
in Sachſen iſt ihre Benußung ſchon ſeit April
1899 miniſteriell geregelt, in Frankreich in der
neuen ſranzöſiſchen Lehrordnung für den neuſprach»
lichen Unterricht der höhern Schnlen v. 31. Mai
1902 amtlid) empfohlen. Die Einrichtung hat
ſich auch über Spanien, Italien, Kanada u. Au-
ſtralien verbreitet, In der deutſchen i, S. zeigt fich
die merkwürdige Tatſache, daß der zunächſt über-
wiegende Brieſwechſel mit Frankreich immer mehr
nachgelaſjen hat (1901/02: 1010 Korreſpon=
denten, 1912/13: 551), dagegen der engliſche
gewaltig geſtiegen iſt (1901/02: 773, 1912/13:
2147). Am bedeutungsvollſten wird die i. S.
ſür die Zukunft mit Nordamerika werden, wo ſie
während des Weltkrieges v. 1914/15 bereits un-
ſchäßbare Dienſte bei Nichtigſtellung der deutſch-
feindlichen Lügenberichte geleiſtet hat. Daß die
i. S. mit England nach dem von dieſem in ver=-
brecheriſcher Weiſe herauſbeſchworenen Weltkriege
auf ein Mindeſtmaß herabſinken wird (u. natiir»
licherweiſe ebenſo mit Frankreich), kann kaum
einem Zweiſel unterliegen. Nach dem leßten
Jahre8bericht von Studienrat Hartmann liefen
1912/13 aus dem deutſchen Sprachgebiet bei der
Zentrale 3029 Anmeldungen ein, u. zwar 2117
ſür engliſche u. 912 für franzöſiſche Korreſpondenz.
11. Beurteilung. Die i. S. hat eine ver-
ſchiedene Beurteilung geſunden. Der bayriſche
Neuphilologenverband hat ſich April 1902 in
Nürnberg gegen ſie ausgeſprochen. Die bayriſche
u. die braunſchweigiſche Schulbehörde haben die
Beteiligung daran verboten, Doch überwiegen die
günſtigen Urteile (vgl. die Zuſammenſtellung ſolcher
Urteile in den Jahresberichten von Studienrat
Hartmann, in den „Neuern Sprachen“ [Marburg]
Bd V f[, beſ. ſeit Bd IX ff, auch ſeparat a 20 7*/.).
Die gegen die i. S. vorgebrachten pädagogiſchen
u. nationalen Gründe haben keine allgemeine
Gültigkeit. Berechtigter ſind ſchon die moraliſchen
Bedenken, do) vermag aud) dieſe eine ſorgfältige
(aber leider oſt ſehlende) Überwachung der i. S. zu
beſeitigen. Der Erfolg wird abhangen von der
glücklichen Wahl, der Vorbildung u. dem Eifer
der Brieſſchreiber u, der Sorgfalt der Korrektur

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