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konfeſſionelle Geſtaltung, auch wenn man ſie
grundſäßlich anerkenne, vor den unterrichtlichen
Vorteilen weichen müßte. Der „Preußiſche Lehrer=
verein“ hat ſeinerzeit im Kampſe gegen das Volk3»
fchulunterhaltung8geſeß dieſen Punkt beſonders
betont. Zunächſt iſt dieſer Schlußfolgerung ent-
gegenzuhalten, daß pädagogiſche Vorteile, auch
wenn ſie als ſolche anerkannt werden müßten, den
großen grundſäßlichen Geſichtspunkten gegenüber,
die für die konfeſſionelle Schule ſprechen, nicht
ernſtlicy) in3 Gewicht fallen können. Aber die an=
geblichen pädagogiſchen Vorteile ſchrumpfen bei
näherm Zuſehen ſehr zuſammen. Denn die mehr-
klaſſige Schule (ſ. Klaſſeneinteilung in der Volk3-
ſchule) iſt der einklaſſigen Schule (ſ. d.) in der
Menge des Unterrichtsöſtoffes, den ſie in Ge
ſchichte, Erdkunde, Naturkunde u. Zeichnen be=-
handeln kann, zwar voraus; die Ulaſſige Schule
muß ſich im Stoſſe mannigfache Beſchränkungen
auferlegen. Aber hinſichtlich der Durcharbeitung
des Lehrſtofſe3 ſteht die Ulaſſige Schule in keiner
Weiſe hinter der mehrklaſſigen zurück. Die Be=
ſchränkung im Stoffe, die Feſthaltung desſelben
Gegenſtandes für längere Zeit nötigen zur ein-
dringenden u. allſeitigen Behandlung. Da nun
die Bildung nicht an der Stoſſmenge gemeſſen
werden darf, ſondern an der Fähigkeit ſelbſtän-
digen Denken3, ſo ſteht in bezug auf die formale
Vildung die 1klaſſige Schule nicht hinter der
mehrklaſſigen zurü&. Die Erziehung zur Selb-
ſtändigkeit wird in der iklaſſigen Schule auch
dur häufig ſhriſtlich beſchäftigt werden muß, während
in der mehrklaſſigen Schule der Lehrer, weil er
nur eine Abteilung zu unterrichten hat, geneigt
iſt, dem mündlichen Unterrichte auf Koſten der
ſchriftlichen Beſchäftigung den breiteſten Naum
zu gönnen. Zieht man die erziehliche Seite der
Scularbeit in Betracht, ſo iſt die 1Ulaſſige
Scule gegenüber der mehrklaſſigen entſchieden
im Vorteil, da die Tatſache, daß die Schüler auf
Jahre hinaus bei demſelben Lehrer bleiben, die=
ſem ermöglicht, zu ihnen in ein perſönlich näheres
Verhältnis zu treten. Deshalb kann man auch
vom rein pädagogiſchen Standpunkte aus die
„onſeſſionelle Zwergſchule“ nicht gegen die kon=
feſſionelle u. für die S. ins Feld führen, u. alle
die mühſam in diefer Hinficht zuſammengetragenen
Statiſtiken verlieren damit ihren Wert.
11. Die S. im Kampfe der Zeit. Im Hin=
bli auf die Tragweite u. die grundſäßliche Be-
deutung der S. kann e3 nicht wundernehmen, daß
ſich an ihr bei allen modernen Schulkämpfen die
Geiſter ſcheiden ; ſo in Preußen 1892 u. 1904/06
u. nicht weniger in Belgien u. Frankreich. Die
politiſchen Parteien, die unſer Staat8= u, Geſell-
ſchaftsleben nach den Grundſäßen des Chriſten=
tum3 geſtalten wollen, treten auch nachdrüclid)
für die konfeſſionelle Schule ein u. bekämpfen die
S. De3halb ſind die Konſervativen u. das Zenz
trum Begner der S., während der Liberali8mus
Simultanſchule (Paritätiſche Schule).

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in ſeinen verſchiedenen Schattierungen für die S.
eintritt, Die Sozialdemokratie fordert die re-
ligionsloſe Schule im radikalſten Sinne. Von
dem liberalen Standpunkte haben ſich 1904 die
preußiſchen Nationalliberalen = unter dem Ein=
ſluſſe Ha>enberg3 -- entfernt, indem ſie als Mit=
unterzeichner de3 Schulkompromißantrages für die
der Negel nac konfeſſionell zu geſlaltende Volks8-
ſchule in Preußen eintraten. Dieſe Stellung
nahme hat ihnen in den eignen Reihen harte An=
feindung eingetragen, die u. a. den Erfolg hatte,
daß der Abgeordnete Ha>enberg bei den ſpätern
Verhandlungen über den Sculgeſeßentwurf von
der Führung zurückgedrängt wurde. Zn der
Lehrerſchaft finden wir die gleichen ſchulpoliti-
ichen Gegenſäße wieder. Der „Katholiſche Lehrer=
verband“ u. die poſitiv gerichteten evangeliſchen
Lehrervereine treten entſchieden gegen die S. auf,
während der „Deutſche Lehrerverein“ u. die ihm
angegliederten Zweigvereine mit allem Nachdru>
für die S. kämpfen. Dabei herrſc Einmütigkeit darüber, welhe Form der S. er=
ſirebt werden ſoll. Das zeigte ſich mit aller
Deutlichkeit 1906 auf der Deutſchen Lehrer
verſammlung in Münden, wo der „Deutſche
Lehrerverein“ die S.ſrage behandelte, u. es zeigt
ſich in der liberalen Lehrerpreſſe fort u. fort. In
München machten die Bremer Lehrer einen kräſ=
tigen Vorſtoß zugunſten der S. radikalſter Gez
ſtalt. Sie drangen zwar damit nicht durc<, aber
au3 den Verhandlungen ſelbſt u. no den anſchließenden Auseinanderſeßungen in der
Preſſe gewann man doch den Cindrue, daß nicht
ſowohl grundſäßliche Nüſichten als vielmehr tak=
tiſche Erwägungen in bezug auf das zunächſt Er=
reichbare für die ſchließliche Entſcheidung maßs=
gebend waren. Von fozialdemokratiſcher Seite
hat man dieſe Schwäche derb gegeißelt. „Die
Beſürworter der S. ſind durchweg ängſtliche
Kompromißnaturen, Halbheits8politiker, die zwar
die Unhaltbarkeit der Konfeſſion3ſchule erkannt
haben, aber nicht den Mut zu radikalem Handeln
aufbringen“ (Schulz [ſ. Lit.] S. 108). Aud trat
bei den Verhandlungen deutlich zutage, daß man
dem Kern der grundſäßlichen Seite de3 Problem3
vorſichtig aus dem Wege ging u. politiſche u.
ſchulorganiſatoriſche Erwägungen in den Vorder=
grund ſchob. Demgemäß noam man unter Nr 3
ſolgenden Saß in die Entſchließung auf: „Die
Frage der Crrichſung von S.n iſt weniger
eine religiöſe al3 eine nationale, ſoziale u. päd=
agogijhe. Dur die S. kommt die nationale
Einheit unſer3 Volke3 am beſten zum Ausdruc;
ſie iſt das getreue Abbild des paritätiſchen Staate3
u. der modernen ſozialen Gemeinſchaften u. ent=
ſpricht daher ihrem Weſen u. ihren Anforderungen
in erhöhtem Maße.“ Von liberaler Seite wird
auch die Frage der Schulauſſicht (f. d.) aufs engſte
mit der S. verknüpft, indem man behauptet, die
konfeſſionelle Schule bedinge notwendig die
geiſtliche Schulaufſſicht u, umgekehrt. Doch mit

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