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(Atherwellen, Luſiwellen uſw.) auſgenommen u.
weitergeleitet werden müſſen, um von unſerm Be-
wußitſein als Empfindungen erlebt zu werden. In
den Sinne3apparaten endigen die Nerven od.
Nervengruppen, die in eigentümlicher Weiſe für
die Auſnahme der Reize u. für deren Weiter»
leitung zum Gehirn beſähigt ſind (Spezifiſche
Sinnesenergie). Der „Sinn“ kann de8wegen zu»
nächſt rein al3 körperliches Organ gefaßt werden ;
danac wicklung dieſe3 beſtimmten Organs unſer8 Kör»
pers, Das iſt inde3 eine bloße Sonderauſgabe
der Körperpflege (ſ. d.), die wir hier nicht in erſter
Linie im Auge haben. Dex „Sinn“ kann weiter»
hin bedeuten das Ganze der phyſiſch-pſychiſchen
Funktion, d.h. der Empfindung od. Wahrnehmung,
die durch da3 betreſſende Sinne3organ tatſächlich
geleiſtet werden ſoll. Die Ausbildung dieſer Funk»
tion iſt eine ſchr wichtige Erziehungs8pflicht, die
an dem Kinde von ſrüheſter Jugend bis zu ſeiner
vollen Reiſe zu üben iſt. Schließlich ſchreiben wir
dem „Sinn“ auch jene Bewußtſeinstätigleiten zu,
bei denen die rein ſinnliche Erkenntnis zwar im
Bordergrunde ſteht, aber doch lange nicht das Ganze
des Bewußtſein3vorganges ausmacht, Bei dem,
waswirinder Pädagogik ſchle (f. d.) nennen, iſt das der Fall. Hier iſt das ſinn»
lich erkennbare Material u. deſſen Ergreifung (nicht
allein durch den Geſichtjinn) das Erſte u. vielleicht
Auffälligſte, aber nicht das ausſchließlich Bedeut»
ſame. Die Ordnung, Vereinheitlichung, Durch»
dringung der einzelnen Sinnezseindrücke bildet
vielmehr das eigentliche Ziel der pädagogiſchen
Anſchauung. Und dazu gehört geiſtige Betäti-
gung. Hierfür verwenden wir ebenſalls den Aus»
druc> „S.“, obwohl wir damit eigentlich nicht bloß
die Schärfung der Sinne u. der Sinneserkenntnis
meinen, fondern deren allmähliche Vergeiſtigung.
Wegen der konkreten Einheit beider Vorgänge in
der „Anjc gemeſſen. Dieſe S. iſt natürlich erſt recht ein Ziel
der Pädagogik, insbejondere der Schulpädagogik.
11. Notwendigkeit u. Grenzen. Die Not»
wendigkeit der S. -- da8 Wort vornehmlich
in den beiden leßten Bedeutungen genommen --
ergibt ſich j trachtung der menſchlichen Natur. Der Menſch
iſt ein leiblich-geiſtige3 Weſen ; er hat nicht nur
das Recht, jondern auch die Pflicht, die beiden
Seiten ſeiner Natur zu pflegen. In die notwen»
dige Sorge für ſeine leibliche Entwicklung iſt die
Achtjamkeit auf die Sinne3organe von ſelbſt ein»
geſchloſſen, die ſür die Leiſtungsfähigleit u. das
Wohlbefinden des ganzen Körpers ſo überaus
wertvoll ſind. Die Pflege der Sinnestätigkeit iſt
um jo notwendiger, als die Sinne ja auch die
Brücke zum geiſtigen Leben ſind. Der Menſch
kann ſein geiſtiges Weſen nur dann in ſeiner Art
vollkommen u. ſruchtbar entfalten, wenn er ſeine
ſinnliche Erkenntnis nach Möglichkeit geübt hat.
Der Reichtum ſeiner geiſtigen Tätigkeit, die Fülle
Sinnesübung,

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ſeines Schönheit8genuſſes hängt zum guten Teil
von der Ansbildung ſeiner Sinne ab. Freilich
bedarf der Geiſt der Sinne bloß als ſeiner Werk»
zeuge, 1. darin liegt eine Begrenzung des Nechte3
der S., die man der heutigen Pädagogik recht
deutlich vorhalten muß. Die S. kann u. darf
nicht übertrieben werden, damit die Fähigkeit de3
begrifflichen, abſtrakten Denkens nicht Schaden
leide. Soſehr auch die „Anſchaming“ (u. damit
die S. in der 3. obenangeſührten Bedeutung)
namentlich für die frühen Stufen des Unterricht3
betont werden muß, ſowenig darf damit das Ziel
der geiſtigen Anöbildung überhaupt erſchöpft ſein.
Ihr Bereich geht über die S. hinau8z erſt jenſeit3
dieſer liegt der volle Abſchluß der höhern Erkennt»
nis des Menſchen.
111. Die S. im einzelnen. Beginnen wir mit
den ſog. niedern Sinnen! Dem allgemeinen
Sinn teilt man gewöhnlich 8 Funktionen zu:
Dritk-, Temperatur- u. Bewegungsempfindung.
Die Drucempfindung verbindet ſich regelmäßig
mit einer Bewegungs8empfindung. Die Übung
beider Arten von Wahrnehmung iſt bei kleinen
Kindern de3wegen von beſonderer Bedeutung, weil
die primitive Raumwahrnehmung in hervorragen
dem Maße davon abhängt. Die ſpätere Mit-
wirkung des Geſichtſinne3 zur Vervollkommnung
der Naumanſchanung macht die Weiterbildung des
Taſt» u. Bewegungsempfindungsvermögen3 nicht
überſlüſſig. Der Bewegungsſinn muß insbeſondere
in der Schule gepflegt werden. Die verſchieden»
ſten Tätigkeiten geben dazu Gelegenheit : da3
Schreiben, da8 Zeichnen, dann in38beſondere da3
Turnen (ſ. d.) u. die verſchiedenen Bewegungs-
ſpiele (ſ. Spiel), ob ſie nun von militäriſchen Ne»
geln beherrſcht od. nach ſreiern Geſichtspunkten
angeſtellt werden. Die jog. „Arbeitsjchule“ (ſ. d.)
will die Ausbildung des Bewegungöſinne3 durch
den Handſfertigkeitsbetrieb mit aller Folgerichtigkeit
durchſühren. Die Vorbereitung, die ſie dadurc)
für ein künftiges Handwerk od. aud) ſür allgemein»
notwendige Fertigkeiten des täglichen Lebens er=
möglicht, iſt wahrlich nicht zu unterſchäßen ; do
darf dabei nicht überſehen werden, daß darin nicht
die einzige od. auch nur die vornehmſte Auſgabe
der Schule liegt. Vor Übertreibung diejer Sinnes»
pflege muß eindringlich gewarnt werden. Daß
eine vernünſtige Familien» u. Schulerziehung ihr
Augenmerk darauf richten wird, bei der Pflege des
Temperaturſinnes die Unterſchied3empfindlichkeit
zwiſchen Wärme u. Kälte nicht in Verweichlichung
ausarten zu laſſen, bedarf keine3 weitern Wortes.
--- Entſprechende3 gilt von der Übung de8 Ge-
ruchs u. des Geſchma>s. Sie ſind beide Hüter
wichtiger Lebensſunktionen. Der Geruch iſt der
Wächter der Aimung, der Geſchmac> der der Er-
nährung. Vielleicht gelingt die richtige Übung des
Geſchmacd3 nod) am leichteſten, wenn man ſchon
das Kind auf die Aufgabe dieſe3 Sinne3 hinweiſt.
Dadurch daß es Speiſen u. Getränke gut durch»
zukoſten angeleitet wird, lernt e3 wenigſtens lang-

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