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ſam eſſen. Freilich iſt die Gefahr des Le>er- u.
Heikelwerdens manchmal nicht ganz leicht zu be-
ſeitigen (ſ. Le>erhaſtigkeit, Naſcherei), Die ſtrenge
u. unabänderliche Gewöhnung an Einfachheit (ſ. d.)
aud) in der Nahrung muß in der Familie Grund-
ſaß ſein; reizende Speiſen u. namentlich alko=
holiſche Getränke ſowie ſrühzeitiger Kaſſeegenuß
verwöhnen u. verbilden den Geſchmac de3 Kindes,
No< mehr Auſmerkjamkeit erfordert die Pflege
der höhern Sinne; denn ihre Tätigkeit ſteht
in viel näherer Beziehung zum geiſtigen Wirken
de3 Menſchen als die der niedern Sinne. Der Ge
hörſinn de3 kleinen Kinde3 iſt der genauern Unter-
ſcheidung der Schallreize nod) nicht fähig; erſt lang-
jam lernt es auf dieſe auſmerken u. ſie richtig be-
urteilen, Die Aufgabe dieſer S. fällt hauptſächlich
der Familienerziehung bzw. der Anſtalt8erziehung
zu. Die Kindergärten ſpielen felbſiverſtändlid)
auch eine nicht unwichtige Nolle. Schwerhörige
Kinder ſind von früh auf der ärztlichen Behand-
lung anzuvertrauen (f. Ohrenkrankheiten). Außer
der allgemeinen Bildung des Gehörs wird die be-
ſondere Übung dur< das Sprechenlehren erzielt,
Daran iſt neben allen übrigen Faktoren vornehmlich
die Schule beteiligt. Im erſten Schulunterricht
muß das Gehör des eintretenden Kinde3 an die
genaue Auffaſſung der Sprachlaute gewöhnt wer=
den ; die von dem Kinde biöher angeeigneten Laut=
äußerungen bedürfen vielfac<) der Abänderung.
Für den erfolgreichen Leſe= u. Schreibunterricht
iſt ein gut ausgebildetes u. zum genauen Auſſaſſen
erzogenes Gehör notwendig. Die Schreibfehler
der Kinder ſind in hohem Maße Hörfehler. Der
Lehrer hat alſo dafür zu ſorgen, ſeinen Schülern
jederzeit durch einwandfreies Vorſprechen die rich=
tigen Sprachlaute darzubieten ; er hat fich durch
häufiges Nachſprechenlajſen -- namentlich durc
einzelne3 Nachſprechenlaſſen -- zu überzeugen, ob
die zuhörenden Kinder das Vorgeſprochene genau
„verſtehen“ u. nach dem auſgenommenen Gehör=
bilde wiedergeben können. Bei dieſer Überwachung
wird ihm die Kenntnis der Vorſtellungstypen (ſ.
Vorſtellungen) der Schüler zu ſtatten kommen.
Er wird prüfen müſſen, ob er nicht einſeitig Vi-
ſuelle unter ſeinen Zuhörern habe, die Klangbilder
gar nicht od. nur ſchlecht auffaſſen. Wenn dies
der Fall iſt, wird er ſeine Methode eben danad)
einzurichten u. durch Geſicht3bilder (Buchſtaben-
darſtellungen u. ä.), mehr, als er das vielleicht ſonſt
tun würde, nachzuhelfen haben. Dod ſoll er immer
darauf Bedacht nehmen, einſeitige Typen in der
Sule nicht allzuſehr zu pflegen , ſelbſt wenn
wirklich hervorſtechende Begabungen zutage treten.
Da35 gilt hinſichtlich de3 akuſtiſchen wie hinjichtlich
des viſuellen Typus, EC3 obliegt nicht der Schule,
am wenigſten natürlich der Elementarſchule, bes
ſondere Begabungen auszubilden. Sie darf da3
nur in dem Maße tun, als es die ſozialen Bil=
dungszwede, für die ſie in erſter Linie da iſt, über=
haupt zulaſſen. Für die ſpätern Notwendigkeiten
des alltäglichen Leben3 wäre die unverhältnis=
Lexikon der Pädagogik. 1YV,
Sinne3übung.

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mäßig mangelhafte Übung eines Sinnes jedenſall3
ein bedeutender Schaden. Da durc entſprechende
Gewöhnung ſchwache Anlagen entwickelt werden
können, ſoll die Schule es nicht verſäumen, durd)
gründliche Übung derjenigen Sinne, die ein an=
geborner einſeitiger Vorſtellung8typu8 zurück=
gedrängt hat, den Vorſtellungstypus ſelbſt zu be=
einfluſſen u. die geſamte Sinneserkenntni8 durd)
Zuſührung andrer Sinneselemente zu bereichern,
Da3 Denken wird daraus mancherlei Vorteile
ziehen. Zn der Schule erfordert noh eine be=
jondere Beachtung die Erziehung des Ohres als
Kunſtſinne8s, Schönes Leſen u. Sprechen, Ge=
ſang u. wo möglich Inſtrumentalmuſik ſind die
Hauptmittel dazu. Zu den erſten zwei Übungen
müſſen alle Kinder, auch die mutikaliſch wenig
veranlagten, gezwungen werden; der Geſang u.
die Inſtrumentalmuſik ſeßen zu ihrem erfolgreichen
Betrieb muſikaliſche Begabung voraus, Soweit
tunlich, ſoll auch da38 muſikaliſche Gehör in der
Schule geweckt u. gebildet werden. = Der wich-
tigſte Sinn des Menſchen, das Geſicht, bedarf
der größten Nü>ſicht u. Pflege. Da3 Auge als
Organ desſelben gehört zu den allerkoſtbarſten
menſchlichen Beſißtümern. Daher iſt ſeine Be=
hütung vor Krankheiten eine ſehr verantwortliche
Pflicht ſür Eltern u. Erzieher (f. Augenerkrankun-
gen, Sinnesſcchonung, Schulhygiene). Blindheit,
ins8beſondere angeborne od. im Kinde8alter ein=
getretene, hat einen unerſeßlichen Ausfall an gei=
ſtiger Bildung zur Folge, Bei Blinden mögen
andre Sinne (vornehmlich das Getaſt u. das Ge-
hör) ſtaunenöwerte Fertigkeit erlangen, die Welt
de3 Lichte3 u. der Farbe bleibt ihnen verſchloſſen.
Zur richtigen Behandlung von Augen, die dauernd
od. infolge von vorübergehenden Störungen nicht
normal funktion3fähig ſind, iſt die Heranziehung
de3 Arztes unbedingt geboten ; z. B. bei Augenents=
zündungen, Kurzſichtigkeit, Farbenblindheit (ſ. d. ;
vgl. au Farbenſinn). Da3 normale Auge bravcht
lange Übung, bi3 e3 richtig ſehen lernt. Dem Kind
macht die Farbenunterſcheidung, dann beſonder3
die Tieſen= u. Entſernungsſchäßung viele Schwie=
rigkeiten. Darin ſowie in dem ſachentſprechenden
Wahrnehmen der Gegenſtände wird erſt durc die
Schulerziehung eine gewiſſe Vollkommenheit zu
erreichen ſein. Den Weg dazu will die Arbeit8=
ſchule (ſ. d.) mit bahnen helfen ; das Hauptmittel
dürſte der Anſchaummg3unterricht (ſ. d.) mit ſeinen
beſondern Formen (neueſtens die Exkurſionen [ſ.d.],
Sculreijen [ſ. d.], Geländeübungen) ſein. An=
ſ von Empfindung3inhalten, vornehmlich optiſchen,
jondern ein gewiſſes Ordnen u. Verarbeiten der-
ſelben. BiS3 das Kind lernt, die zahlreich in ſeine
Sinne dringenden Eindrücke unter einen beſtimmten
„Geſicht3punkt“ zu bringen u. zu deuten, Zuſam=
mengehöriges aus dem Chaos herauszulöſen,
Weſentliches von Unweſentlichem zu ſcheiden, be=
darf e3 vieler Mühe u. Kunſt des Lehrer8. An=
leitung zum richtigen Gebrauche des Sehorgans,
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