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der Ethik ſeſiſiehenden Vorzüge des Sittlichen. ,
Ohne religiöſen Abſchluß verſteht man nicht, wie.
das Sittlich-Gute an Wert die Geſamtheit irdiſcher
in jeder Lage, an< beim Zuſammenbruch aller
irdiſchen Hoffnungen, abſolut gebietet; wie es als
rein innerliyg« Tat ſchon ſeine volle Würde in ſich
trägt, um ſie dann dem äußern Handeln mitzu»
teilen; wie e3 auch ohne menſchliche Gunſt 1.
Hilſe die Gewißheit des Sieges u. der Seligleit
beſikt. Dieje Prädikate kann keine moderne Dies»
ſeitsethik erklären u. verbürgen ; nicht der Privat-
Eudämonismu3 (Utilitari8mus ; ſ. d.), der das
Wohl u. Glück de3 einzelnen als höchſten Lebens»
zwe betrachtet ; nicht der Sozial-Endämonismus,
der “'. Wohlſahrt der Geſellſchaft als höchſtes
Ideal auſſtellt ; nicht die naturaliſtiſche Entwid-
lungömoral, die da3 Leben in ſeiner biologiſchen
Trieb» u. Geſtaltungskraſt vergöttert; nicht die
idealiſtiſche Entwieklung8moral, die im Fortſchritt
der Kultur, des menſchlichen Geiſteslebens, den
lebten Sinn u. Zweck de3 Daſeins erblict.
11. Sittliche Anlage u. ſittliche Handlung.
1. Die Anlage zur S. liegt in der Gottebenbild»
lichkeit des Menihen, in Vernunft u. Freiheit. Nur
die Vernunſt vermag das ideale Geſeß, das un»
bedingt Wertvolle u. Notwendige, zu erfaſſen ; nur
der jreie Wille iſt imſtande, das Sollen ſelbſttätig
zu verwirklichen, ſo daß das Handeln dem Men-
ſchen zugerechnet, Ausdruck ſeine8 Wertes u. Un»
wertes werden kann. Das Geiſtige iſt jedoch im
Menjc verknüpft ; auch die ſittliche Entwieklung zeigt
Überall die Verfle ja die ſittliche Tat iſt am meiſten Tat des ganzen
Menjſc der geiſtigen Vernunſtwürde wurzelt, iſt die Selbſt-
macht des Wollens u. Handelns um ſo größer,
je mehr der Geiſt die Vielheit u. Zuſälliglkeit der
endlichen Güter von höherer Warte durchſchaut,
je kiarer er im Selbſtbewußtſein das J<) als
wirkenden Grund der Tätigkeit erkennt. Freies
Wollen iſt nicht vorhanden, wo das J< weder in
der Wahl der Ziele u. Objekte no< im Prozeß
des Denkens u. Wollens die Möglichkeit des Ja
oder Nein beſfißt. Schließlich liegt jedoch allem
ſreien Wählen ein notwendiger Zug zum vollen,
ſeligen Leben im Kern des Willens zugrunde; u.
die freie Bewegung mündet beim Tugendhaſten
zuleßt in eine Nuhe u. Feſtigkeit, die als „ſelige
Notwendigkeit des Guten“ jeden Abſall vom
Grundwillen ausſchließt. == 3. Das rein Natur-
haſte im Leben u. Handeln kann wohl materiell
gut od. böje ſein; den Charakter eigentlicher, ſor»
meller S. bekommt es nur in Verbindung mit dem
freien Willen, der als Zentralkraſt die niedern
ſeeliſchen Kräſte bewegt u. regiert. Die ſittliche
Eigenart des Willens fließt mit ſeinem pſycho» ;
logiſchen Impul3 auf die Einzeltat, bei wieder»
holtem Handeln auch auf die dienenden Seelen»
fräſte über. So erwächſt die Möglichkeit u. die
Sittlichkeit.

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Pflicht, auch die ſinnlihen Neigungen, das
ganze Geſühlsleben, ſittlich) zu adeln u. zu ver»
klären, Vollkommene S. | nicht Streit der
Vorteile u. Genüſſe auſwiegt; wie e3 als Pflicht | Triebe, nicht Geſühlloſigkeit, ſondern Harmonie
von Geiſt u. Geſühl, Pflicht u. Neigung. --
4, Eine neutrale Stellung zwiſchen gut u. böſe
iſt nicht möglich, weil das Geſeß der S. alles
ſreie Handeln umfaßt; wer der Norm nicht ge-
horcht , verlebt ſie. Zwar gibt e8 Handlungen,
die, abſtrakt genommen, indiſſerent ſind ; in ihrem
wirklichen Vollzuge aber können u. ſollen ſie auf
vernünſtige Zwede bezogen, ins Ganze des ſitt-
lichen Lebens eingeordnet ſein. Der bloßen Sinnen-
luſt od. der zwe>loſen Laune zu ſolgen, iſt eines
Vernunſtweſens, vor allem eines Chriſten, un-
würdig. Doch iſt die vernünſtige Reglung nicht
kleinlich u. atomiſtiſch zu denken ; ſie geſchieht in
lebendig»-organiſcher Weiſe, indem die „gute Mei-
nung“, der höchſte Zielgedank?, die nähern, be»
rüſlichen Zweeke durchdringt, die Cinzelhandlungen
virtuell (indirekt) beſeelt u. heiligt. =- 5. Wenn
ſo aus der ſittlichen Anlage des Geiſte3 heraus
natürlich-gute Werke möglich ſind, ſo drängt ſich
doch bei der unendlichen Hoheit de8 Endziels u.
der Kompliziertheit der Menſchennatur ſchon dem
natürlichen Bewußtſein das Bedürſnis der gött=
lichen Gnade auf. Dieſer Zug zur myſtiſchen Er-
gänzung des ſittlichen Strebens verſtärkt ſich an-
geſicht3 des gewaltigen Widerſtreit3, den die Sünde
in die Natur des Menſchen hineingetragen hat;
die wahre Freiheit u. Harmonie des Sittlichen iſt
nur durch Gotte38 Beiſtand erreichbar. Dieſes
ſiarke Bedürfnis der Gnade iſt keine Erniedrigung
für den Menſchen; denn die Gnade iſt nicht nur
Heilung, ſondern auch übernatürliche Erhebung
u. wahre Gotteskindſchaſt (ſ. Gnade u. Erziehung).
II1. Bedeutung der S. in der Erziehung.
Aus dem ſeeliſch - leiblichen Weſen des Menſchen
u. der umfaſſenden Auſgabe der S. ergibt ſich,
daß die Grundlage der ſittlichen Erziehung in
etwa ſchon mit dem leiblichen Werden u. Wachſen
des Kindes gegeben iſt, woraus die weittragende
Verantwortung der Eltern erhellt, In der eigent-
lichen Bildungsarbeit nimmt die ſittliche Erziehung,
wie alle großen Pädagogen anerkennen, die erſte
Stelle ein. In der ſcüheſten Jugend iſt die ſitt-
lie Erkenntnis un. Willenskraſt allerding3 eine
unvollkommene; nur die nächſten Ziele u. Gebote
machen Cindruk. Der Vollſinn der S., dem
gemäß auch die Sünde im vollen Sinne, treten
erſt in den Geſichtökreis, wenn der kindliche Geiſt
über den menſchlichen Geboten einen höchſten
Willen, über den nächſten Auſgaben einen höchſten
Lebensöwert erſaßt. Der Zeitpunkt, wo dieſer
„Gebrauch der Vernunſt“ beginnt, läßt ſich ſicher
nicht ſchematiſch, ſondern nurindividuell beſtimmen;
jedenfalls wird er durch die frühe religiöje Be-
lehrungder Während moderne Cthiker reſigniert geſtehen, e3
ſei unmöglich, das Kind u. ſelbſt den ungebildeten
Mann über das wahre Endziel der S., etwa die

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