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Kultur, aufzuklären, iſt ſchon das beſähigt, auf das höchſte „Wozu“ eine richtige Ant-
wort zu geben u. auch praktiſch die höchſte Tugend,
die Liebe zu Gott, in ſchlichter Einfalt zu üben. Je
mehr der Geiſt ſich entfaltet, um ſo mehr wird er
auch für weitere Belehrung über Gott u. die ſitt
lichen Gebote empfänglich. Au der bibliſche u.
dogmatiſche Unterricht hat ſein leßtes Ziel nicht
erreicht, wenn er nicht zur Belebung u. Feſtigung
der S. beiträgt ; ſelbſt die weltlichen Fächer, vor
allem die praktiſchen Fertigkeiten, müſſen direkt
od. indirekt zu einer Schule der S. werden. In
dieſer Veranſc Gedanken geht der Jugend allmählich auch da3
Verſtändnis für die innere Weisheit u. Segens8=
kraſt der Gebote auf; während bloß moraliſche
Reden u. Mahnungen bald langweilen.
Neben der Pflege des Geiſte3= u. Willen3zen=
trums verdienen andre, zum Teil ſchon früher ein-
ſehende Faktoren ſorgſame Beachtung. So regen
ſich bereit3 vor dem Erwachen de8 Gewiſſens an-
geborne Gefühle (Schamgefühl, Selbſtgefühl,
Liebe zu den Eltern, Schaſſensluſt) ; ſo wirkt ſchon
ſrüher al38 die verſtändige Belehrung da3 Beiſpiel
(ſ. d.) in Familie, Geſpielenkreis, Umgebung; ſo
geht dem freien Gehorchen u. Entſchließen die un»
bewußte Gewöhnung (ſ. d.) u. Anleitung voraus,
Nur wenn dieſe bildenden Kräfte weitergepflegt u.
dem ſeeliſchen Ganzen dienend eingefügt werden,
ſo daß ſie das ſittliche Erkennen u. Wollen des
Geiſtes ergänzen u. beleben, kann ſich der junge
Menſ< zum vollen ſittlichen Charakter entwickeln.
Der A manchen Modernen der Vorwurf gemacht, ſie trete
dur) ihre autoritative Darbietung u. Einprägung
de8 Geſehe3 der Innerlichkeit des Sittlichen zu
nahe; echte S. müſſe ſic) beim Kinde ebenſo von
ſelbſt aus dem Innern entwickeln wie der frucht=
tragende Baum aus dem Seßling. Hier iſt ſchon
der Vergleich unglücklich ; denn da38 wilde Stämms
trage. In der Sache aber werden zwei wichtige
Unterſchiede überſehen. Die menſchliche Natur iſt
nicht wie die der Pflanze u. des Tieres eine ſtreng
einheitliche, in ſich geſchloſſene ; ſie umſaßt eine
doppelte Sphäre, eine geiſtigen. ſinnliche, von denen
die höhere ſid) nur mühſam gegen die niedere be=
hauptet u. ohne Stüße leicht zuſammenbricht. Und
der Geiſt jelbſt bejißt zwar die Möglichkeit zu
allem Großen u, Guten, nicht aber eine au8geprägte
Nichtung, eine typiſche Determination zur wahren,
ſittlichen Güte u. Schönheit, ähnlich der ſpezifiſchen
Tendenz im Organi8mus3; in ihm ſchlummert aud)
die Möglichkeit der Entartung, eine Freiheit zum
Böſen, die ohne äußere Leitung u. Zucht meiſt
zur traurigen Wirklichkeit wird. -- Über die theo-
logiſche Sittenlehre u. ihre erziehliche Bedeutung
vgl. den Art, Moral.
Literatur. M. Wittmann, Die Grundfrag.
d. Ethik (1909); V. Cathrein, Motxalphiloſ. 1
(61911) 160 ff; IJ. Mau8bach, Grundlage u. Aus-
Sittlichkeitä3vereine.

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bild. d, Charakters nac<ß Thomas v. Aquin (1911);
F W. Foerſter, Schule u. Charakter (121914); L.
Habrich, Pädag. Pſychol. 111 (1912). Eingehendes
über den Begriff des Sittlich- Guten |. Philoſf.
Jahrb. 1899 u. 1900. [3. Mausbac.]
Sittlichkeitsvereine, 1. Arten. Wir
unterſcheiden drei Arten von S.n je nach den Per=
ſonen od. Perſonenkreiſen, deren Sittlichkeit von
ihnen angeſtrebt wird. 1. Jene Vereine, welche
die perſönliche Sittlichkeit ihrer Mitglieder pflegen
wollen ; dieſe ſind die älteſten. Katholiſcherſeits
ſind es hauptſächlid) die weitverzweigten Mariani=
ſchen Kongregationen (ſ. d.), aber auch zahlreiche
andre Bruderſchaſten. Proteſtantiſcherſeit3 grün=
dete 1884 der anglikaniſche Biſchof Lightfoot in
Durham die White Cross League, die 1890
auch na Deutſchland als „Deutſcher Sittlich=
feitöbund vom Weißen Kreuz" verpflanzt wurde.
Bei der Auſnahme in den Bund machen die ein=
zelnen ein Gelübde, in dem ſie ſich zu einem ſitten-
reinen Leben verpflichten. 1911 zählte der Bund
371 Gruppen mit 5532 Mitgliedern. -- 2. Solche
Vereine, die ſich vor allem mit der Rettung der
Geſallenen u. der Abſchaffung der reglementierten
Proſtitution befaſſen. Derartige Beſtrebungen
gehen ebenſalls weit zurück (vgl. F. Keller, Oxr=
ganiſierte Caritas i, Kampf m, d. Proftitut.).
Dieſe Vereinigungen ſuchen die Gefallenen zu
ſammeln u. zu retten in Magdalenenaſylen, Für=
jorgeheimen, Zufluchtſtätten, Frauenheimen durch
das „Werk vom guten Hirten“ u. ähnliche Be=
ſtrebungen (ſ. Gute Hirtinnen). Die proteſtan=
tiſc 19. Jahrh. mit dem Aufblühen der Innern Miſ-
ſion ein, während die erſten ſichern Nachrichten
über das katholiſche Werk vom guten Hirten bis
zum Beginn de3 13. Jahrh. hinaufreichen. Mit-=
telbar ebenfalls der Nettung der Gefallenen wen=
det ſi) die 1875 gegründete Federation aboli-
tioniste internationale (Zentrale: Genf) zu,
die in erſter Linie die geſeßzliche Neglementierung
der Proſtitution bekämpft. Das Organ dieſer
Vereinigung iſt das Bulletin continental. Der
deutſche Zweig hat ſeinen Siß in Dre8den (Or=
gan: „Der Abolitioniſt“, Dresden, ſeit 1902). --
8. Jene Vereine, die in erſter Linie an der He=
bung der öffentlichen Sittlichkeit arbeiten durch
Sammlung u. Wekung der gutgeſinnten Kreiſe
zum Kampfe gegen die Verſeuchung de8 Volk3=
körpers dur die verſchiedenartig öffentlich her=
vortretende Unſittlichfeit. Dieſe Art von S.n ver=
dankt ihr Entſtehen erſt der neueſten Zeit, Es
ſind S. im engern Sinne, die auch gewöhnlid)
mit diejem Namen bezeichnet werden.
11. S. im engern Sinne. In dieſen Vereinen
handelt e38 fich, wie Schneider treffend ſagt, um
mehr al3 um eine Verhütung von Ausſchweifungen,
nämlich umeine Reinigung der ganzen Atmoſphäre,
in der de3 Volkes Seele leben ſoll. E3 war eine
Glutwelle erotiſcher Überhißung über unſer Volk
gefommen, die einem geſunden Aus8wachſen der

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