1163
was in den ganzen Übrigen Kreis des wiſſenſchaft»
lichen Lebens der Jünglinge ſällt, mit dieſem Unter-
richt in Verbindung bringen, daß wir vor allem
ihnen zeigen, wie Glaube u. Wiſſen keines»
wegs einander ausſchließen od. gar ſeindſelig ein»
ander gegenüberſtehen, daß es nur der tote
Glaube " der das Wiſſen, u. nur das leere
Wiſſen, welches den Glauben verachtet, daß da-
gegen Glaube u. Wiſſen ſich gegenſeitig beleben,
wenn der Glaube die Quelle iſt, aus der immer
von neuem der Baum der Erkenntnis getränkt
wird, u. deſſen Kraft alle ſeine Zweige durch»
dringt“ (ebd. S. 63).
In den erſten Jahrzehnten des 19. Jahrh.
traten in Deutſchland an Stelle der ehedem ſaſt
nur agrariſchen Wirtſchaft8ſormen die induſtriellen
Uu. kommerziellen Einrichtungen in Staat u. Ge»
meinde u. machten ihre Anforderungen auch gegen-
über der höhern Schulbildung geltend. Die ältere
Richtung hielt an der wiſſenſchaſtlichen Einheit3-
ſchule feſt u. verwarf die techniſchen Beruſs-
anſtalten, beſonder3 die Realgymnaſien u. Neal»
ſchulen, weil die darin gepflegte reine Berufs»
bildung zu Barbarei u. Selbſtjucht führe u. durch
derlei Anſtalten alle Nationalität zugrunde gehen
würde! Doch dieſe ſtarke Voreingenommenheit
gegen ein Bedürſni3 der Zeit konnte die geſunde
Entwicklung des Schulweſens nicht auſhalten.
S. wurde ein bedeutender Förderer der Real»
ſchulen (ſ. d.). In dem Schulprogramm v. 1822
unterſucht er auch da3 Weſen der Bürgerſchule.
Er prüſt darin die Berechtigung der Vorwürſe
der Gegner, daß man in den Bürgerſchulen den
Menſchen vernichte, während man den Bürger er-
ziehe. Er erklärt vnter Berückſichtigung der neus
eingetretenen Zeitverhältniſſe e3 für eine „unerläß-
liche Bedingung, unter welcher unſre Nation nicht
bloß äußerlich, ſondern auch innerlich zu einer
höhern Stufe der Kraſt u. der Tüchtigkeit ſich er-
heben fann, wenn, wie in der Gelehrtenſchule die
ideale u. rein wiſſenſchaſtliche Bildung, ſo in der
Bürgerſchule die reale Richtung u. der künſtleriſche
Bildungöstrieb gepflegt u. alles da3jenige gelernt
wird, wodurch auch da3 äußere Leben eine höhere,
veredelte u. ſittliche Geſtalt gewinnen kann". Auf
dieſer Grundlage beſtimmt er Inhalt u. Umfang
der einzelnen Lehrgegenſtände. Al3 die beiden
Hauptlehrgegenſtände der Bürgerſchule ſtellt er die
Naturkunde u. die Mathematik in den Mittelpunkt
des Unterricht3; daneben den Unterricht in der
Mutterſprache u. die Kunde des Vaterlandes, die
durch Länder» u. Völkerkunde zu ergänzen iſt. Als
Fremdſprachen fordert er Franzöſiſch u. Engliſch.
Die Bildung des Sinnes für die Form ſoll durch
Modellieren u. Zeichnen geſchehen. Vom geſamten
Unterricht verlangt er, daß er von der Religion durchdrungen ſein müſſe.
In ähnlicher Weiſe unterſucht er in dem Pro»
gramm v, 1823 auch den Jnhalt u. die Begren»
zung der Unterricht3gegenſtände in der 6klaſſigen
Realſchule, als deren Zweck er bezeichnet, „ihre
Spilleke, Auguſt Gottlieb.

1164
Zöglinge von den erſten Elementen an bis zu der-
jenigen Stuſe der intellekinellen Bildung zu führen,
daß ſie dadur< niht allein zur Erlernung eine3
bloß mechaniſchen Geſchäfts, ſondern auch zu den=
jenigen bürgerlichen Berufsarten geſchi>t ſind,
welche eine wiſſenſchaſtliche Vorbereitung ex-
fordern". Das Neue, das S. hiermit einführte,
war, daß die Realſchulen nicht mehr lediglich Fach»
bildung, ſondern eine allgemeine Vorbildung fürdie
höhern Berufe des bürgerlichen Lebens vermitteln
ſollten. Die Unterricht8gegenſtände ſind Deutſd),
Franzöſiſch u. Latein (von dem S. allerdings an=-
nahm, daß, wenn in der Anſtalt die Jdee einer
höhern Bürgerſchule vollkommen verwirklicht ſei,
es durch die Behörden eine andre Stellung er-
halten werde, was allerdings erſt viel ſpäter ge-
ſc Lehrplan ein: Neligion, Nechnen u. Mathematik,
Naturkunde, Geographie u. Geſchichte ; als „Ted-
niſche Fertigkeiten“ Schreiben, Zeichnen u. Ge-
ſang ; lezterm ſchrieb er al8 Zweck zu, „auf die
Belebung u. Stärkung de3 religiöſen Sinne3 hin»
zuwirken“.
Auch ſür die mit der Berliner Nealſchule durch
die Gemeinſamkeit der Lehrperſonen verbundene
Mäd v. 1823 in knapper, aphoriſtiſcher Form einige
Grundſäße auf. Er verwarf für den Mädchen
unterricht alles, wa38 überwiegend ein Gegenſtand
de8 Intellekt3 iſt, mithin die alten Sprachen u.
die Mathematik. Die Bildung de8 Mädchens be=
ſteht nach S. „in einem harmoniſchen Zuſammen=-
ſein aller geiſtigen Kräfte, ſich ausſprechend dur)
den Sinn für das Gute u. Schöne. Der Unter-
richt in der Mädchenſchule iſt daher nur dann
zwekmäßig, wenn der Lehrer den Gegenſtand allein
von dem Geſichtöpunkte aus behandelt, wie dur)
ihn dieſer Sinn gewedt, belebt u. veredelt werden
kann“. Die innerſte Quelle der weiblichen Bil-
dung iſt die Neligion, u. „derjenige Unterricht für
Mädchen iſt der zwe>mäßigſte, der entweder mittel»
bar od. unmittelbar zur Neligion hinführt u. dem
Sinne für das Heilige Nahrung gibt“. Als Schema
der Lehrgegenſtände für eine dreiſtufige höhere
Mädchenſchule ſtellt S. folgende Unterrichtöfächer
auf: 1. ſol ſittlichen Sinne38 (Neligionsunterricht, Geſang,
Naturkunde, Geſchichte) ; 2. ſolche zur Erwecung
u. Bildung de3 Schönheitöſinne3 (Deutſch, Schrei=
ben, Zeichnen, Geſang, Handarbeiten); 3. ſole
zur Bildung des Verſtandes (Deutſch, Nechnen) ;
4. ſol Mädchens in den äußern Verhältniſſen beziehen
(Deutſch, Rechnen, Schreiben, Handarbeiten, neuere
Sprachen, beſonder8 Franzöſiſch). Da nac< S.
die Mädchenſchule „nicht8 andre3 als der erweiterte
Familienlreis ſein ſoll“, ſo ſtellte er in allem die
erziehlichen Elemente in den Vordergrund u. be-
urteilte danach auch die Anwendung von Strafen
u. Belohnungen, die er beide auf da3 unbedingt
notwendige Maß beſchränkt wiſſen wollte.

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.