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bringt die überlieferten Formen in einen kauſalen
Zuſammenhang, ſucht fie genetiſch zu erklären,
Für die Schule ſcheint ausſchließlich die beſchrei-
bende Grammatik in Betracht zu kommen, da die
Einprägung de3 Sprachſtoſf8 das Ziel iſt. Aber
auch die beſchreibende Darſtellung iſt in wirklich
ſachentſprechender Form ohne Kenntnis der Sprach-
entwidlung nicht denkbar ; denn nur dieſe ermög“
licht die ric zutrefſſende Faſſung der Negeln, Darüber hinaus
hat die entwicklungs8geſchichtliche Betrachtung auch
eine große Bedeutung ſür die Praxis : in der Tat=
ſachenmaſſe der beſchreibenden Grammatik findet
ſich neben den großen gleichſörmigen Kategorien,
die wir als „regelmäßig“ bezeichnen, eine bunte
Fülle von „unregelmäßigen“ Erſcheinungen. Dieſe
„ÄAu8nahmen“ ſind e8, die der Sprache auf den
erſten Bli einen irrationalen Charakter geben u.
dadur< der Einprägung des Sprachſtoffes die
größten Schwierigkeiten bereiten. Aber die ſchein-
bare Willkür ſchwindet, ſobald man die „Aus3-
nahmen“ im Lichte der Entwielung8geſchichte be=
trachtet. Es ergibt ſich) al8dann, daß das „Negel-
mäßige“ das Ergebnis jüngerer Entwieklung iſt,
während da3 „Unregelmäßige“ al3 da8 Altertüms=
liche zu gelten hat, das ſich nur infolge häufigen
Gebranch8 in eine jüngere Sprachperiode hinüber-
gerettet hat u. nun, gleich erratiſchen Blöcken, von
einer äberwundenen Entwilungsſtufe Zeugnis
ablegt. Es gehört zu den dankbarſten Aufgaben
de8 Sprachunterricht8, die „Au8nahmen“ zu er=
flären, d. h. ſie aus ihrer Vereinzelung zu erlöſen
u, al8 Glieder eines ehemals geſchloſſenen Jormen=
ſyſtem8 verſtändlich zu machen; zu zeigen, wie
auch dort, wo dem Anſchein nach Willkür herrſcht,
in Wahrheit ſtrenge Geſehmäßigkeit waltet,
Um dieſe Auſgabe erfüllen zu können, bedarf der
Lehrer einer gründlichen Kenntni8 der Methode
wie der Ergebniſſe der indogermaniſchen
Sprachwiſſenſchaſt. Während dieſer Forderung in
der deutſchen Philologie (ſ. Philologie, deutſche)
ſaſt durchweg Genüge geleiſtet wird, bleibt auf dem
Gebiete der klaſſiſchen Philologie (ſ. Philologie,
klaſſiſche) noch viel zu wünſchen übrig. Wohl er-
ſreut ſich die Grammatik der griechiſchen wie der
lateinijchen Sprache an allen deutſchen Univerſi-
täten einer ganz beſondern Pflege durch die Vertreter
der indogermaniſchen Sprachwiſſenſchaft, aber die
grundlegende Bedeutung dieſe3 Studiums fürjeden
tlajjiſchen Philologen wird auch heute noh nur
ungenügend gewürdigt. Dies zeigen am klarſten
die Beſtimmungen der Prüfungs3ordnungen, die
von den klaſſiſchen Philologen zwar archäologiſche
Fachkenntniſſe verlangen, faſt nirgend8 aber ein
poſitive3 Wiſſen in Methode u. Ergebniſſen der
indogermaniſchen Sprachwiſſenſchaft fordern, Und
do) iſt dies unerläßlich, ſoll der Unterricht in den
klaſſiſchen Sprachen auf unſern Gymnaſien über die
mechaniſche Aneignung troner Regeln hinaus-
gehen. Freilich iſt zu dieſem Zweck auch eine gründ=
liche Umgeſtaltung unſrer Schulgrammatiken er-
Sprechapparat u. Schule,

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forderlich : ſeit G. Curtius 1852 in dankens8werter
Weiſe den Verſuch machte, die ſprachwiſſenſchaftliche
Forſc verwerten, ſind in methodiſch = ſprachwiſſenſchaft-
licher Hinſicht keine weſentlichen Fortſchritte in
unſern Schulgrammatiken gemacht worden. Der
neueſte Verfuch von E. Niepmann (Latein. Un-
tiuichtSwerf [1913]) iſt troß großen pädagogi-
Ihen Geſchi>8 geſcheitert, weil die ſprachwiſſen-
[chaſtlichen Kenntniſſe des Verfaſſer38 unzulänglich
ind.
| Der Einwand, daß man keine „Sprachver-
gleichung“ (ſ. d.) in der Schule treiben dürfe, iſt
gegenſtandsölo3. Denn nicht auf die Heranziehung
ſremder Sprachen fommt e3 an, ſondern auf die
Methode, wie ſie namentlich H. Pauls „Prin=
zipien der Sprachgeſchichte“ (*1909) lehren. Gez
rade die klaſſiſchen Sprachen bieten durch ihre
Altertümlichkeit ein ausgezeichnetes Objekt für die
entwichmg8geſchichtliche Betrachtung. In wels=
zelſprache gelibt werden kann, zeigen M. Nieder-
mann3 „Hiſtor. Lautlehre“ (21911), A. Ernouts
„Hiſtor. Formenlehre“ (1913) des Lateiniſchen.
Für die Syntax aber iſt die pſychologiſche Be-
trachtungsweiſe unerläßlich, Welche Früchte dieſe
gerade für die Shulgrammatik tragen kann, hat
Ihon 1882 H. Ziemer3 Abhandlung gezeigt: „Das
pſy formen“ (Junggramm. Streiſzüge [? 1883]). Cine
gute „Einführung in die Syntax“ von modernem
Standpunkt aus bietet R. Blümel (1914).
Citeratur. H. Oſthoff, Der gramm. Schul«
unterr. u. die ſprachwiſſ. Methode (Ziſchr. f. d.
öſterr. Gymn. 1880); K. Brugmarn, Der Gyms=
naſialunterr. i. d. beiden klaſſ. Sprachen u. d. S.
(1910); P. Cauer, Grammatica militans (*1912) ;
C. Meurer u. E. Niepmann, Nichtlinien f. d.
gramm. Unterr. im Lat. (1908). Vgl. auch Jndo»=
germ. Bibl,, 11. Abt.: Sprachwiſſ. Gymnaſialbibl,,
hr8g. von M. Niedermann (1307 ff; hierin die
gen. Werke von Niedermann, Crnout, Blümel).
[W. Streitberg.]
Sprechapparat u. Schule. 1. Wür-
digung. Der Phonograph (v. pov, Ton, u.
1p4o2w, ſchreiben) diente zunächſt Unterhaltung3=
zwecken 11. erlangte erſt ſpäter auch wiſſenſchaft=
liche 1. pädagogiſche Bedeutung. Der Name
Grammophon (7951-40, Sc wöhnlich Apparate mit Sprechplatten, zuerſt von
Berliner hergeſtellt ; der Phonograph, eine Erſin=
dung Cdiſons, hat Sprechwalzen. Dieſe Erfin=
dungen wurden unter den Namen S, od. Sprech»
maſchine in den Dienſt der Schule geſtellt. S.e
werden bejonder38 von der Deutſchen Grammo=
phon = Aktiengeſellſchaft in Berlin u. von den
Odeon-Werken in Berlin hergeſtellt u. durc< die
Verlage Violet (Stuttgart) u. Teubner (Leipzig)
vertrieben. Violet8 Verlag nennt ſich Zentral=
ſtelle für das phonographiſche Unterrichtöweſen in
Stuttgart u. gibt die Zeitſchriſt „Unterricht u.
Sprechmaſchine“ heraus. Die Wiſſenſchaſt legt

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