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iſt, daß Störungen ſeiner ſeeliſhen Funktionen
viel in die Erſcheinung treten.
II. Die erzieheriſche Einwirkung hat, wenn
bei Kindern S. vorliegt, zuvörderſt ſorgſältig nach
den Urſachen zu forſchen u., ſtatt nur einzelne
Auswüchſe zu bekämpfen od, abzuſchneiden, den
ganzen Boden zu beeinſluſſen, Dies kann geſchehen
durch Belehrung über die Häßlichkeit der S..
dur die der Menſch ſich allex evein Güter der
Freundſchaft beraubt, fich vereinzelt u. unbeliebt
macht u. dadurc innerlich verkümmert, durc die
er ſerner ſeine Kräfte ganz am unrechten Ort u.
meiſt mit negativem Erfolg vergeudet, ſtatt ſie,
richtig angewandt, in den Dienſt einer poſitiven
Sache zu ſtellen, E3 kann aber, wie alle erziehe=
riſche Einwirkung, am beſten geſchehen durchs Bei-
ſpiel. Jeder Streit zwiſchen Eltern od. ältern
Geſchwiſtern wirkt auf die Kinder entſittlichend ---
alſo unterbleibe er, jedenfalls vor den Augen nu.
Ohren der Kinder. Je mehr dieſe von ihrer S,
Schaden haben, deſto mehr werden ſie klug wer=
den 1. verträglich miteinander leben, Selbſtver-
ſtändlich iſt, daß einerſeit8 auffallende u. leidige
Aus8wüchſe von S. durch energiſche Strafen ab=
zuſchneiden, anderſeit3 pathologiſche Grundlagen
mit äußerſter Schonung u. womöglich unter Zu-
ziehung eines heilerziehungökundigen Arztes zu
behandeln ſind. -- Vgl. auch den Art. Necht-
haberei. [H. Moſapp.]
Strenge 11. Milde, S. u. M. ſind zwei
entgegengeſeßte Handhabungen der Zucht.
1. Die Strenge. 1. Da3 Weſen. Die S.
bekundet fich in der Schärfe der Anforderungen, in
der Beurteilung der Leiſtungen 1. de8 Betragen3
der Zöglinge, ſowie namentlich im Aus8maße der
Beſtraſungen. Sie iſt leicht geneigt, in allen
Verſehlungen böſen Willen beim Zögling zu
ſehen u. ſie dementſprechend ernſtlich zu ahnden.
Wenn Beurteilung u. Beſtraſung über eine mäßige
Mitte hinaus8gehen, ſo führen ſie zu Schärfe u.
Härte, die auch kleinen Fehltritten od. Vergehen
ichwere Strafen auſlegt. Bei der wichtigen Auf-
gabe der Erziehung u, des Unterrichts iſt e8 un=
erläßlich, daß der Erzieher ſeine Tätigkeit mit
Begeiſterung u. Ernſt umfaſſe. Sein feſter,
ernſtlicher Wille, das ihm geſteckte hohe Ziel
zu erreichen, kann aber leicht zur S. in den
Anforderungen an die Schüler u. in deren Be-
urteilung führen, Von dem Falle, daß die S,
aus dem herben Temperament od, aus zorn=
mütiger Laune des Erzieher8 hervorgeht, ſehen
wir hier ab, weil er ſeine Verurteilung in ſich
jelber trägt.
2. Wirkungen. Die S. kann heilſam wirken,
wenn der Zögling ſich ihr willig unterwirſt u.
dadur< lernt, hohe u. ſtrenge Anforderungen an
ſich ſelbſt zu ſtellen. „Cine ernſte, ſtrenge Erzie=
hung iſt ein Segen für das ganze Leben“ (L. Kell=
ner). Darum tut es not, daß ſie in der rechten
Weiſe in der Schule gehandhabt wird. Das ſekt
freilich als unerläßlich voraus, daß der Erzieher
Strenge u. Milde.

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auch an ſich ſelber ſirenge Anſorderungen ſtelle u.
in ernſter Selbſtzucht ein Muſter ſei. = Die S.
kann leicht aber auch nachteilig wirken, wenn der
Zögling das Gefühl hat, daß der Erzieher kein
Wohlwollen u. keine Teilnahme für ihn hege
(f. Gerechtigkeit, Parteilichkeit), u. daß ihm keine
Freiheit zu berechtigter Selbſtbetätigung bleibe.
Der Erzieher iſt dann nicht der Leiter, dem
der Zögling vertrauen8voll u, willig folgt, ſon=
dern der harte Zuchtmeiſter, deſſen S. er durch
Schlauheit u. Trug zu entgehen jucht. Overberg
ſagt von den Lehrern, die ihren Kindern durd)
übertriebene S. Schre>en u. Furcht einſlößen :
„Solche Lehrer ſind eine Peſt der Schule u.
wahre Verderber der Jugend.“ = F. W. Foerſter
(Schule u. Charakter) weiſt nachdrücklich darauf
hin, wie ſehr die dur zu große S. hervorgerufene
Verſtellung u. Lügenhaftigkeit geeignet iſt, den
Mut der Wahrheit u. damit die Charakterent=
wicklung zu ſchädigen: „Charakter beruht zum
großen Teil auf Mut; darum iſt der Kampf
gegen die Furcht ſo wichtig. ... Wie kann über=
haupt Charakter gedeihen, wenn die Menſden-
furcht durch langjährige Übung eine ſo gebietende
Gewohnheitömacht in der Seele wird!" Darum
möge man vor allem die Handhabung der Schul-
zucht (ſ. d.) prüfen ; „denn durch ſalſche Behand-
lung in der Schule ſind ſchon zahlreiche Kinder
auf den Weg der Verſtotheit u. dann des Ver-
brechens geführt worden“, = Auch Fenelon warnt
vor der Härte: „Nicht3 verſchließt ein ſur Kind mehr in ſich ſelbſt als die Härte. Eine durch
Furcht geleitete Seele wird ſchwad); die gewöhn=
lichen Geſühle der Kinder müſſen Freude u. Ver=
trauen ſein, fonſt verfinſtert man ihren Geiſt u.
raubt ihnen den Mut.“
Sicher iſt, daß die ſchlimmen Folgen der S.
im allgemeinen größer ſind al3 die guten. Das
triſſt ganz beſonder3 zu bei pathologiſchen
Kindern. Mit geiſtiger Minderwertigkeit iſt
durc Mangel an Anzdauer, eine leichte Ablenkbarkeit
verfnüpſt, die dem unkundigen Erzieher als Faul=
heit u. Nachläſſigkeit erſcheinen. Sucht man dieſe
Erſcheinungen dementſprechend durch ſtrenge Stra-
fen auszutreiben, ſo können dadurc die „pſycho-
pathiſchen Minderwertigleiten“ (f. d.) leicht zu
vollem Irrſinn werden (vgl. auch Pſychopathologie).
Darum weiſen Nerven= u. Irrenärzte mit Nach»
druck immer wieder auf die traurigen Folgen hin,
die ſich bei Kindern aus der „Angſtpädagogik“ ent=
wickeln können (). Phobien ; vgl, auch Neuraſthenie
u. Nervoſität), Die aus den Angſtzuſtänden her=
vorgehenden Störungen ſind bei Kindern gar nicht
ſelten : Unfähigkeit zu ſprechen od. zu leſen, plöß-
liches Verſagen des Gedächtniſſes, Zittern u.
Krämpfe. Darum iſi beſonder8 bei geiſtig Minder-
wertigen gütige Behandlung u. Maßhalten in der
S. erforderlich. Beſonder8 dann, wenn die ganze
Klaſſe durchg Übermüdung od. Aufregung in
einen gereizten, pathologiſchen Zuſtand geraten iſt

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