123 Bſychologie als Unterricht8fac Ml als Unterrichisfach [. Philo-
jophiſche Propädeutik,
Pſychopathiſche Minderwertig»
keiten. 3. Weſen u, Name der Krankheit.
Die Zuſtände geiſtiger Geſundheit u. Krankheit
ſind nicht durch eine ſcharfe Linie getrennt. (3 be-
ſteht vielmehr zwiſchen beiden ein breites Über-
gangögebiet,. Alle3, wa3 ſich innerhalb dieſer beiden
Grenzen befindet, was alſo nicht mehr geiſtig ganz
geſund u. auch noch nicht au3geſprochen geiſtig krank
iſt, gehört zu den p. M. Das Grenzgebiet umſaßt
vielerlei, J. L. A. Koch, der Zwieſaltener Jrren»
anſtaltöarzt, der als erſter dieſe Zuſtände abgrenzte,
rechnet auch gewiſſe flüchtige Störungen de3 Seelen-
leben8 hinzu, wie den Kaßenjammer, den Schre>,
die Befangenheit, die Examensangſt uſw., kurz
jede geiſtige Negelwidrigkeit, die nicht Geiſteskrank-
Heit iſt, Die in Betracht kommenden Störungen be-
ruhen nicht auf einer organiſchen, ſondern auf einer
ſunftionellen Anomalie de3 Nervenſyſtems, ſpeziell
ſeine38 Zentrum3, de3 Gehirn8. Sehr oft miſchen
ſich leichtere Symptome der Geiſteskrankheiten mit
denen der p. M., aber niemals ſchwerere u. ſolc namentlich nicht auf längere Dauer. Symptome,
die vorwiegend da3 körperliche Gebiet der Nerven»
tätigfeitbetreſſen, wie Senſibilitätsſtörungen, Neur-
algien uſw., können die p. M. begleiten, machen
aber ihr Wejen nicht aus, Wo ſie allein beſtehen,
handelt es ſich um Neuropathien. Dem Namen
p. M haſtet der Fehler an, daß ihm nur zu leicht
der Nebenbegriff de3 moraliſchen Defektes bei»
gefügt wird, der ihm aber nicht notwendig zu-
kommt. --- PB. M. bezeichnet eine Krankheit, nicht
Schlechtigkeit, Ziehen braucht ſür dieſe Krankheit
den Ausdru> „p. Konſtitution“, ein Name, der
aber die flüchtigen Zuſtände nicht umfaßt. Kurz
u. zumeiſt ansreichend iſt der Ausdruek „Pjycho-
pathien“ allein.
11. Entſtehung der py. M. Weitau3 die meiſten
p. M. ſind ererbt od. angeboren (ſ. Belaſtung).
Die Anlage lann lange Zeit ſchlummern u. erſt
auf den Anſtoß von Schädlichkeiten hervortreten,
wozu die gewöhnlichen Lebensreize gewiſſer Ent»
wicllungszeiten de3 Leben3 (Pubertät uſw.) bereits
genügen (f. Pubertätskrankheiten), Die Anlage
fann auch in wechſelndem Grade hervortreten u.
verſchwinden. Sie kann ſodann erworben werden
durch alles, was den Körper u. mehr nod) die Seele
tieſgehend ſchädigt. Dahin zählen körperliche Er-
ſchöpfung nach ſchweren Krankheiten, beſonder3
nach Inſektionskrankheiten (Typhus, Inſluenza,
Scharlach ujw.), Vergiftungen (Cocain, Brom,
Chloral, bejonder3 nach Morphium u. Alkohol),
Unfall, geſchlechtliche Ausſchweiſungen (Maſtur-
bation). Seeliſch kommen Schree>, Sorge, Kummer
u. Angſt in Betracht, bei Kindern die Furcht vor
der Straſe, auch die Angſt nach angedrohter, aber
nicht baldausgeführter Beſtrafung. Amſchlimmſten
iſt es, wenn körperliche u. ſceliſche Momente zu»
ſammenwirken, wie z. B. Überanſtrengung u. Sorge
(Examen, Krankenpflege), Ausſchweiſung u. Ge-

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wiſſensbiſſe uſw. Bei Kindern iſt oft falſche Er-
ziehung Entſtehungsurſache der p. M., 3. B. wenn
ſc ſeeliſcher Nüſtigkeit andauernd mit Angſt behandelt
werdenu, wohlgarnoc Mangel an Nahrung u. Schlaf hinzutreten, od.
geiſtige Anſte>ung durch Eltern (ſ. Anſte>ungs-
pjychojen) u. ſchlechter Umgang, Nachteile der
Wohnungsnot in Großſtädten uſw. mitwirken,
Beſonders ſchwere Formen der p. M. entwideln
ſich auf der Grundlage der Entartung, Das Kenn=
zeichen dieſer od. der Degeneration erblit Koch
indemintellektuellen od. ethiſchen Schwächezuſtand,
der jedoch nie ſo hochgradig ſein darf, wie man
ihn z. B. bei der Jdiotie (]. d.) vorfindet. Die
ſreie Willensbeſtimmung darf dabei nicht aus-
geſchloſſen ſein. Wohl dürfen Eaergie u. Wider=-
ſtandsfraſt auf Grund geſtörter, aber nicht auſge»
hobener Einſicht od. ungenügend betonter Gefühle
verringert ſein. =- Man zählt zu den p. M. alle
Fälle der Pſychonenroſen (Neuraſthenie, Hyſterie,
Hypochondrie, einfache Melancholie; vgl. dieſe vier
Art.), bei welchen die Seele die leidende Beteiligung zeigi, namentlich die Angſt-
u. Zwangszuſtände (f. Zwangsvorſtellungen). Von
der Epilepſie (ſ. d.) rechnet man nicht die ſchwere
Verblödung, wohlaberdiekrankhaſte Zornmütigkeit
(I. Zorn) u. Neizbarkeit (ſ. d.) zu den p. M. Die de-
generativen Arten der p. M. ſehen ſich aus mehrern
Gruppen zuſammen, von denen hier die Haltloſen,
die Phantaſten, die pathologiſchen Schwindler,
die gebornen Verbrecher, die abnormen Charaktere,
die ſexuell Entarteten uſw. al8 Typen genannt ſeien.
111. Allgemeine Symptome der p. M. Außer-
lich kennzeichnen ſid) die degenerativen Formen der
p. M. durch die Entartungszeichen (f. Belaſtung),
von denen aber immer mehrere vorhanden ſein
müjſen. Außerdem finden ſich noch anderweitige
Störungen, wie die ſchon genannten Senſibilität3=
ſtörungen, Neigung zur Ohnmacht, Schwindel,
Bewußtſeinspauſen, Krampfanfälle, Intoleranz
gegen Alkohol mit Neigung zu krankhaften Näuſchen
u.Dämmerzuſtänden, allerleiſexuelle Abweichungen
u. Perverſionen (ſ. Geſchlechtliche Verirrungen),
Triebanomalien u. Jdioſynkraſien (ſ, d.).
Geiſtig durch die Disharmonie ihrer Anlagen. Neben
großen geiſtigen Befähigungen für einzelne Fächer
(Kunſt [namentlich Muſik], Mathematik, Sprachen)
ſindet ſich kümmerliche Begabung für alle andern
Fächer. Einzelne Seiten des Seelenlebens ſcheinen
verzerrt, machen den Eindruck de3 Verſchrobenen,
Sonderbaren, Widerſpruchsvollen. Auffällig iſt
das gegenſäßliche Verhalten im Gemütsleben :
Gute Perioden wechſeln mit Zeiten, die reich an
Aſffektausbrüchen u. impulſiven Regungen (Zorn,
Sexualtrieb) ſind. Eigentümlich iſt allen Sym-
ptomen die Unfkorrigierbarkeit od. ſchwerfällige Fü-
gung. Ferner entſprechen ſich Urſache u. Wirkung
nicht immer : leichter Ärger verurſacht Ohnmadt,
Zorn, Tobſucht3» u, Krampfanfälle, Die Leiſtungen

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