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geſchehen nicht mit dem geringſtmöglichen Kraft-
auſwande u. führen vorzeitig zur Ermüdung u.
Erſchöpfung.
IV. Spezielle Symptome der p. M. Die
Intelligenz iſt ſehr oft minderwertig. Bei deren
Feſtſtellung laufen aber häufig Verwechſlungen u.
Täuſchungen mit unter, inſofern durch Aſffektivi-
tät Verſtandesdürftigkeit vorgetäuſcht werden kann.
Der Schwacſinnige iſt, wenn auch mühſam u.
langſam, ſo do) überhaupt belehrbar. Der Aſſfekt
trübt das Urteil, namentlich in bezug auf das
„3“; er weiſt jede Belehrung wegen des erhöhten
Selbſtgeſühls verſtändnislo8 ab. Daher fehlt dem
afſekterregten Pſychopathen die Möglichkeit , die
Erſahrungstatſachen des Leben3 richtig zu bewerten.
Alle3 wird vielmehr im Sinne des Affektes um=
gedeutet: Straſe iſt Gehäſſigkeit, rechtliche Aus-
einanderſezung Parteilichkeit uſw. Aus derſelben
Quelle ſtammt aud) die Unerziehbarkeit der Pſycho»
pathen, Eine von Fehlern freie Feſtſtellung der
Intelligenz ermöglicht die Ziehenſche Intelligenz»
prüſung (Th. Ziehen, Die Prinzipien u. Methoden
der Intelligenzprüfung [21911]). Ohne dieſe
Proben kann man höchſten3 aus dem Vergleich des
Zuſtandes vor u. nach ſeiner Entſtehung, 3. B.
nach ſchweren Erkrankungen, annähernd richtige
Sclüſſe ziehen. Wenn ſich nad einer Gehirn
entzündung intellektuelle Verkümmerung einſtellt,
jo kann ein hoc Eindruck geiſtiger Befähigung machen ; die gegen
früher eintönig, mangelhaſt u. ſonderbar vollzogene
Tätigkeit des Erkrankten fällt nur demjenigen auf,
der ihn vor der Erkrankung in ſeinem vollſinnigen
Handeln gekannt hat. Oft iſt die Intelligenz ſehr
groß. Viele Genie38 waren Pſychopathen. Meiſt
haſtet ihnen aber doch etwas Sonderbares, Sprungs
haſtes an, das den Inhalt ihrer Werke unbrauchbar
macht (Niebſche). Die Verbindung hoher Intelli
genz mit reger Phantaſie ſchafft Künſtler, deren
viele pſychopathiſch waren (Lenau, Byron, Hugo
Wofſf u. a.).
Das Gedächtnis (ſ. d.) der Pſychopathen
zeigt infolge der pſychiſchen Unruhe u. vorzeitigen
Ermüdung alle jene Fehler der Merkfähigkeit u.
Retention in ausgeprägter Form, die eingehend
unter dem Stichwort „Gedächtni8anomalien“ (ſ.d.)
beſchrieben ſind. Ferner werden durch die über=
wertige Tätigkeit der erregten Phantaſie (ſ. d.)
auch die ebendort vorgeführten Erinnerungsfäl=
ſchungen u. die pathologiſche Lügenhaftigkeit ver-
anlaßt. Dieſe Zuſtände ſowie die Neigung zur
abjichtlichen Lüge inſolge Mangels ethiſcher Hem=
mungen ſind für die p. M. folge Häufung von Unluſtgefühlen iſt das Ge=
dächtnis oft geſperrt, ähnlich wie bei der Exa=
mensangſt.
Die Gefühlsſeite der Pſychopathen iſt
ſtet3 am ſtärkſten beeinflußt. Das Aſfektleben iſt
zumeiſt geſteigert (ſ. Aſfektſtörungen). E3 finden
ſich Zornmütigkeit u. Exploſionen von Wutaus-
brüchen auf geringfügige Urſache hin od. gar

Pſyc
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ſelbſt ohne alle äußere Urſache (endogene Affekt
entladung). Anderſeit8 zeigt ſich Gemütsdepreſs
ſion (ſ. d.) in allen Formen von der einfachen
traurigen Verſtimmtheit bi8 zur höchſten Angſt u.
daraus hervorgehender Leben8müdigkeit u. Neis
gung zum Selbſimord. E3 kann ſich auch Affekt=
ſtumpfheit einſtellen u. beim Kinde Unempfind»
lichkeit gegen Strafen hervorrufen (vgl. den Art.
Empfänglichkeit) ; in ſolc jo veranlagtes Kind den Eindru> heldenmütigen
Ertragens von Entbehrungen u. Freiheit8beſhrän=
fungen vortäuſchen. Oſt tritt die Di8harmonie
der Geſühle ſchrill hervor; e8 können ſich dann
verbinden: kraſſer Egoi3mus u. zartes Empfinden,
künſtleriſches Verſtändnis u. ſittlicher Stumpfſinn,
peinliche Skrupelhaſtigkeit u. Laxi8mus, pietiſtiſche
Religioſität u. intrigante Heßerei, überſchweng=
licher Jdealiamus u, ſeichte Genußſucht, rohes
Empfinden u. Rührſeligkeit beſonders gegenüber
Tieren ujw. (ſ. Gefühlsſtörungen), Die Halt-
lojen neigen zu ungleichmäßigem, meiſt motivloſem
Handeln. Sie folgen dem Augenblisimpulſe.
Beim Kinde zeigt ſich das im Troß bis zur Un-
beſinnlichkeit u. zum körperlichen Verſagen.
Mangel3 ſteter Gleichmäßigkeit der Gefühle, die
dem Willen erſt Aus8dauer verleihen, zeigen ſich
überall nur Anſäße u. Anfänge, nie od. ſelten
Fortſeßung u. Vollendung. Am deutlichſten tritt
das Verſagen der Gefühle auf dem Gebiete der
Moral hervor. Viele Pſychopathen ſind im ſitt=
lichen Verhalten muſtergültig, teilweiſe ſogar ſkru=
pulö3 (. d.). Leider neigt aber der größte Teil zur
moralijchen Entartung. Es fehlt ihnen nicht an
der Erkenntnis des Böſen u. Verbotenen ; aber aus
Mangel an der richtigen Aſfektbetonung der Vor-
ſtellungen von gut u, bös wirken dieſe nicht (ſ.
Moraliſcher Schwachſinn). Die ſittlichen Shran=
ken werden nach rein egoiſtiſchen Prinzipien
von Vorteil u. Nachteil übertreten. Dabei kommt
ihnen die Ausübung ſchlimmſter Verbrechen nicht
Ichwerer vor als dem Geſunden die Übertretung
einer Polizeivorſchrift. Daher ſtammt auch der
ewige Konflikt mit dem einzelnen u. mit der Ge-
jellſchaft. Die Pſychopathen ſinken leicht zu Kan-
didaten des Arbeitähauſe8, des Gefängniſſes u.
der Zuchthäuſer herab. Der Mangel aller höhern
ethiſchen, äſthetiſchen u. religiöſen Gefühle macht
ſie auch ungeeignet zu allen Regungen der Teil=
nahme, Dankbarkeit, Liebe, Empfänglichkeit für
Lob u. Tadel, Neue uſw. Das Überwiegen der-
ſinnlichen Gefühle (ſ. d.) erklärt die Hinneigung
zu plößlichen Leidenſchaftsausbrüchen von großer-
Heſtigkeit, aber meiſt geringer Dauer (ſ. Geſühls=
ſtörungen). Das iſt beſonder3 der Fall, wenn der
Schwachſinn die Bildung u. Entwicklung höherer
Gefühle aus Mangel an Erfaſſung abſtrakter Be=
griffe verhindert. Daß viele Pſychopathen troß
ihrer Schlauheit intellektuell recht ſchwach ſein
können, zeigt das Außerachtlaſſen der gewöhnlichen
Klugheitsregeln, wenn ſie zu verbrecheriſchen
Handlungen ſchreiten. Sie entbehren auch der.

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