127
Einſicht in die Ziele u, Bedeutung de3 Lebens,
wie ſich da3 an der Bewertung des Geldes zu er-
kennen gibt, das ſie wie Kinder verſchleudern, | ſi
Sehr viele Pjychopathen leiden an Angſt» u.
Zwangszuſtänden ſowie an Zwangszweifeln
(Näheres |. unter Melancholie, Phobien, Zwangs-
vorſtellungen uſw.), Die qualvollen Zuſtände, die
ſich mit diejen Spannungserſcheinungen verbinden,
bilden ein trauriges Kapitel voll menſchlichen
Elendes u, Kummers, Sie können das Schulkind
in allen Beziehungen u. Betätigungen für die
Schule u. in der Schule bi8 aufs Blut peinigen ;
ſie können ein wahres Mariyrium der Gewiſſens»
angſt vor, während u. nach der Beichte veranlaſſen
u. in der Berührungsfurcht (ſ. d.) troſiloſe Zu»
ſtände herbeiführen, Manche krankhafte Zuſtände
er p. M. bergen den Keim zu Geiſteskrankheiten
(j. Geiſtesſtörungen) in ſich; ſo beſißt die Über-
wertigleitöidee die Grundlage zum Querulanten»
wahnſinn, die Selbſtüberſjchäßung u. Neigung zu
Beeinträchtigungsideen die Anlage zur Paranoia
(ſ. Dewentia praecox, Geiſte3ſtörungen).
V. Lebensſchikjale der Pſychopathen, Zn
der Kindheit leiden dieſe an Pavor nocturnus
(ſ. Halluzinationen, Abſchn. VUU)u. an krankhaſter
Unruhe der Bewegungsnerven. Zn der erſten
Schulzeit fügen ſie ſich ſchlecht der Vorſchrift des
Stillſchweigens u. Stillſiken3, Dieſe erſte große
Kraftentfaltung wirkt verſchiedenaufpjychopathiſche
Kinder : lebhaſte werden ſtill, ruhige verlieren die
Ruhe. Sie fühlen ſich angegriffen, werden ſchwin-
delig, übel, verlieren den Appetit, den Schlaf,
ſangen an zu halluzinieren ujw. "cp guter Be»
gabung lernen ſie ſchle dauernder Nuſmerkjamkeit u. geordneter Tätigkeit
ſowie au3 Hang zu dummen Streichen. Ihre
Neigung zum Eigenſinn, zur Lügenhaſtigkeit, zum
Erfinden u. Erdichten beläſtigt u. ſchädigt die
Klaſſe. Manche begabte Pſychopathen bringt der
Ehrgeiz zur Angſt. Andre, zu Zorn u. Streit nei»
gende Naturen gefährden den Frieden empfindlic)
u. führen Rauſfereien auf dem Schulhof bei jeder
Gelegenheit herbei. Sie heßen auch andre Schüler
egeneinander u. gegen die Lehrperſonen auf,
ſchmieden Komplotte u. zetteln ganze Nevolten an,
entlaufen der Schule od. meiden ſie tagelang, Die
Wirkung der Strafen auf pſychopathiſche Kinder
iſt ganz unberechenbar ; ſie rufen Ohnmacht, hyſte-
riſche Anfälle, Krämpfe uſw. hervor. Groß iſt die
Geſahr der geiſtigen Anſtekung durch Pſycho»
pathen (ſ. Anſte>ungspſychoſen). Ihre nervöſen
Erſcheinungen, krampfſhaſtes Geſichterſchneiden
(Tic ; |. d.), Scielen, Hinken, alle8 ahmen die
übrigen Kinder nach. Durch ihre aſozialen Eigen»
ſchaſten, ihre Unerziehbarkeit u. Widerſeßlichkeit,
ihre ſtark u. frühzeitig auſtretenden Geſchlechts»
regungen 11. perverſen Anlagen, ihre Verbrecher»
inſtinkte bilden die Pſychopathen eine unberechen»
bare Geſahr für die geſunden Kinder der gleichen
Klaſſe. Die Pubertät (ſ. Entwicklungsperioden,
Abſchn. VI1) bringt oft erſt die Anlage zum Vor»
Pſychopathiſche Minderwertigkeiten,

128
ſchein. Innere Unruhe vy, Unſtetigkeit jagt die
jugendlichen Geſchöpfe von Hauſe ſort u. 1a ſie
<) umhertreiben. Sie kommen zu Unterſchla-
gungen des Geldes, das ihnen die Eltern mitge»
geben, ſpäter zu kleinen Diebſtählen, Das ſo ge-
wonnene Geld verbrauchen ſie zum Beſuch des
Binos od. zum Ankauf von Deteltivromanen. Da-
durch wird der Hang zu Abenteuern in ihnen ge-
weckt. Vorzeitig entwitkelt ſich die Neigung zum
Trank u. zu ſexuellen Ausſchweiſungen, Das Be-
rufsöleben ertragen ſie nicht u. wechſeln endlos ihre
Lehrſtellen. Sie kommen zur Vagabondage u.
Landſtreicherei (ſ. Schulſchwänzer u. Vagabuznden-
tum). Die Straſe erſcheint in Form der Für-
ſorgeerziehung (ſ. d.). Aber auch dieſen Inſtituten
entlaufen ſie. Bei den Mädchen entſteht dann
große Gefahr de3 Abirrens8 zur Proſtitution. Frau
Dr Stelzner (ſ. u. Lit.) ſand bei den Proſtitu-
ierten nicht ſoviele Imbezille al8 vielmehr Pſycho»
pathen. Bei dem nun folgenden unſteten Lebens-
wandel kommen kraftloſe Naturen zum Bettel u.
damit zu Haſtſtraſen od. in8 Arbeitshaus. Zorn»
mütige, Alkoholintolerante verfallen den Strafen
wegen Widerſehlichkeit gegen Polizeigewalt, Haus»
ſrieden8bruch u. Körperverlehung, Kraftvolle Pſy»
über, wobei die Kraſtloſen wohl mithelfen, weil
ſie ſich leicht beſtimmen laſſen. Ihnen fallen oſt
die gefährlichſten Poſten zu. So kommt es zu
Mord, Totſchlag, Raub, zu Sittlichkeit8verbrechen
jeder Art, Pſychopathen mit unüberwindlichem
Freiheit8drang ſtreben nac abenteuerlichen Stel=
lungen; ſie werden Fremdenlegionäre, Walſiſch-
fänger, Goldgräber, Zirkusreiter uſw. Falls ſie
nicht frühzeitig durch Selbſtmord endigen, zu dem
eine ausgeſprochene Anlage beſteht, bringt die
Pſychopathen ihr unbeherrichter Aſfekt, ihre Im-
pulſivität, die Luſt am Verbotenen, das Behagen
an der ſchlechten Tat zuleht ſtet8 in Widerſtreit
mit den Geſehen. Sie enden im Zuchthaus od.
gar auf dem Schafott. Wenn ſie einmal die Laſter»
bahn beſchritten haben, wird ihnen jedenfalls die
Rüdkehr zum ordentlichen Leben immer ſchwerer.
Inſtinktiv finden ſie ſich ſtet8 wieder mit andern
Lumpen u. Degenerierten zuſammen, in deren Ge
ſellſchaſt ſie infolge unregelmäßigen , ausſchwei-
ſenden Leben8wandel3, durc AusſHweiſung u. Entbehrung, dur< Trunkſucht
uſw, auch geiſtig verkümmern u, ſchließlich ins
Irrenhaus einmünden,
VI. Strafrechtliche Beurteilung der p. M.
Den Pädagogen intereſſiert auch dieſe Seite der
Pſychopathien, da mir zu oft auf Grund ſtraſ-
rechtlicher Vergehen eine gerichtliche Verfolgung
der Pſychopathen eintritt. Das Strafgeſeßbuc
billigt im 8 51 nur dann Straſſreiheit zu, „wenn
der Täter zur Zeit dex Begehung der Handlung
ſich in einem Zuſtande von Bewußtloſigkeit od.
krankhafter Störung der Geiſtestätigkeit beſand,
durch die ſeine freie Willens8beſtimmung aus8=
geſchloſſen war“. Bei den Pſychopathen handelt

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.