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wußtsein kam, macht sich auf den verschieden-
Sten Wertgebleten bemerkbar. Am verhängn1S-
vollsten ist eine Solche Erschütterung iür das
Gebiet der Menschenformung, die notwendig
von detzten Idealen u. Normen getragen Sein
muß. Wenn der Wertgehbalt der einzelnen Sach-
gebiete in Frage gestellt oder relativiert wird,
müssen die Bildungsideale i in diesen Relativie-
ringsprozeß hineingezogen werden.
II. Ursachen: Die Schule des 19. Jahrh.s
war von ganz bestimmten Bildungsidealen ge-
tragen. Während die Volksschule zunächst nur
den Sinn hatte, das Volk im WirtschaftsSkampte
tüchtiger zu machen, war die höhere Schule in
iarer Struktur durch das neuhumanist. Ideal be-
Stimmt u. hatte das ausgesprochene Ziel, den Ge-
lehrten heranzubilden. In der Volksschule war
also die Nützlichkeit u. diePraxis desLebens aus-
Schlaggebend, in der höheren Schule herrschte
der Primat der Erkenntnis. Das Bildungsideal
dieses letzteren Schultypus war der Mensch mit
universaler Bildung; Goethe u. W.v. Humboldt
waren die Patrone dieser Büdung. Dagegen
war die Volksschule u. das ihr als Fachschule
zugeordnete Lehrerseminar von der Aufklärung
her geformt : ihr höchster Zweck war, nützliche
Kenntnisse zu vermitteln. Im Laufe der Ent-
wicklung verlor die höhere Schule ihren reinen
Typus, da durch die Aufnahme immer neuer
Stoffe an die Stelle eines formalen Bildungs- u.
Persönlichkeitsideals ein materniales Wi1SsSens- u
Erkenntnisideal trat (Intellektualismus). Währ- |
rend W. v. Humboldt forderte, daß alle Bildung
nur «formal» Sein Solle, weil der Bildungsgehalt.
nicht an zuiälligen Inhalten, Sondern nur an
der Subjektiven Stellungnahme der autonomen
Persönlichkeit hafte, führte die Entwicklung
der Wissenschatft in der 2. Hälfte des 19. Jahrh.s.
zur Hereinnahme immer neuer Stoffe in den :
i.chrplan der höheren Schule u. zur Gründung
neuer Schultypen. Die Heranbildung der not-
wendigen Beamten für Kirche u. Staat wurde
mehr u. mehr das innere Gesetz der höheren :
Schulen, u. der Begriff der Bildung erhielt Sei-
nen Inhalt durch das Maß von 7V7ssez, das der
Staat oder die Kirche als Vorbedingung zur
Bekleidung einer Beamtenstelle verlangte. Prü-
ungen u. Berechtigungen wurden Staatseinrich-
ungen u. waren nicht etwa der Ausdruck des.
eine Schule (Gymnasium oder Universität) tra-
genden Bildungsideals. Während So die höhere |
Schule durch die innere Erschütterung ihrer
Struktur in eine Krige hineingeriet, die einmal
gegeben war durch die Überfülle der geistigen '
Güter, anderseits durch den einseitigen intellek-.
tyalismus, machte die VolksSchule den umge-
Sehrten Weg, indem Sie aus einer Schule zur.
Vermittlung nützl. Wissens zu einer wirkl. 2/77
Tungsstätte werden wollte. Das rasche Anwach- |
Sen der Zahl derV olksschulen u. die dadurch be-.
dingte YXotwendigkeit, immer neue Lehrkräfte
Bildungskrise.
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zu beschaffen, Sowie die innere Entwicklung
der VolksSchule waren die wichtigsten Antriebe
für die Ausbildung der Pädagogik u. Didaktik.
Schon Pestalozzi hatte nach einer Methode ge-
Sucht, die eden befähigte, mit Erfolg zu unter-
richten. Die Herbartsche Schule mit ihrer Me-
thode Schuf dann eine gewisse allgemeingültige
Form, die vor allem dem Unterricht in der
Volksschule das charakteristische Antlitz gab.
Da aber das aufklärerisSche Dogma vom abso-
Iuten Wert des WissSens gerade die Volksschule
eroberte, u. da dieses WisSsensideal Sich mit dem
Gedanken der Entwicklung u. des Fortschrittes
verband, So bemächtigte Sich der Volksschule
eine gewisse Unruhe, die in der Überschätzung
der Methode u. in der Übersteigerung des
Wissens ihren Ausdruck fand. Dazu kam, daß
die Pädagogik als noch junge Wissenschaft in
die allgemeine Krise der Wissenschaft um die
Jahrh.wende hineingezogen wurde. Diese Wis-
Senschaftskrise wurzelte in einer Relativierung
aller letzten Werte u. der Wahrheit, war also
eine Weltanschauungskrise.
111. Bedeutung für die Pädagogik: Mehr
als jede andere Wissenschaft ist die Pädagogik
durch die Auflösung u. Zersplitterung derWelt-
anschauung bedroht; denn päd. Ideale Sind von
der Festigkeitu. Einheitder weltanschaul.Orien-
tierung abhängig. Die Pädagogik muß Sich in
höherem Maß als andere WisSenschaften an die
PhiloSsophie anlehnen, u. anderseits birgt jede
umtfassende Weltansicht gewisse päd. Grund-
| forderungen, weil jede Weltansicht ein be-
Stimmtes Bild vom Sinne 1. Ziel des menschl.
: Lebens enthält, u. weil Bildung nichts anderes
Sein kann als die Konkretisierung einer letzten
Ansicht vom MensSchen.
IV. Bekämpfung: Bei dem allgem. Bewußt-
werden der KRulturkrise nach dem Weltkrieg
wurde die Schule der Kampfplatz der verschie-
' denen weltanschaul. Richtungen. Der Kampf
galt dem Intellektualismus; an die Stelle der
Überschätzung der materialen Bildungsinhalte
Soll die lebendige Erarbeitungder Inhalte durch
die Spontane Selbsttätigkeit des Individuums
treten (Arbeitsunterricht). Freilich beruht die
Überbetonung der Spontaneität wieder auf einer
: Weltanschaul. Grundlage, nämlich dem Glauben
an die kernhafte Güte u. genial. Veranlagung
"jedes Menschen.
Der Kampt galt terner dem Geist des Indi-
' vidualismus, der durch wahre Gemeinschaft
verdrängt werden Sollte. Auch da Steht im
| Hintergrunde wieder ein weltanschaul. Ideal,
nämlich das des SozialisSmusg, der das Indivi-
duum zugunsten der größeren Gemeinschaft
. Opfert. Die Folge ist die gänzl. Überantwor-
' tung der Schule an den Staat u. die einseitige
| LHielbestimmung aller Schulbildung als Bildung
für den Staat. Dadurch soll dann gleichzeitig
eine nationale Einheitsbildung gewährleistet

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