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Sprache u. dem Papierdeutsch besitzt auch
das Kind Seine Sprechsprache, Seine Mund-
art der Lebensalter, die mit ihm wächst u. Sich
allmählich, bei den 12--15jährigen, in die
Stufe hinauf entwickelt, die dann im großen
u. ganzen das Leben hindurch festgehalten wird.
Da nach Otto das Kind als Zukunftswesen über
dem Erwachsenen Steht, S0 iSt auch Seine Sprech-
Sprache keine Unbeholfenheit, im Gegenteil, das
«Kind ist Neuschöpter, nicht Erbe der Sprache».
Weil die A. mit der geistigen Entwicklung des
Kindes gleichen Schritt hält, ist Sie keine
fehlerhafte Sprache. «Ich bin durch geistigen
Verkehr mit meinen Kindern von Tag zu Tag
mehr zu der Anerkennung des Rechtes der
lebendigen Sprache gedrängt worden u. dart
dann wohl das Verdienst für mich in Anspruch
nehmen, daß ich mehr als andere dafür getan
habe, diesem Recht allgemein zur Geltung zu
verhelfen» (Otto). Die Achtung vor der Kindes-
mundart sei nicht nur eine Sprachl., Sondern
auch eine sitt]l. Pflicht der Erwachsenen.
2. In dem Buche «Kindesmundart» (1908)
Stellt Otto dar, wie er zu den theoretischen Er-
wägungen die literariSchen Folgerungen, im
u. für die Kindererzählung in der Beilage
Anwendung oder 'die Annäherung der Lehrer-
Sprache an die Ausdrucksweise der Kinder
erhob Sich s0o wenig Widerspruch, daß die
Voraussage Ottos: «In einer nicht fernen Zu-
kuntt wird niemand mehr auf den Ehrentitel
eines Pädagogen Anspruch machen dürfen,
dernicht die Kindermundart beherrscht», heute
als ertülltangesehen werden kann. Die Sprache
des Lehrers ist um So besser, je näher Sie der
Sprechsprache des Kindes kommt, ohne daß
SIe damit wohl jemals reine Kindersprache
werden darf (Rüttgers).
IL InliterariSchen ErzeugnisSen: 1. Hef-
vg umstritten war anfangs der Gebrauch der
A. in Iiterarischen Erzeugnissen. Gerade ge-
gen das Faustbuch Ottos erhob ÄAöser den
wichtigen Einwand, daß diese AuflösSung einer
bekannten Dichtung (von Goethe) nicht an-
gängig Sei, da dem Kinde für den Goetheschen
Faustcharakter die innere Reite fehle. Ebenso
iSt es mit der Wiedergabe von bekannten Ge-
dichten (Zauberlehrling, Kraniche des Ibykus,
Erlkönig u. a.), die eine eigentl. Zerstörung des
Dichtergebildes bedeuten. Dagegen brachten
bald die Ottoschen Kreise, namentlich Seine
Tochter Zelene, Märchen u. Geschichten eigener
Erfindung, welche als wertvoll bezeichnet wur-
den. Ablehnend verhielten Sich damals die Krei-
Se um die Jugendschriftenwarte, während die
Kreise um die Zeitschrift «Charon» (Pannwitz,
Otto zur Linde, Karl Röttger u. 2.) zustimmten
u. den Veröffentlichungen des Ottokreises Sogar
dichterische Bedeutung zusprachen.
Alumnate- Alumneen.



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2. Aus den teilweise erbitterten Kämpfen
darf als Ergebnis heute festgestellt werden,
daß die A. auch in der Jugendliteratur Sich den
ihr gebührenden Platz errungen hat, daß Sie
die Schriften von Lichtenberger, Z heuermeister,
Röttger , aber auch der Bremer Garsdberg u.
Scharrelmann befruchtet hat, daß Sie ferner
von neueren Erzählern wie Sockemihl, PBur-
henne, Matthiessen u. a. mit Recht bei deren
kindertüml. Büchern Sich auswirkt. Neben einer
tieferen Erfassung der begriffl. Genauigkeit
wird die Ehrfurcht vor dem Wort, Seine klang].
Wirksamkeit beachtet, u. dies hat zur besseren
Wertschätzung von Dichtern wie 4. MomöBex?,
Dautfkendey, Rilke u. a. geführt, während die
Wertung u. Kenntnis der A. für den Auf-
Satzunterricht (s. d.) einen guten Anfang im
begonnenen Kampf zur Ausrottung gedanken-
loSer Phrasen bedeutet.
HI. Didaktische Auswertung: Wenn-
gleich der berufene Lehrer wohl nie den Wert
einerKindersprache verkannt u.Sich ihrer münd-
lich u. Schriftlich zur Vereinfachung des Ver-
Ständnisses bedient hat, SO bedeutet doch die
bewußte Formung des Begriffs A. u. Seine An-
erkennungin der Methodik einen entschiedenen
Fortschritt. Die Sprachübung geht heute durch-
weg von der A. aus, der Aufsatz weist A. nicht
mehr Schroff zurück. Ziel muß freilich Sein:
Überleitung der Sprachl. Kräfte in den Bestand
der hochdeutschen Muttersprache, weil diese
aus völkiSchen u. nationalen Gründen ein un-
entbehrl. Gut 1st.
Schrifttum: Außer den genannten Büchern
über Faust u. den Beiträgen im «Hauslehrer» u.
der «Kinder-Zeitung»: H. L. Kögter, Kritische Be-
trachtungen über Hauslehrerbestrebungen L. A.
(1907; B. Otto, Kindesmundart (1908); S. Rüttgers,
Über die literarische Erziehung als ein Problem
der Arbeitsschule (1910); W. Schneider. Deutscher
Stil- u. Aufsatzunterricht (? 1927); Fr. E. Fischer,
Neue Wege im Aufsatzunterricht(1922; enthält die
Bibliographie zur LiteraturderSprache des Kindes).
L. KieSgen.
Alumnate -- Alumneen.
I. Begriff: A. Sind Erziehungsanstalten für
die heranwachsende männl. u. weibl. Jugend
höherer Bildungsstätten, die wegen der am Fa-
milienort fehlenden Bildungsgelegenheit oder
aus Gründen von Erziehungshindernissen u.
Hemmnissen in der Eigenfamilie (Tod oder
Krankheit der Eltern, Erziehungsunfähigkeit
wegen Zeitmangels u. dgl.) gegen Entgelt in
Pflege u. Frziehung einer Anstalt gegeben wird.
Das Wort A., eine SpätlateiniSche Bildung, be-
zeichnet zunächst die caritative Fürsorge für
arme Schüler u. im Zusammenhang damit den
Ort ihrer Tätigkeit u. wird Seit dem 19. Jahrh.
in Protest. Landesteilen vorzugsweise für die
mit Gymnasien verbundenen Schülerheime ver-
wendet. Der Name der entsprechenden .,a/.
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