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1. Die Methodik des ESt.s (Ärzmzmnal- oder
FHaftpädagogik) Steckt wissenschaftlich noch in
den Anfängen. Sie findet in der Heil- u. der
Asozialenpädagogik , bes. der Fürsorgeerzie-
hung, wertvolle Ergebnisse, hat aber darüber
hinaus als Erziehungsarbeit an Erwachsenen,
die Sich mehr als Antrieb u. Hilfe zur Selbst-
erziehung betrachtet, eigenes zu Schaffen. Sie
mußdenGefangenen Selbst für diese Erziehungs-
arbeit zu gewinnen 1. Innerlich daran zu betei-
ligen Suchen. Die Schwierigkeiten Solcher Hatft-
pädagogik Sind groß: a) Die kurze Freiheits-
Strafe (nach der Reichskriminalstatistik 1926
waren von den rechtskräftig erkannten 192 196
Gefängnisstrafen nicht weniger als 116 378 kür-
zer als 3 Monate, nur 13790 betrugen 1 Jahr u.
mehr) läßt nachhaltige erziehl. Einwirkung bei
einem Großteil der Gefangenen nicht zu. b) Die
Freiheitsentziehung 1st gesellschafti. Schutz-
maßnahme ; die Notwendigkeit der Sichern Ver-
wahrung, bes. bei den langzeitigen, für Erzie-
hung vornehmlich in Frage kommenden Ge-
fangenen, bringt naturgemäß Einschränkungen
der päd. FreiheitserfordernisSe mitsich u. Schafft
dadurch freiheitsfremde u. erziehl. erSchwerte
Situation. c) Die Differenziertheit der Persön-
lichkeit der Gefangenen in Bezug auf Charakter,
SeeliSche Ansprechbarkeit, Temperament, Be-
gabung. d) Der hohe Anteil der geistig Ab-
normen u. PSychopathen unter den Gefangenen,
nach den Schätzungen der PSsychlater zw. 25
u. 60%. e) Überwiegend handelt es Sich um
Erwachsene mit abgeschlossener Entwicklung;
Erziehungsstrafvollzug.

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fügen über eigene Gesangschöre u. Musikkapel-
len) treten als wertvolle Erziehungsmittel er-
gänzend hinzu. Pflege der LeibeSübungen, Tur-
nen, Turnspiele finden Steigende Anerkennung
u. Förderung. c) Süczerei. In der Abgeschlossen-
beit der Haft gewinnt das «Buch als Freund»
besondere Bedeutung. Jede Anstalt Soll eine
Bücherei mit ausreichender Zahl belehrender
u. unterhaltender Bücher u. Schriften haben
(GVF.S 107). In Preußen betrug 1927 die Ge-
Samtzahl der Bücher für Gefangene 491 947. 47
Staltszeitungen («Der Leuchtturm» in Preußen,
Leben» in Württemberg, «Aus Welt u. Heimat»
in Baden) bringen geistige Anregung u. be-
richten über Tagesereignisse. d) 4r6ezz, cregel-
mäßige Beschättigung der Gefangenen ist die
Grundlage eines geordneten St.s> (GVEF.S 62).
Bei der ZuweiSsung zur Arbeit ist individuell zu
verfahren unter tunlichster Berücksichtigung
der bisherigen Berufstätigkeit. Gefangene mit
längerer Strafdauer ohne Beruf Sind möglichst
in einem Ihren Fähigkeiten entsprechenden Be-
ruf auszubilden (GVF. S 68). Soll die Arbeit
erzieherisch wirken, dann muß Sie geeignet Sein,
zur Arbeitsfreude zu führen. Der Arbeitsbetrieb
muß daher vielseitig Sein, wirk1l. Werte Schaffen,
den Gefangenen anregen u. iür Sein Späteres
Fortkommen fördern, d. h. auch technisch aut
der Höhe u. von tüchtigen Fachleuten geleitet
Sein. e) Erzieherisch muß Sich bes. das Vey-
halten der Beamien, namentlich bei Zellenbe-
' SUChen u. Aussprachen auswirken ; es wird von
die Erziehbarkeit Erwachsener ist wissensSchatft- .
lich nicht unbegtritten ; GVF. u. Entw. Setzen :
die Erziehbarkeit voraus; diese nimmt mit ge--
fangenen verlangt (GVF.S 49). In der rechten
wisSer Einschränkung auch Zzeſer an.
2. Erziehungsmittel. a) See/sorge («für
die Angehörigen der christl. Kirchen u. des
jüd. Glaubens ist geordnete Seelsorge zu ver-'
Problem des ESt.s. t) /ndividuelle Erziehung wird
mittein» [Entw. y 115]) ist nicht zu entbehren.
Die sittl. Energien, die durch die kirchl. Heils-'
güter geweckt werden, SIndinihrerstarken über-
natürl. Motivierung wie keine andern geeignet, :
nachnaltig denWillen zu Sozialer u. Sittl. Lebens- :
gestaltung zu aktivieren. b) ÜCzuzerricht Soll «die
geistigen Fähigkeiten u. die allgem. u. berufl.
Kenntnisse erweitern u. fördern u. den Willen zu
ihnen Ernst, Gerechtigkeit u. Menschlichkeit
unter Schonung des Ehrgetühls u. individueller
Berücksichtigung der Persönlichkeit der Ge-
Auswahl u. gediegenen Schulung der Strafan-
Staltsbeamten in päd., pSyYcholog., SO210.0g. U.
wohilfahrtspflegerischer Hinsicht legt das Ae77-
bei der großen Zahl der Getangenen wesent-
lich erleichtert, wenn entsprechend «der tort-
Schreitenden (progressiven) erzieheriSschen Zu-
gängilchkeit eine gruppenmäßige Sichtung u.
Schichtung erfolgt (progress. St., St. in Stufen).
Er Soll die sittl. Hebung des Gefangenen da-
durch fördern, daßihm Ziele (Vergünstigungen,
Scordneter Lebensführung wecken u. Stärken»
(GVF. S 106, Entw. S116). Die Anstaltsschule
iSt eingespannt in den Gesamtrahmen des ESt.s;
es 1St daher zu begrüßen, daß die bisherige Be-:
Schränkung aufdie Gefangenen unter 30 Jahren :
(GVF.S 130). Der päd. Sinn des Stutenvollzugs
in richtiger Erkenntnis der wesentl. Sozialpäd.
Bedeutung der StrafanstaltsSchule im Entw. fal-
en gelassen ist. Stofilich entspricht das Unter-'
richtsgut dem der Fortbildungs- u. Berufsschu-
die nach Art u. Grad allmählich gesteigert, den
St. Seiner Strenge entkleiden u. Soweit erleich-
tern, daß er den Übergang in die Freiheit vor-
bereitet) gesetzt werden, die es ihm lohnend
erScheinen lassen, Seinen Willen anzuspannen
iSt, dem Gefangenen in Stutenweise Steigendem
Maße Verantwortungen zu übertragen u. ihn an
der Gestaltung Seines Geschickes mitschaffend
len, auch Buchführung, Kurzschrift, Maschinen-
"hineinwachsen, Träger von Verantwortungen zu
Schreiben, Fremdsprachen. Darbietungen durch
Vorträge, Film, Radio, bes. aber Pflege von
Musik u. Gesang (zahlreiche Strafanstalten ver- |
A
teilnehmen zu lassen. Er Soll in die Aufgabe
Sein u. Sich fähig zu erweisen, GemeinSchaitsauf-
gaben zu erfüllen. Von dieser Autfassung ist die

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