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Anschauungs- oder Denkform, die jeweils bei
Betrachtung des Gegenstandes den Ausschlag
gibt. So kam man zur Unterscheidung der F.n
in Namens-, Orts-, Kausal- u. Zeit-F.n. Dabei
galt das Hauptaugenmerk dem Zeitpunkt u. der
Reihenfolge des Auftretens. Als erste F. wurde
meist die Namens-F. des SOg. ersten F.alters
(1 Jahr 6 Monate) angesehen ; doch scheint hier
der Charakter als F. gar nicht ganz Sicher zu
Stehen. ES wird Sich dabei vielfach! bloßumNach-
ahmung oder um Aufforderung zum Sprechen
handeln. Durch das Nachahmen lernt das Kind
aber allmählich den Sinn dieser Sprachform ver-
ziehen, bes. wenn auf Seine F. immer die rich-
nge A. folgt. -- Der Werdegang der kindl. F.
15 Zt Sich kennzeichnen durch die Worte: Acht-
geben, Konstatieren, Entscheidungs-F., Bestim-
MUNSS. -F. Diese Formel gilt immer, gleich-
gültig ob es SICh um den Namen, das Wo, War-
um oder Wann handelt. Solange das Kind noch
nicht weiß, daß jedem Ding ein Name zukommt,
Solange es nicht imstande 1st, Namen konsta-
tierend zu gebrauchen, kann Sich Sein Wissen-
wollen nicht auf Namen richten. Das gleiche
gilt für Orts-, Kausal- u. Zeitbestimmungen.
Beim ersten Wissenwollen wird mangelnde
Sprachfertigkeit vielleicht das Inanspruchneh-
men fremder Hilfe noch unmöglich machen.
Das Kind Sucht zunächst durch stilles Beob-
achten u. Heranziehen Seiner Erfahrung die Lö-
Sung allein zu finden. Durch die EinSicht, Sich
geirrt zu haben, u. die dadurch bedingte Un-
Sicherheit macht Sich Später das Bedürfnis gel-
tend, die gefundene Lösung noch einmal nach-
zuprüfen. Bei hinreichendem Aufwand an Zeit
iSt das Kind imstande, diese Kontrolle allein
auszuführen. Es merkt aber bald, daß es Sein
Ziel Schneller u. bequemer erreicht, wenn es
Seine Vermutung in einer Entscheidungs-F. an-
dern zur Beurteilung vorlegt. Wenn aber alles
Bemühen um eine Lösung vergebens ist, oder
wenn alle Vermutungen Sich als haltlos erwei-
Sen, Kommt es Schließlich zur ersten Bestim-
mungs-F., durch die auch das mühsame Suchen
der LöSung vermieden wird. -- Auch sprachlich
Steht die Entscheidungs- F. der AusSage näher
als die Bestimmungs-F. Inhaltlich iSt die Be-
Stmmungs-F. für das Kleinkindinsofernschwie-
niger als die Entscheidungs-F., als hier an Stelle
einer bestimmten Lögung e eine ganzeReihe mögl.
LöSungen in Betracht zu ziehen 1St : Kommt
Jer Vater 2 -- IWVor kommt? (der Vater? ein
Bote? Bezuch? usw.).
III. Die Pädagogik unterschied die F.n bis-
her nur nach ihrer Stellung im Unterricht (Prü-
tungs- u. Entwicklungs- oder heurist. F.) u
pflegtedaranV orschriften fürF. u. A. zu knüpfen.
Maßgebend war dabei nur der glatte Fortgang
des Lehrgesprächs; psSycholog. Gesichtspunkte
Kamen weniger zur Geltung. Eine Pädagogik
der F. des Kleinkindes fehlt überhaupt, ob-
Frage u. Antwort.

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wohl die Zeit vom 3.--6. Lebensjahr der Höhe-
punkt kindlF.-tätigkeit ist. -- Die F. ist die na-
türlichste u. daher beste Gelegenheit zur Unter-
weisung u. Erziehung des Kleinkindes. Selbst
bei Spiel- u. UÜbungs-F.n ist eine A. nicht nutz-
10s; Sie erleichtert zum mindesten die Aneig-
nung der Sprache. Am zweckdienlichsten 1st
Stets eine möglichst kurze, Sprachlich richtige,
wahrheitsgetreue A. Es 1st bessSer, einer verfrüh-
ten F. auszuweichen oder das Kind auf später
zu vertrösten, als eine falsche A. zu geben. Irre-
führung untergräbt das Vertrauen u. läßt die
F. vorzeitig verstummen. Nur unfruchtbaren
F.n, die auf Überschätzung unseres Wissens
beruhen, arbeite man entgegen. Bei lästiger
Wiederholung ein u. derselben F. forSche man
Sorgfältig nach der UrSache (ob z. B. Gebrauch
der Was-F. Statt der Warum-F, vorliegt), um
dem Kinde in Sachl. u. Sprachl. Schwierigkeiten
helfen zu können.
Zu Unrecht macht man der Schule den Vor-
wurf, daß Sie die F. des Kindes ertöte. Die F.n
hören hauptzächlich deshalb auf, weil das Wi1s-
Sensbegehren des Kindes in Seinem biSherigen
Interessenkreise (dem desSinnlich Angenehmen)
größtenteils befriedigt ist. Der Schule fällt die
Aufgabe zu, dem Zögling neue Interessenkreise
zu erschließen. Auch muß Sie ihm erst ein be-
Stimmtes W1sSen als Voraussetzung zu neuen F.n
vermitteln. Nur wo ein genügend Starkes In-
teresse 1. die erforderl. Vorkenntnisse vorhan-
den Sind, Kann es zu F.n kommen. Die Möglich-
keit der Schüler-F. 1St also Sehr beschränkt, zu
beschränkt, um Grundlage des gesamten Lehr-
verfahrens werden zu können. Aber wo Sie Sich
zeigt, iSt Sie zu pflegen u. zu fördern, gleich-
gültig, ob die F. auf einen Fortschritt im WIiS-
Sen abzielt oder auch nur um Aufklärung über
Nichtverstandenes bittet. F.n, die zu weitvon der
Aufgabe abweichen, Sind als Störend zu bezeich-
nen u. unter Umständen zurückzuweisen, des-
gleichen die aus Bequemlichkeit gestellten F.n.
-- Bei der von der modernen Pädagogik heftig
bekämptten Zehrer-F. handelt es "Sich in den
meisten Fällen um Schein-F.n. Die Zi/gwzwgs-F-
enthält zwar auch ein Wissenwollen, doch rich-
tet es Sich nicht auf den in Rede Stehenden Sach-
verhalt, Sondern auf das Verhältnis, in dem das
Wissen des Schülers dazu Steht oder auf die
geistige Veranlagung des Geprüften (z. B. bei
Intelligenzprüfung). Mehr als der Prüfungs-F.
gilt der Kampf jedoch der Ertwicklungs-F. Sie
drückt kein Wissenwollen aus; der Lehrer be-
dient Sich hier nur der F., um den Schüler zum
Finden bestimmter Urteile zu veranlassen. Die
F. ist hier ein Alittel zu geistiger Beeinflus-
Sung, hat also eine gewisSse Ähnlichkeit mit
der Suggestiv-F. Der "Schüler wird zwar nicht
gegen Seine Überzeugung, aber in manchen
Fällen ohne tiefere Einsicht zu einem Urteil
veranlaßt. Es findet also in der Tat eine gewisSe

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