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Schrifttum: W. Popp, Unterrichtsreform
21925); A. Rude, Die neue Schule u. ihre Unter-
richtzlehre (Bd. 1, 1927; Bd. 3, Tl 2, 1929); H.
Scharrelmann, Erlebte Pädagogik (?1922); KX.
Lange, Wider geistige Zwangswirtschaft auf dem
Gebiete desVolksschulunterrichts(1921); A.Böhme,
Die Zeitung im Dienste der Schule (1922); H. Bohn-
Stedt, Erlebnisunterricht u. Deutschkunde (1927).
H. F. Scheufgen.
Gemeinschaftspädagogik u. Gemegin-
Schaitserzienunsg.
'G. = Gemeinschaft, E. = Erziehung. ]
1. GesSchichtliche Grundlagen: Seit Nietz-
Sche lebt die abendländ. Menschheit im Bewußt-
Szein einer entscheidenden Kulturkrise. Als deut-
jchstes Zeichen des Verfalls steilte Sich die fort-
milie, Gemeinde, Volk, Berufs-, Religions- u. Kul-
wuirverbänden dar, eine Tatsache, die gleichsam
als ein unabwendbares Verhängnis erlebt wurde u.
Tories zu dem bekannten Schluß veranlaßte, daß
der Bestand an G. Sich unter uns mit Notwendig-
keit fortgesetzt verringere u. an ihre Stelle überall
eine bloß «gaesellschaftl.» Lebensordnung trete.
Gleichzeitig aber mit dem Sich verbreitenden Be-
wußtsein der Krise erwachten auchn Kräfte 1. Be-
Strebungen zu grundlegender Kulturerneuerung
durch Soziale Neubildung. «G.» wurde das Schlag-
wort einer Bewegung, «die Sich in Philosophie u.
Dichtung, in der Jugendbewegung u. den Anfän-
cen einer Gemeinwirtschaft Ausdruck verschaffte.
Schon geprägte Gedankensvsteme, Idealismus,
Sozialismus u. Christentum, gewannen im Lichte
dieses neuen Lebensgefühls neues Interesse. Sie
bemühten Sich, die Bewegung in ihre Bahnen zu
Gemeinschaftspädagogik u. Gemeinschaftserziehung.

leiten u. boten ihre jeweils verschiedene G.Sidee .
vgl. Art. Sozialpädagogik, als Rettung aus dem :
drohenden Sozialen Zerfall an.
auch die Pädagogik den G.Sbegriff an zentraler
Steile in ihr Reformprogramm auf. Fast alle be-
geutanden Pädagogen der Gegenwart zeigen in
ihrer Lehre, in Zielsetzung u. Wegweisung eine
deutl. Onentierung am G.SSedanken. Man fordert
(7.8-27., U. zwar in dem doppeiten Sinne als «E. zur
(r.>? U. “E. durch G.».
1. Begriff der Gemeinschaft: Der Schlag-
wortartige Gebrauch des Wortes grittl. Klärung notwendig. Im Sprachgebrauch
hat G. cinen doppelten Sinn. Man versteht
daranter einmal eine Grundform Sozialer Ver-
bundenheit (= G.Sverhaltns), die durch wech-;
SelSeitige antwortende Sympathie (Teilnahme)
Natürlich nahm:

charakteriziert ist. Anderseits bezeichnet man
dis G. auchn eine konkrete Gruppe (diese Kame-
radschaft, diese Familie) oder einen Gruppen-
tvpus (die Familie, das Volk usw.), insofern die
Gleichgerichtetheit der Bestrebungen innerhalb
der Gruppe auch aine wechselseitige persönl.
leilnahme der Gruppenglieder begründet. G.
bedeutet in diesem Falle Soviel wie G.Sg7zppe
oder G.Sgebrlde. Das G.Sverhältnmis ist nur ein:
Autbaueglement der G.sgruppe. Doch geht aus
dem Gesagten hervor, daß der Begriff «G.> im
eigentl. Sinne dem G.sverhältnis, der G.Sgruppe
nur im abgeleiteten Sinne zukommt.
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Man pflegt G. von Gesellschaf? u. Masse zu
unterscheiden. Diese beiden Ausdrücke haben
dieselbe Doppeldeutigkeit, wie 51e von der G.
dargelegt wurde. Als Grundform Sozialer Ver-
bundenheit bezeichnet GesSellschaft (im Sinne
von Tönnies ; Vierkandts Unterscheidung 1in
Anerkennungs-, Kampf- u. Machtverhältnis iSt
in diesem Gesellschaftsbegrniff zusammenge-
faßt) ein Soziales Verhältnis, welches die Be-
teiligten aus Sachl. oder egoist. InteresSen ein-
gehen, während das Massenverhältnis auf wech-
Selseitiger Stimmungsübertragung (Gefühlsan-
Steckung) zwisSchen den Beteiligten beruht.
Demgegenüber 1st für das G.Ssvernhnältnis als
wesentlich hervorzuheben, daß die Glieder auf
Grund gegenseitigen ErſfasSens ihres persönl.
Wertes echte Teilnahme u. Mitverantwortung
füreinander fühlen (G.sSgesinnung). Daß G.s- u.
Gesellschaftsverhältnis einander in einer Kkon-
kreten Menschenverbindung nicht auszuschlie-
ßen brauchen, zeigtdas Beispiel der G.Sgruppen,
zwiSchen deren Gliedern in der Regel auch Ge-
Sellschaftsverhältnisse bestehen.
Die Tatsache, daß die Glieder eines G.Sver-
hältnisSses Sich nicht auf Grund egoist. Inter-
essen zueinander verhalten, Sondern 50, wie es
ihr wechselseitig erblickter persönl. Wert ver-
langt, charakterisiert Solches Verhalten als poS1-
uv Sittlich (s/7. G.). Wird der persöni. Wert der
G.sSglieder wechselseitig in ihrer Gotteskind-
Schaft u. Christusverbundenheit gesehen u. er-
wäcnst aus dieser Grundlage Teilnahme u.Mit-
verantwortungsgefühl, SO haben wir ein relig1ös
fundiertes G.Sverhältnis vor uns 1. SPreChen des
Näheren von /zrst!. G. u. G.SgeS72122.
I. Erziehung zur GemeinsSchaft: Die
Doppeldentigkeit des G.Sbegriffes kommt auch
in den Forderungen der Z. zz G. zum AUS-
druck, indem man darunter Sowohl eine E. zur
G.sSgesinnung, zum Sittl. Solidaritätsbewußtseim
überhaupt, als auch zur Eingliederung in be-
Stimmte G.Sgebilde (Familie, Staat!. organisierte
Volks-G., Berufs-G., Kirche usw.) versteht. Der
enge Zusammenhang der beiden Forderungen
iSt deutlich, insofern die Eingliederung in be-
SUmmte G.Sgebilde eine allgem. G.sfähigkeit
des Betreffenden voraussetzt. Aber auch der
UnterSschied zeigt Sich, Sofern jene über die
allgem. G.stähigkeit hinaus ein Verständnis für
den objektiven Wert der in der betr. Gruppe
verfolgten Ziele erfordert. Man hat daher
(z.B. G. Kerschensteiner) mit Recht betont, daß
etwa Staatsbürger). E. (s. d.) wohl eine E. zu
den allgem. Tugenden gemeinschattl.Verhaltens
voraussetzt, Sich aber darin nicht erschöpft.
Die Berechtigung der Forderung: «E. zur
G.> liegt zutiefst in der Tatsache begründet,
daß wesSentlichesittl. Anlagen des Menschen nur
im G.Sverhältnis verwirklicht werden können.
Liebe, Mitleid, Treue, Rücksichtnahme, Wohl-
wollen, Hilfs- u. Opterbereitschaft u. andere
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