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in die Breite geht, als für das Erziehungsziel
außer der Ethik die Logik, Asthetik u. Reli-
glionswissenschaft maßgebend Sind.
II. Päd. Antinomien u. Antithesen: Als
Schwierigste A. kann die Kluft angesehen wer-
den, die zwiSschen dem Zzzeßer u. dem Zögling
von Natur aus besteht, ein Gegensatz, der in ver-
Schiedenen andern , Scheinbar weit abliegen-
den A.n wiederkehrt, oft in mancherlei Über-
Schneidungen. Wir nennen nur: objektiver u.
Subjektiver Geist; Kultur u. Natur; Autorität
u. Freiheit; Lern- u. Arbeitsschule ; Normie-
rung u. PSychologiSierung ; Idealismus u. Rea-
1ismus; Sozial- u. Individualpädagogik ; Er-
ziehungsziel u. Bildungsideal; Allgemein- u.
Berufsbildung. Eine wichtige A. Können wir
folgendermaßen formulieren : Alle Kinder Sind
in der gleichen Weise zu erziehen, da die Men-
Schenart Sich überall gleich bleibt u. alle Men-
Schen dieselbe Bestimmung haben ; kein Kind
darf erzogen werden wie das andere, da kein
MensSch dem anderngleicht u. dementsprechend
jeder Seine besondere Bestimmung hat.
III. LöSungsversuche: Als hauptsächlich-
Ste Versuche kommen in Betracht :
I. Die A. wird geleugnet: Die beste So-
zialerziehung iSt auch die beste Individualerzie-
hung (coincidentia oppositorum). Lösungen
Solcher Art werden von einer rein deskriptiven
oder phänomenologischen Päd. bevorzugt.
2. These u. Antithese gelten beide als gleich
richtig: Alle Kinder neigen zum Bögen; alle
Kinder neigen zum Guten (complexio OpposI-
torum). Die päd. Anwendung lautet dann nicht:
entweder-oder, Sondern : SOwohl-als auch ; bald
SO, bald anders.
3. AXl1ologiSch bedingte Lösung: Das eine
(z. B. deduktives Lehrvertahren), wenn mög-
lich ; das andere (z. B. induktives), wenn nötig.
4. Lögung durch ein cA1S ob»: z. B.: Erziehbe,
als ob von dir allein alles abhänge! (vgl. Igna-
tius von Loyola); auch: Hilf dir (in Erziehungs-
fragen) Selbst, 50 hilft dir Gott.
5. Pädagogik der «goldenen Mittel-
Straße» (vgl. den Tugendbegriff bei Aristo-
teles): Ne quid nimis! (Gefahr: Mittelmäßig-
keit, Vorzug: gesunder Menschenverstand).
IV. Der Wert der Antinomien u. Anti-
thesen liegt vor allem darin, daß Sie einen
Starken Anreiz zu päd. Begriffsbildung geben
u. bloßem Wortstreit Abbruch tun. Eine aut
ihnen Sich aufbauende Dialektik (vgl. Schleier-
machers Pädagogik) kann vor voreiligen u. ein-
Seitigen Entscheidungen bewahren. Die Sich in
A.n ausdrückende Problematik bringt dem päd.
Forscher wie dem Praktiker zum Bewußtsein
einerseits die Unendlichkeit Seiner Aufgabe,
die zu immer neuen, in jedem Menschenleben
unvermeidlichen Seelischen, insbes. geistigen
Spannungen führen muß, anderseits die Gren-
zen, die für alle Rationalisierung bestehen.
t
APpparate, pädagogilSsch-pSsychologische.



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Schrifttum: G. Grunwald, Päd. A.n u. Er-
ziehungsziele, in: Beiträge zur Philosophia u.
Pädagogia perennis, hrsg. von W. Pohl (1919,
S. 187-200); E. Hofimann, Das dialektische
Denken in der Päd. (1929); P. Luchtenberg, A.n
der Pädagogik (1923); P. Vogel, Die antinomische
Problematik des päd. Denkens (1925); Päd. Anti-
thesen. Vorträge von Behn, Bopp, Honecker u. a.
(1926); Th. Litt, Führen oder Wachsen lassen
(21929); J. Cohn, Befreien u. Binden (1926).
G. Grunwald.
Apparate, päd.-pSsychologische.
[A. = Apparat.]
1. Die Bedeutung, die man den päd.-pSy-
cholog. A.en beimißt, ist abhängig von der Auf-
fasSung der experimentellen Methode, ihrer
Eigenart u. ihrer Aufgabe im Rahmen der
psycholog. Forschung. Diese AuffasSung hat
SiCh im Laufe der letzten Jahrzehnte wesentlich
geändert. Die Psychologie des ausgehenden
19. Jahrh. überschätzte vielfach den Leistungs-
bereich von A.en, Soweit Sie das naturwisSen-
Schaftl. Ideal exakter guantitativer Erkenntnisse
hatte u.Sich experimenteller Methoden bediente,
die in ihrem Wesen mit physiolog. Experimen-
ten weithin übereimstimmten. Die inzwischen
vollzogenen Umstellungen in der Psychologie
haben zu einer andern AuffasSung des psycho-
log. Experimentes geführt, die es in Durchfüh-
rungsweise Uu. Zielsetzung grundsätzlich von der
Naturwissenschaft trennt. Man Sieht das Wesen
des psycholog. Experimentes heute nur noch in
der Systematischen Setzung u. Varterung be-
Stimmter Bedingungen für Erlebnisse, die ab-
Sichtlich zum Zwecke phänomenaler oder funkK-
tionaler Analysen hervorgerufen werden. Da
Solche Bedingungen Ssubjektiver Natur Sein
können u. das durch Sie beeinflußte Erleben
auch aus der Selbstbeobachtung heraus be-
Schrieben werden kann, Sind nach dieser Auf-
fasSung in der Psychologie durchaus «Experi-
mente ohne Instrumente» möglich. A.e können
zur Herbeiführung von Erlebnisbedingungen
nur dann verwandt werden, wenn diese in ob-
jektiven Reizverhältnissen liegen (A.e 227 Kez3-
gebung). Weiterhin können A.e zur ErtasSung
der objektiven Außerungen der VerSuchsper-
SOonen (= Vp.) dienen (Au/nrahme-A.e für Reak-
hon u. Ausdruck). Schließlich läßt ich mit
Hilfe von A.en die Zeit zwiSchen Reiz- u. Re-
aktion (Ausdruck) feststellen (Zeitme/-A.e).
1. Apparate: Die A.e müssen dem Zweck,
der Art u. den besondern Umständen eines
jeden Versuches angepaßt Sein u. müSssen da-
her vielfach für den jeweiligen Versuch Kon-
Struiert werden. Häufig kann jedoch auch der-
Selbe A., bes. auch in Kombination mit andern
A.en, tür Sehr verschiedene UnterSuchungen be-
nützt werden. Deshalb lassen Sich nicht gut
für bestimmte Untersuchungsgebiete ganz be-
Stimmte A.e angeben, u. eine Einteilung der ge-

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