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ein «Sich-merken-wollen» gibt es für das Kleinkind
noch nicht; desgl.fehlt das «Sich-besinnen-wollen».
Beteiligung des Willens bei der Aufnahme u. Re-
produktion des Eindrucks, über den die A. erfolgen
Soll, macht Sich erst im Schulalter bemerkbar.
Die Möglichkeiten, einen miterlebten Vorgang den-
kend u. wertend zu erfassen, Sind für das Kind Sehr
beschränkt; die A.pSychologie hat deutlich einen
Altersfortschrzitt in den K. feststellen können (Sub-
Stanz-, Aktions-, Merkmals- u. Relationsstadium).--
FürzreueReproduktionen vonfrüherErlebtembietet
beim Kinde das Gedächtnis (s.d.) nicht immer hin-
reichend Gewähr. Schlimmer als das V27:g2eSSe7, das
Sich Sofort verrät, SInd E77unerungstäduschungen,
durch die der Scheinbar treuen Wiedergabe des Er-
lebten fremde Vorstellungselemente unterschoben
werden. Solchen Täuschungen istbes.das Kleinkind
ausggsetzt, weil es nicht fähig ist, die einzelnen Er-
lebnisse zeitlich genau festzulegen u. gegeneinander
abzugrenzen. Mit zunehmendem Erfassen zeitl.
Verhältnisse werden dieK. zuverlässiger; aber auch
beim Schulkind ist wegen Seiner regen Phantasie
u. der noch immerstarken Abhängigkeit vom Trieb-
u. Affektleben unfreiwilliges Falschaussagen noch
leicht möglich. - Beim Kleinkinde 1ist der freie
Bericht die ursprüngl. u. noch im 4. Lebensjahr
vorherrschende Form der A. Auffallenderweise
erfolgt Sie meist erst nach einer Zwischenzeit von
einigen Tagen. Gegen alles Gefragtwerden verhält
Sich das Kleinkind ablehnend. -- Untersuchungen
über das Wesen der Frage (5. d.) haben gezeigt,
daß darin -- bes. in der Entscheidungsfrage --
neben dem Wissenwollen eine Vermutung oder
gar Meinung des Fragenden anklingt. Es besteht
daher die Gefahr, daß der Gefragte die in der
Frage versteckte Stellungnahme des Fragenden
kritiklos übernimmt. Bei szarker Ünselbständigweit
des Gefragten - also bei Kindern - iSt der Sug-
gestive Einfluß der Frage naturgemäß bes. groß
u. wird durch D/nglichkert des Tones, ungewolſumte
Ümgebung, Autorität des Fragenden (Eltern,
Lehrer, Richter; u. etwa dekannte An anderer
(MasSsensuggestion) noch erheblich verstärkt. Bei
Wiederholung des Verhörs Steigt mit der Zahl der
Antworten auch die der Fehler ; das Kind ist dann
nicht mehr imstande, die durch die Fragen früherer
Verhöre nahegelegten Vorstellungen von wirklich
Erlebtem zu unterscheiden. -- Eine Gefahr für die
Treue der K. ist unter Umständen das bei Kindern
oft lebhafte Bedürfnis, eine Rolle zu Spielen, das
Sie verleitet, mehr zu Sagen, als Sie Sicher wissen.
Wo aus der A. Vor- oder Xachteile entspringen
können, wird die ohnehin vorhandene Versuchung
zu absichtl. Fälschung beim Kinde durch das Ge-
fühl Seiner Schwäche noch verstärkt (Ss. Art. Lüge).
Im allgem. geben normale Kinder ihre Vergehen
Sofort oder nach kurzem Leugnen often zu, wobei
Mädchen oft unter Tränen Entschuldigungsgründe
geltend zu machen Suchen.
Es iSt das Verdienst der 4./5SY richtige Bewertung der K., die infolge einzelner
bestechender Leistungen früher vielfach über-
Schätzt wurden, angebahnt zu haben. Zudem
zeigt sie deutlich, in welcher Weise K. am zweck-
dienlichsten zu veranlassen Sind, um mög-
lichst treue Angaben ohne allzu große Schädi-
gung der Kindl. PSyche, etwa bei gericht]. Ver-
Kinderfreunde.
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fahren -- von denen Kinder leider nicht immer
ausgeschaltet werden können -- zu erreichen.
' Daß die Vernehmung möglichst bald nach dem
Erlebnis, ohne unnötige Wiederholung, frei von
überflüssSigen Formalitäten, durch eine dafür
geeignete Persönlichkeit isoliert erfolgen Soll,
| daß der Spontane Bericht dabei zu bevorzugen
ist, Suggestive Einflüsse u. Fragen zu vermeiden
Sind, daß das Gutachten des Lehrers über die
AuffasSungsgabe u. das Gemütsleben des aus-
' Sagenden Kindes einzuholen ist, Sind Ansichten,
diezich heute allgem. durchgesetzthaben.--Päd.
wichtig ist, daß Übung die A. günstig beempuit.
Eine Erklärung dieser Erscheinung wird zwar
nicht gegeben ; es Ist aber die Vermutung aus-
gesprochen, daß das bessere Ergebnis wahr-
Scheinlich auf objektivere Beobachtung u. g7ö-
' ßere VorSicht des Aussagenden zurückzuführen
Sei. In diesem Punkt muß dieErziehung zu treuen
A.n einsetzen, u. zwar kann u. muß Sie Schon im
- Elternhause u. Kindergarten beginnen. Durch
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'konsequentes Verweisen der Fehler oder beszer
noch durch Anleitung, etwaige Mißgritfe allein
herauszufinden u. richtigzustellen , läßt Sich
beim Kinde die zu treuen A.n erforderl. Vor-
Sicht erzielen, die Schließlich auch die Autf-
nahme von Eindrücken günstig beeinfluſit u.
Anlaß zu aufmerksamenm Beobachten gibt. Die
Anleitung des Kindes zu Selbstkorrektur u. Be-
obachtung erfolgt am wirksamsten im Anschluß
an die Ereignisse des tägl. Lebens u. die häus].
Arbeiten. Die zahlreichen Fragen des Kindes
bieten ganz natürl. Anknüpfungspunkte ; durch
wahrheitsgemäße Antworten gibt man das beste
Beispiel für korrekte A.n u. hält die Freude am
Beobachten wach. Man vermeide es, das Klein-
kind durch zuviel Fragen zu A.n zu veranlassen;
es iSt der in der Frage liegenden Aufforderung,
SICh zu besinnen, vielfach noch nicht gewacn-
Sen u. Sieht Sich gezwungen, ohne Ll berzeugung
Angaben zu machen. Das GetühlderV erantwort-
lichkeit fürdas, was es aussagt, wirddadurch von
vornherein untergraben. Im übrigen trägt alles,
was die Beobachtungsgabe (s. Art. Beobachten)
u. den Willen des Kindes fördert, mit dazu bei,
günstige Bedingungen für die K. zu Schatien.
Schrifttum: W. Stern, Beiträge zur Psvycho-
logie der A. (2 Bde., 1903 06; C. u. W. d5tern,
: Erinnerung, A. u. Lüge in der ersten Kindheit
181922), dort Angaben über weiteres Schrifitum ;
/O. Lipmann u. W. Stern, Jugendl. Zeugen in Sitt-
lichkeitsprozessen (1926. E. AK awoil..

Kinderfreunde.
Die K.bewegung ist die charakterist. Er..e-
hungsorganisation des SozialisSmus, die tyP. AUS-
drucksform Sozialist. Erziehung.
Ihr Ausgangspunkt ist ÖOszerreich, wo 1908
4. Afritsch, eim ehemaliger Tischlergeselle u. SPA-
terer Sozialist. Redakteur, mitden Arboiterkindern
inGraz Sonntagswanderungen unternahm. Afritsch

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