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namik, nicht zuletzt die Wiederentdeckung
einer «materialen Wertethik» (M. Scheler, N.
Hartmann, D. v. Hildebrand, R. Guardini).
Der Wesenscharakter aller Erziehung durch
das Leben u. für das Leben ist die Weckung,
Pflege u. Bildung des jedem Menschen innewoR-
nenden Wertorgans ; als dessen Übungsfeld ist
die Stets wechselnde lebendige Situation mit
ihrem Sachl. Wertgehalt u. als dessen Kraft-
quelle aufseiten des Jugendlichen die Freude
am Gutsein u. aufseiten des Schöpfers alles
Guten Seine helfende Gnade zu betrachten.
II. Leitmotive: Da die Situationen Sich
differenzieren nach Heimat u. Heim, nach Alter
u. Geschlecht, nach Schulart u. Berufswahl, da
Sie Ständig im Flusse Sind, da jedes Elternhaus,
jede Schülerindividualität, jede Klasse, jede
Lehrpersönlichkeit, jeder Führer, jede Stim-
mung der Situation ein anderes Gefüge geben
kann, lassen Sich keine festen Normen autfstel-
len, weder für Inhalt noch für Methode dieser
Erziehung zur Entdeckung u. Formung der
Lebenswerte. Jedoch Sollen, entsprechend der
gesamten Bildungsrichtung der Nachkriegs-
zeit, einige Leitmotive angedeutet werden unter
Voraussetzung einer kath. Grundhaltung in
Elternhaus u. Schule:
1. Die innige Durchdringung von Seele u.
Körper als forma u. materia im Sinne der Scho-
lastik verlangt von der frühesten Kindheit an
eine SoOrgsame Regelung des organ. u. einheitl.
Wachstumsin Seinen mannigfachen Ausdrucks-
formen. Alles, was früher Gegenstand lebens-
kundl. Belehrung war, Anstand u. Höflichkeit,
Regeln gesellschaftl. Formen wie Grüßen,
Tanzen, Pflege des persönl. Stils z. B. im Brief-
Schreiben, Lebensart u. Lebensklugheit, kann
von diesem Prinzip leibgeistiger Lebenshal-
tung erfaßt werden. -- 2. Der Durchbruch eines
Stärkeren Verantwortungsbewußtseins gegen-
über der Gemeinschaft als Volk, Staat, Kirche,
Menschheit drängt zu einer altersgemäßen
Übung der Sozialen Werteaufder Grundlage der
gemeinschaftsauf bauenden Kräftedes Christen-
tums, der Kirche, der Liturgie, deren Wesen
nicht früh genug als Gottesdienst der Gemein-
Schaft der Gläubigen erlebt werden Kann, die
aber auch der irdischen GemeinsSchaft, z. B. der
Staatsbildung wertvolle Motive zu bieten hat.
-- 3. Der Ruf nach Verinnerlichung der Be-
rufsauffasSgung im Geiste der «Berufung» Sollte
in dem Sinne gedeutet werden, daß Kinder u.
Jugendliche in jeder kleinsten individuellen
Arbeitsleistung u. in jeder Arbeit einer Gruppe
ein Element der Persönlichkeitsbildung u. eine
Pflicht gegenüber der Gemeinschaft erkennen
lernen. -- 4. Um der heillosen Verwirrung im
Sittl. u. religiöSen Leben unserer Zeit entgegen-
zuwirken, müßte die kath. Familie u. die kath.
Schule Empfänglichkeit u. Gestaltungsfähigkeit
(E. Spranger) im Bereiche dieser höchsten
Lebenskunde.,

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Werte durch vereinte Erziehüngskunst als kost-
barstes Gut der Menschheit in den Jugendlichen
hegen u. fördern.
Es 1st vornehmste Aufgabe der Eltern u.
Lehrer, den Blick geöffnet zu halten für den
Schöpferischen Augenblick, für die werterfüllte
Situation beim Kinderspiel, Wandern, im Le-
ben einer Arbeitsgruppe, bei der Vertiefung
in ein Kunstwerk, beim Auftauchen religiöser
Lebensfragen, beim Konflikte einer KlassSen-
gemeinschaft, bei der Gestaltung eines Festes
u.a.m. Zur Sinnerfüllung einer Solchen Lebens-
kunde kann F. W. Foerster (8. d.) immer noch
Führer Sein, für uns Katholiken aber noch ent-
Schiedener ein Lebensdeuter des Jugendreiches
wie X. Guardini. Letztlich kommt alles darauf
an, daß die Erzieher den fruchtbaren Moment
erkennen u. den Jugendlichen helfen, ihn zu
Schauen. Ein Blick, ein Wink, ein Wort Sollte
genügen, daß Sie den Wertgehalt einer Situation
erspüren u. ihrer innern Aufforderung gerecht
werden. Ebenso bedeutsam ist es aber, daß die
werdenden Menschen frühzeitig lernen, Kon-
Sequenzen zu tragen, Schuld u. Reue für ein
mutiges Voranschreiten auszuschöpfen, die
Heilsmittel der Kirche zur Beherrschung der
verschiedenen Lebenslagen vertrauend einzu-
Setzen, keine Stufe der Entwicklung in Selbst-
täuschung zu überspringen, Sondern Schritt für
Schritt der Mündigkeit eines Christenmenschen
entgegenzureifen. Für die Einflußkraft des Er-
ziehers ist es entscheidend, wie weit er die
Jugend von Sich frei machen kann, wie weit
Sich höh. Werte in ihm verkörpern, wie weit
er Leben in Sich aufnimmt u. Leben bemeistert,
wie weit er Lebenskundiger u. zugleich Lebens-
künder, wie weit er Wissender u. zugleich
Weiser, wie weit er ein Realist der Idee u.
der Tat u. zugleich ein Liebender, wie weit er
ganz dem Leben u. Seiner Aufgabe u. zugleich
Gott u. Seinem Reiche verpflichtet ist. .
IV. Der LebenSunterricht (= LU.) in
Österreich unterscheidet Sich von der L. in
Begriff u. Durchführung: Der LU. ist die Vor-
bereitung der Jugend auf richtige Lebenswirt-
Schaft u. Lebenshaltung auf allen Schulstufen.
Unter Lebenswirtschaft wird die Vorsorge für
die Befriedigung der menschl. Lebensbedürtf-
nisSe verstanden. Der LU. hat also die Aufgabe,
die jungen Menschen zur richtigen Befriedigung
ihrer Lebensbedürfnisse zu erziehen. -- Die
Methode des LU.s besteht in der Konzentration
aller Lehrgegenstände auf die Lebensvorbe-
reitung der Jugend, wobeineuestens auch Gegen-
Stände hinzukommen, die wie Hauswirtschaft,
Kinderpflege, Werkstättenunterricht der Tech-
nik des tägl. Lebens dienen. Die Zelaufgaben
des LU.s Sind: 1. Erschließung der Erkenntnis
der mensch]l. Lebensbedürfnisse u. ihrer Rang-
ordnung; 2. Erziehung des Willens zu ihrer
richtigen Befriedigung; 3. Vermittlung der

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