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Schulreform.
- [S. = Schule, SR. = Schulreform.]
I. Grundsätzliches: S.n befinden Sich
Strenggenommen chronisch im Zustand der
Reform ; Sie Sind nicht, Sie werden. Unauflös-
lich verknüpft mit den pausenlosen Fluktuatio-
nen des umgebenden Lebens der Volksgemein-
Schaft u. mit den weltmäßigen Veränderungen
des Menschheitslebens, werden Sie durch den
leiszen u. allmähl. Wandel der Kulturinhalte,
Lebensbedürfnisse, Schicksale u. Aufgaben,
unter denen u. für die Sie erziehen, in ihrer Ein-
richtung u. Zielstellung, ihrer Methode u. ihrem
Geist unaufhörlich gewandelt, Solange sie le-
bendig Sind. Wenn wir, den stillen u. allmähl.
Wandel übergehend, erst beim Vergleich der
Schul. Bildungszustände in größeren Abständen
von «Reformen» Sprechen, So beziehen wir uns
dabei auf die gröberen Umgestaltungen der
rechtl. Grundlagen, der Organisation u. des
Lehrplans, die freilich nicht in Ständigem Fluß
bleiben, Stabiler Sind als das pulsierende päd.
Leben, oder haben jene a2uzern SE.en im Auge,
die unter Beteiligung der öffentl. Meinung mit
mehr oder minder heftigen, meist politisch
unterfütterten S.kämpfen einhergehen u. weit
weniger das päd. Leben Selbst berühren als die
Machtansprüche an dieses u. Seine Ausbeutung
für andere als erzieher. Zwecke u. AbSichten.
II]. Deutsche Schulreform: Auch die
jüngste, noch in vollem Fluß befindl. deutsche
SR. zeigt dieses Doppelgesicht. Betrachtet man
Sie zunächst lediglich in ihrem äußern Ver-
lauf, so0 fordert die histor. Gerechtigkeit die
Feststellung, daß Sie wesentlich älter ist als die
polit. Verhältnisse u. in ihren bis heute nach-
wirkenden Quellen eine ge2s//ge, keine Soziale
Uu. Polit. Bewegung war. Weder der Krieg noch
der Staatsumsturz haben sie eingeleitet u. aus-
gelöst ; keine einzige der in ihr triebkräftig ge-
wordenen Ideen 1st erst vom Krieg u. den Er-
lebnissen der Nachkriegszeit geschaffen wor-
den, 50 gewiß die im krieg u. in der Nachkriegs-
zeit auf den Plan getretenen Energien auch der
Verwirklichung einzelner Forderungen zugute
gekommen Sind, freilich nicht ohne andere
aufzuhalten u. umzubringen. Die Azfärge der
deutschen SR. reichen zurück in die KRrisen-
Stimmung um die Jahrh.wende. Damals brach
in allen großen europäischen Kulturnationen
das Bewußtsein durch, daß die bestehenden
öffentl. Bildungseinrichtungen u. die öffentl.
Bildungspflege in Gefahr Sind zu erstarren, vom
Leben überflügelt zu werden, u. daß es not-
wendig Sei, zwisSchen «Zeit» u. «S.» einen neuen
Ausgleich zu Suchen. Es war eine durchaus
Internationale Reformbewegung, in deren Rah-
men u., wie man ohne Überhebung Sagen kann,
Mitte die deutsche SR.bewegung ihren Anfang
nahm u. ihre erste Etappe durchlief. Sie wurde
getragen in erster Linie von der päd. Welt u.
Schulreform.

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Wissenschaft, vollzog Sich vielfach ohne öffentl.
Beachtung u. Unterstützung, war aber nach In-
halt u. Tiefe ihrer Programmatik außerordent-
lich reich u. fruchtbar. Ihr X&27z war die innere
Umgestaltung des Geistes der S. im Sinn einer
größeren Lebendigkeit durch den Kampf gegen
den Überdruck der Bildungsmaterie, gegen
einen Stoff lich verstandenen Universalismus u.
die entseelende MassSenhaftigkeit des «Betriebs»
zugunsten einer intensiven 1. persön]l. Bildungs-
pflege. Es ist nebensächlich, daß von den ein-
zelnen Führern dieser Reform bald Sachl.-me-
thod. Einstellungen (Kunsterziehung, Arbeits-,
Erlebnispädagogik, dritter Humanismus), bald
neue Bedürfnisse des Lebens (Werkunterricht,
oStaatsbürgerkunde, deutscheKultur), bald neue
Formen der S. (Landerziehungsheime, Berufs-
S.,; Deutsche Ober-S., elast. Gestaltung einer
reicher differenzierten höh. S.) in den Vorder-
grund gestellt wurden, oder daß alle um die
Vertiefung der Erziehergesinnung in den Krei-
Sen der professionellen Lehrerschaft rangen ;
wichtig, wesentlich u. bleibend war das Wieder-
aufleben der Selbstbildungs- u. der Volksbil-
dungsidee großen Stils, der Kampf gegen die
Selbstzwecklichkeit u. Wirklichkeitsfremdheit
der S.bildung, gegen das päd. Alexandrinertum
u. gegen die Verquickung von Bildungsarbeit
mit gouvernementalen Interessen, mit Politik
u. Wirtschaft. Unterstützt wurde die Reform-
bewegung durch die Antriebe einer immer er-
folgreicher arbeitenden Psychologie u. psycho-
log. Jugendkunde, durch dieKlagen übergeringe
erzieher. u. charakterbildende Wirkung der S.n
u. durch die gerade in jener Zeit zahlreichen,
teilweise tiefgreifenden lebensreformator. Im-
pulse. In ihre 2. PAose trat die deutsche SR.
im Weltkrieg u. im Zusammenhang mit den
Folgerungen, die aus der beispiellos einmütigen
Opferbereitschaft aller Kreise u. Klassen im
Kampf für das bedrohte Vaterland für die
Staatsauſgaben auch auf wohlfahrts- u. kultur-
polit. Gebiet gezogen wurden. Der allen, auch
den bescheidensten lediglich auf den Glauben
an das Recht gestützten Erwartungen wider-
Sprechende Ausgang des Völkerringens unter-
brach die bis dahin herrschende Kontinuität der
Bewegung; im Zusammenhang mit den Ereig-
nissen des Staatsumsturzes u. mit den nun auch
in die polit. Macht eintretenden Bevölkerungs-
klassen trat die Reform in ihr 7. Szadzzum : den
Kampf um die Realisierung der früher erarbei
teten Programme, der zugleich eine vielfache
Umbiegung der Leitideen Selbst gebracht hat.
Die einzelnen Etappen in der prakt. SR.
lassen Sich heute genau festlegen: inden Vorder-
grund treten die Kämpfe um ein neues 5.7echt
5 d.) u. eine ihm entsprechende S.geSetggebung
Ss. d.) u. um den organisator. Umbau des öffent].
S.Systems (s. Art. S.aufbau); die früher vor-
herrschende reine Reformarbeit trat zeitweise

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