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(Erziehung) u. eine eigene Schöpferische Initia-
tive (Spontaneität, Wahlfreiheit) ebenso wie Erb-
faktoren. Jede Begabung ist das Produkt einer
ursprüngl. A. u. Später hinzugekommener Um-
welteinflüsse (Entwicklung des A.bestandes
durch Umweltreize, Residualdispositionen) u.
einer durch eigene Übung erworbenen, auf frei-
gewählte Ziele gerichteten Willensbereitschaft
Intentionalität). Im gesunden Seelenleben
bleibt also immer ein Rest individuellster
Freiheit, der weder nach Erb- noch nach Um-
weltkausalitäten eindeutig vorausbestimmt u.
berechnet werden kann. Auch Sind E.en,
Begabungen u. Sekundäre A.n, Temperament,
Talent, nur Teile im Rahmen der Gesamtkon-
Stitution (Persönlichkeit, Charakter), welche
teils nach Erb-, teils nach andern Gesetzen rea-
giert. Die biolog. Reaktionshypothese 4. W?7s-
marms (die psych. Entwicklung ist eine Reak-
tion der Ur-A.n auf die Entwicklungsreize der
Umwelt) deckt Sich weitgehend mit der Kon-
vergenztheorie des Psychologen 77. Sterz (die
psych. Entwicklung ist ein Produkt innerer u.
äußerer Faktoren). Zur Analyse der Sog. «an-
geborenen» Begabung, der angeborenen In-
telligenz, der Temperamente u. der Gesamt-
konstitution haben viel beigetragen die „Sc/zl-
begabungsprüfung nach IV. Peters (Seit 1915) u.
anderer Psychologen Sowie die Zwillingsfor-
Schung aut biolog. Seite (O. v. VerSchuer); gerade
die Erforschung des Seelenlebens einiger Zwil-
linge hat jetzt Schon den päd. Satz bestätigt,
daß psych. E.en immer Situationsgebunden,
also umweltbedingt sind.
111. Päd, Folgerungen u. Forderungen:
I. Normalschule. Die Binetsche Intelligenz-
prüfung zeigt lediglich das Resultat des Zu-
Sammenwirkens der Entwicklungsreize der Um-
welt auf den A.nbestand des Kindes (WW. Peters);
die Ergebnisse müssen also erst analysiert wer-
den; nicht einmal alle angeborenen A.n Sind
ererbt. Gegenüber dem durch manche Bio-
logen in die Pädagogik hineingetragenen Er-
ziehungspessimismus muß die Bedeutung der
Umweltreize festgehalten u. die Gesamterzie-
hung auf die Korrelation beider Faktoren ein-
gestellt werden. Unterrichtsmethoden u. Berufs-
beratung fußea darauf. Alkoholfreie Jugend-
erziehung u. Enthaltsamkeit als Beispiel des
Erziehers gewinnen besonderes Gewicht (keim-
Schädigende Wirkung des Alkohols auf Indivi-
duum u. Keimmasse). Neben dem«Gesundheits-
paß» ist auch erbbiolog. Studium (der ASszen-
denten u. der Seitenlinie, namentlich der Ge-
Schwister nach der Methode 17. Peters) förder-
lich. V.Slehre u. Familienforschung als Lehr-
Stoft Stellen auch didakt. Aufgaben. -- 2. Hilfs-
Schule u. Fürsorgeerziehung. Neben der
A.nforschung darf das Studium von keimschä-
digenden Faktoren (Tuberkulose, Alkohol, Sy-
philis) u. Sozialschädl. Einflüssen (Unterernäh-
Vererbung.

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rung, Milieuverderbnis) nicht unterschätzt wer-
den. Besonderes Augenmerk ist auf Trinker-
kinder zu richten; biolog. Karteien an Trinker-
fürsorgestellen Sind Hiltsmittel. Fürsorgezög-
linge mit ererbten Ur-A.n müssen verwahrt
werden. -- 3. In der Anomalenfürsorge
hat die neuere V.slehre einiges Licht auf die V.
körperlich bedingter Geisteskrankheiten ge-
worfen: Bei erbl. Schizophrenie eines der E1-
tern Sind 10/5 Kinder Schizophren, 30/5 pSy-
chopathisch; bei erbl. Schizophrenie beider EI-
tern rund 50/5 Schizophren u. 50/5 pSycho-
pathisch. Bei manisch-depressivem Irresein: V.
33 bzw.66%/,, Restpsychopathisch. Bei genuiner
Epilepsie Verkoppelung mit andern A.n der
Minderwertigkeit. Für Schwachsinn u. PSycho-
pathien Steht die V.sforschung erst am Anfang
(E. Rüdn). -- 4. KRriminalpädagogik. Im
Gegensatz zu C. Zombroso (Lehre vom «gebo-
renen» Verbrecher) u. 4. Quetelet (Lehre von
ererbter « Yendenz» oder «Neigung» zum Ver-
brechen) ist neuerdings erwiesen, daß Selbst
bei Vorhandensgein von funktionalen u. inten-
tionalen DisposSitionen das Verbrechertum nur
durch bestimmte Lebenslagen aktualisiert wer-
den kann (71V. Peters). Selbst bei Vorliegen in-
tentioneller Ur-A.n oder bei Keimverderbnis
durch Alkoholismus u. Syphilisgifte können Ver-
brechen durch Abhaltung der Umweltreize(Ver-
wahrung) hintangehalten u. die Triebe in an-
derer Wertrichtung umgebildet werden. Auch
die verbrecherischen E.en Sind Situationsbe-
dingt; infolge der Umweltgebundenheit Sind
SOgar Vergleiche mit Verwandten vererbungs-
wissenschaftlich unzuverläsSig (A47gelanrder).
Gleichwohl hat Araktzsch die biolog. Forschung
ihre Bedeutung beim Szu/erstrafvollzug, näm-
lich für die praktische, wenn auch theoretisch
unhaltbare Ausmerzung der «Unerziehbaren»;
vgl. die kriminalbiolog. Kartei bayer. Verbre-
cherstämme in München (gegr. von Th. Viern-
Stein) u. Sachsens in Dresden (R. Fetscher). Be-
achtenswert ist 1. Klugs Kriminalpädagogik.
Schrifttum: Art. V., in: E. Roloff, Lex. der
Päd. V 1175-1186; W. Bracht, Alkohol, Volk,
Polizei (1930); B. Dürken, V. u. Begabung (1928);
E. Fischer, Erbschädigung beim Menschen (1930);
I. Frischeisen-Köhler, Untersuchung an Schul-
zeugnissen von Zwillingen (1931); R. Goldschmidt,
Einführung in die V.swissenschaft (*1928); ]. Graßl,
Die biolog. Grundlagen der Dorfcaritas (1925);
W. Hartnacke, Naturgrenzen geistiger Bildung
(1930); A. Grotjahn, Volksgesundheit u. Lehrer-
bildung (1931); G. Heymans u. E. Wiersma, Bei-
träge zur Speziellen PSychologie auf Grund einer
Massenuntersuchung, in: Ztschr. für Psychologie,
Bd. 41-50 (1906/08); G. Just, Die V. (1927); -- V.
u. Erziehung (1930); 1. Kiug, Kriminalpäd. (19 30);
E. Kretschmer, Körperbau u. Charakter (2-19 1931); );
J. Lange, Verbrechen als Schicksal (1928); F. Lenz.
Überdie biolog. Grundlagen der Erziehung (21927);
R. Lotze, V. u. Schule (1927); O. Löwenstein,
; Zwillingspsycholog. Untersuchungen im Hinblick

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