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u. Sprachwissenschaft. In der Einleitung zu diesem
ersten Band (S. 1--73) Sprechen Sich beide dahin
aus, daß die VP. in Ergänzung der Individual-P.
die Wissenschaft von dem Vo/g&sges? u. den VolRks-
geistern Sei, «als die Erforschung der geistigen Na-
tur des Menschengesgchlechts, der V., wie dieSelbe
die Grundlage zur GesSchichte oder dem eigentlich
geistigen Leben der V. wird» (S. 13f.). Die allzu
große Weite u. Unbestimmtheit des Programms
verhinderte die volle Verwirklichung der geplanten
Wissenschaft. Reiche Anregungen gingen aber
nach allen Seiten aus. Auch 4. PSast7an wurzelt
mitseinem «Elementargedanken» u.«V.gedanken»
im Lazarus' Ideen. Bastian macht die VP. zu einer
vollen Naturwissenschaft (Der V.gedanke im Auf-
bau einerWissenschaft vom MensSchen, 1886, S. 6).
40 Jahre Später erschien der erste Band einer
«VP., eine Untersuchungder Entwicklungsgesetze
von Sprache, Mythus u. Sitte», in welchem W.
Wundt (5. d.), der bereits 1888 vorbereitend über
«Ziele u. WegederVP.» (Philos. Studien IV, S. 1--27)
geschrieben hatte, den ersten Stein legte zu einer
die Individual-P. ergänzenden VP., deren Aufgabe
besteht «in der Untersuchung derjenigen psych.
Vorgänge, die der allgem. Entwicklung menschl.
Gemeinschaften u. der Entstehung gemeinsamer
geistiger Erzeugnisse von allgemeingültigem Wert
zugrunde hegen». Nach eingehender Kritik der La-
zarus-Steinthalschen Fassung der VP. beschränkt
er dieselbe auf die Erforschung dreier Probleme,
die in keiner andern Wissenschaft behandelt wer-
den, während sie doch eine psSsycholog. Unter-
Suchung erheischen : Sprache, Mythus, Sitte.
Es erscheint auch diesmal fraglich, ob die
VP. als eigene Wissenschaft bestehen bleibt.
Der eigene Schüler Wundts, F. Ärzeger (Über
Entwicklungs-P., ihre Sach]. u. geschichtl.
Notwendigkeit [1915]), hebt eine Anzahl Un-
zulänglichkeiten hervor u. will eine «Entwick-
lungs-P.» errichten, «die notwendige u. zu-
reichende Bedingungen» der psych. EntwickK-
lung erforschen Soll, wogegen Wundt einwen-
det, daß es für das Geistesleben keine notwen-
digen, keine Naturgesetze gebe. Mängel Seiner
VP. Sind in der Tat: 1. der Wundtsche Seelen-
begnift, der keine Seelensubstanz anerkennt,
2. die Leugnung des Individualismus u. der
freien geschichtl. Vorgänge bei den Natur-V.n,
3. eine nicht genügende Erfassung des histor.
Charakters, des V.geschehens überhaupt u. da-
mit weitgehendes Steckenbleiben im apriorist.
Evolutionismus, 4. eine unzureichende Kennt-
nis der ethnolog. u. linguist. Tatsachen.
Schrifttu m: W. Schmidt, Kritik des Teiles
«Die Sprache», in: Mitteilungen der Anthropolog.
Gesgeilschaft in Wien, Bd. 33, S. 361-389 (1903) ;
des Teiles «Die Gesellschaft», ebd., Bd. 51, S. I
bis 24 (1921) u. des Teiles «Mythus u. Religion»,
in: Ursprung der Gottezidee I, S. 51--533 139--140
(*? 1926). . Schmidt.
Volksbildung.
I. Volksbildung als Notwendigkeit empfun-
den im Zeitalter des liberalen Individualismus zur
Wissensvermittlung u. damit Ausrüstung für den
Volksbildung.

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«Kampf ums Dasein» des Individuums, wurde
vom marxist. Sozialismus aufgegriffen im ähnl.
Sinne zum Rüstzeug für den Klassenkampf. Aus-
gehend von der rationalist. These «Wissen 1st
Macht», wollte man das vorgeb]l. WisSensmonopo]l
der Privilegierten brechen u. Wissen zum Gemein-
gut machen. Popularisierte Wissenschaft wurde in
Form von Vorträgen in die breiten Schichten des
Volkes getragen, etwas feiner, in gehobenerSprache
im die Kreise des besseren Bürgertums, etwas gröber
u. massiver in die Kreise der Arbeiter. Nebenher
ging ein breiter Strom populärwissenschaftl. Lite-
ratur. -- Es darf nicht verkannt werden, daß ein
ernstes Bedürfnis vorlag, in populärer Form die
Massen zu befähigen, hygienisch zu leben, Un-
falle zu verhüten, rationell zu wirtschaften, Sich im
Zeitalter der Technik auszukennen. So ist die Po-
pularigierung eine Notwendigkeit gewesen u. iSt
es noch. Aber das Sich-zurechtfinden-können in
der mod. Zivilisation hat mit Bildung nichts zu tun.
Ähnlich wie die Wisgenschaft Sollte auch die Kunst
Gemeingut desVolkes werden, u. zwar die bildende
50 gut wie die redende. Durch Museumsführungen
u. kunstgeschichtl. Vorträge Suchte man dem
Volk die bildende, durch Volksbibliotheken u.
«volkstüml. Theatervorstellungen» die redende
Kunst nahezubringen. -- Das Ergebnis der Über-
Spannung dieser Art «V.» war u. iSt heute noch
katastrophal. Wissenschaft u. Kunst wurde damit
nicht Volkssache, Sondern Massenartikel. Beide
wurden industrialisiert u. damit entweiht.
Die Abkehr von dem Bildungsrummel des
I9. Jahrh.s erfolgte um die Jahrh.wende. Ernste
Männer besannen Sich darauf, daß das Volk durch
MassSendbetrieb nicht gebildet, Sondern Seinen Le-
bensaufgaben entfremdet wird. Sie Sahen die Kri-
Sis, in die das Volk durch Industrialisierung, Po-
litigierung u. nicht zuletzt populärwisSsenschaftl.
Intellektualisierung hineingerissen war. Sie be-
gannen Sich, daß Kultur nur da ist, wo der Mensch
oder die Menschengemeinschaft dem Ansturm der
äußern Dinge geistig u. Sittlich gewachsen u.
überlegen ist. F. Zztge hielt 1902 einen Vortrag
über V. auf der Tagung des Verbandes «Arbeiter-
wohl», der eine deutl. Absage an den V.srummel
der Vergangenheit enthielt. Dringlicher wurde
die Bildungsfrage, als einsichtige Menschen er-
kannten, daß Deutschland nur durch den Einsatz
Seiner gesamten sittl. Kräfte die Katastrophe des
Weltkrieges werde überdauern können, u. als nach
der Katastrophe das Volk berufen war, Sein Schick-
Sal auf die eigene Verantwortung zu nehmen. Da
trat X. v. Erdberg in Seinem grundlegenden Buch
«Fünfzig Jahre Freies V.Swesen» mit der Kritik an
die bis dahin herrschende Form u. Tendenz der
V. heran. Kultur als Adel der Seele vermittelt zich
nicht durch gedächtnismäß. Aneignung von Wis-
Sen über Kultur. Man kann um Kulturgüter wissen,
ohne Sich zur Verantwortung bzw. Mitverantwor-
tung für die Kultur aufgerufen zu fühlen. Die bis-
herigen volksbildner. Bemühungen haben nicht
vermocht, das Volk zur Mitverantwortung u. Ver-
lebendigung des Geistesgutes zu bilden. Sein
Freund u. Mitarbeiter 7%. Bäuerle prägte das
Wort: «V.istdie Bildung des einzelnen zum Volke».
Damit war die Bildungsfrage als die Kulturfrage
des Volkes Schlechthin erkannt: «Was ist noch da
an geistiger Substanz, das mobilisiert u. eingesetzt

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