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Lebensgestaltung.
- Unter L. versteht man am besten die zu
einer Einheit zusammengefaßte Summe aller
vom Willen des Menschen gelenkten, zunächst
auf die eigene Person Sich beziehenden Lebens-
äußerungen. Diese Relation zum Ich Schließt
keineswegs eine wegentlich altruist. Richtung
aus. Sie begagt aber eine persönl. Arbeit an
Sich gelbst ; d. h. es handelt Sich bei der L. in
erster Linie um die Formung des eigenen, nicht
eines fremden Lebens. Die bei der L. zu ver-
einheitlichenden Lebensäußerungen ordnen das
gesamteinnere u. äußere Leben u. alle Zusam-
menhänge mit der Umwelt. Die L. im Strengen
Sinn ist eine Aufgabe, die der Mensch Sich
Selbst Stellt u. mittels Selbstgefaßter Entschlüsse
durchführt. Sie Setzt also eine gewisse Reife,
einen festen Beruf, oder doch die klare Rich-
tung auf einen bestimmten Beruf voraus. Die
SOg. L. früherer Jahre iSt immer nur etwas Vor-
läufiges u., genau genommen, erst die Erziehung
zur 1. So hängt freilich die L. mit der Erziehung
zusammen; Sie beginnt aber erst dort, wo die
eigentl. Erziehung aufhört, wo man über Sich
Herr ist im erziehl. Sinn. Die L. ist eine Über-
windung der Erziehung in allen denjenigen
Punkten, die mit der selbstgewählten Lebens-
formung nicht übereinstimmen.
Zur L. gehört eine innere Herrschaft über
alle Lebensaufgaben u. ihre Anforderungen
(Berufssklaverei steht in Gegensatz zu ihr),
eine Regelung von Arbeit u. Pausen, des Fa-
milienlebens u. der Berufsarbeit, geistigen
Schaffens u. körperl. Betätigung, eine krit. AUS-
einandersetzung mit dem Zeitgeist u. eine Ein-
fügung in das Lebensgefühl der Zeit (s. Art.
Stil), endlich ein Einblick in die Linie eigener
Entwicklung (Zukunftsschau). So umfaßt die
L. das Verhältnis zu den materiellen Gütern
(Geldverwendung, Hausstand, Einrichtung, Er-
nährung, Gesundheitspflege) u. zu den geistigen
Gütern (Religion, Wissenschaft, Kunst, Liebe,
Ehe, Erziehung, Freundschaft). Sie ordnet diese
Mannigfaltigkeiten zu einer Einheit, die der To-
talität des ganzen Wesens entsprechen muß.
Sie Sucht, eine einheitl. u. harmon. Weltan-
SChauung Sich zu erarbeiten, aber ohne jede
gewaltsame LöSung des Geheimnisvollen u. Ir-
rationalen. Sehr wichtig ist zu dieszem Zweck
eine öftere u. längere Einkehr in Sich Selbst,
zur Sammlung aller Lebenserfahrungen, zuihrer
Verwertung u. zur Erkenntnis ihrer Entwick-
lungsmöglichkeiten.
Bei der Erziehung zur L. iSt in erster Linie
die in einer klaren u. festen L. Stehende Per-
Sönlichkeit des Erziehers in Sein u. Erschei-
nung wesentlich. Seine L. Soll aber für andere
nicht vorbildlich Sein nach ihrem Inhalt, son-
dern zunächst nur in ihrer Form. Man Strebe
nach einer Auflösung des Gegensatzes zwischen
Lebensgestaltung -- Lebenskunde.

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Gehorsam u. Selbständigkeit, weil die richtig
| eingetzende L. bereits in ihrer Keimperiode
den Gehorsam als Weg zur Selbständigkeit be-
greifen u. üben muß. -- Man überwinde die
oberflächl. Gedankenlosigkeit des Kindes durch
Gewöhnung an bewußtes Handeln, wobei aber
Sehr darauf zu achten 1st, daß Sich die Klarheit
des unmittelbar Einleuchtenden nicht durch
den Einfluß einer gekünstelten Bewußtheit
verliere. Demselben Zweck dienen eindringl.
Hinweise auf den Ernst des Lebens, Selten,
aber in richtig gewählten Stunden ; Sie Sind
auf die künftige L. von Einfluß, Selbst wenn
Sie im Augenblick nur halb verstanden werden.
Einem drohenden Grübelgeist muß aber ent-
gegengearbeitet werden. -- Ohne die Ideale,
auch die zunächst unpraktischen, zu Stören, iSt
ein Weg zu finden von den Ideologien zur Le-
benswirklichkeit. Man muß Schon früh, an der
Hand lebendiger Beispiele u. Ereignisse, zur
Menschen- u. Weltkenntnis anleiten. Um aber
dem Pessimismus vorzubeugen, lenke man den
Blick auf große Beispiele der Vergangenheit
u. auf lebendige Vorbilder. Wird das vernach-
lässigt, SO droht die L. phantastisch oder rein
theoretisch u. damit unaufrichtig zu werden.--
Man muß So erziehen, daß der Mensch be-
fähigt wird, Sich auch innerhalb eines vorge-
Schriebenen Lebensganges eine breite verstän-
dige Gestaltungssphäre zu Schafien.
Die Zusammenkhärnge der L. mit dem Charak-
ter als Totalität des Wesens Sind Selbstver-
Ständlich. Die L. wird um so Sozialer u. frucht-
barer, je inniger Sie mit dem Lebensgetfühl der
Zeit zusammenhängt.
Schrifttum: P. Kasperczyk, Reifende Men-
Schen u. Menschheitsreifung (1924).
St. vy. Dunin Borkowskt.
Lebenskunde.
1. Als Fach verliert L. in Deutschland in
demselben Maß an prakt. Bedeutung, wie Sich
der Lebensstrom der Gegenwart einer Rationa-
liSierung u. Schematisierung widersetzt u. die
ihm zugewandten Eltern, Lehrer, Jugendfreunde
uv. Führer in Elternhaus, Schule u. im freien
Volksbildungswesen zu einer neuen Ehrfurchts-
haltung u. einem ernsten Ringen mit Seinen
irrationalen Forderungen zwingt. Die lehr-
planmäßig festgelegte Form derL., die Sich mit
Fragen der Persönlichkeitspflege u. dermenschl.
Lebensbeziehungen befaßte, hielt dem An-
Sturm von geistigen Bewegungen u. Auftrieb-
kräften unserer Zeit nicht stand.
I. Als Prinzip: An der Formung der Er-
ziehungskunst im Dienste der L., mehr noch
der Lebensbemeisterung arbeitet die Spontane
Bewegung in den Kreisen der Jugendlichen
aller Richtungen, die wissenschaftl. Neuorien-
tierung auf dem Gebiete jugendl. Seelenkunde,
die Bildungsidee in ihrer Innerlichkeit u. Dy-

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