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werden ſehr verſchieden gefaßt (ſ. Art. „Er-
ziehung“). Für unſere Zwecde genügen fol-
gende Grundzüge:
a) Der ſittlich ummündige Zögling ſoll zur Sitt-
lichfeit herangebildet werden. Sittlich zu handeln
iſt die Beſtimmung aller Menſchen; den Keim
dazu hat jede Menſchenjeele. „Sittlich iſt eine
Perſon, die will, was ſie für recht erkennt, und
zwar, weil ſie es für recht erkennt" (Cohn, Geiſt
der Erziehung, S. 27). Sie iſt alſo autonom, gibt
jich jelbjt das Gejeß der WillensSrichtung und des
Handelns, weil ſie vas als recht Erkannte ſich aus
ſreiem Entjchluß zur Nichtſchnur nimmt. ES iſt
zu viel geſordert, wenn man verlangt, aus der
Hand des Erzieher3 ſollten autonom ſittliche
Perſönlichkeiten hervorgehen. Die Perſönlichkeit
vollendet ſich erſt im reiferen Alter durch Selbſt-
erziehung. Aber der Erzieher muß alle3 tun, um
den Grund daſür zu legen, daß ſein Zögling der-
einſt eine wirklich ſittliche Perſönlichkeit werden
kann. Das muß ſein oberſte3 Abſehen jein, und
da3 darf bei feinem Zögling verabſäumt werden.
Zn der Heranbildung zur Sittlichkeit liegt das
einigende Band aller Erziehung. Nicht eine Ein-
heitsſchule, die für alle gleich iſt, jondern nur
eine einheitliche Sittlichkeit, ſchon der Jugend an-
gebildet, fann die Einigkeit aller Volksgenoſſen
herbeiführen und verbürgen. Al3 gebildet darf
nur gelten der ſittliche Menſch. Dieſes Ziel ſitt-
licher Jugendbildung wird am ſicherſten auf der
Grundlage der Religion erreicht, und hier wird
der Gegenſaß der religiöſen Bekenntniſſe, der
ſonſt unjer Volköleben jo ſchmerzlich zerklüftet,
nicht hinderlich ſein: jede Religion ſordert ſitt-
liche Lebenshaltung. Selbſt der Erzieher, der an
den Lehren ſeines Bekenntniſje3 zweiſelt oder fich
gar von ihnen abwendet, wir doch ven Wert der
jittlichen Erziehung nicht verkennen.
b) Wo man gegen dieſes oberſte Ziel Bedenken
ausſpricht, begründet man ſie mit der Ver-
ſchiedenheit der zu erziehenden Individuen, von
Denen jedes ſeine bejonderen Anlagen mit ins
Leben bringt. Gewiß kommt jedes Jndividuum
in jeinerx Art nur einmal vor; keins iſt dem
anderen ganz gleich. Das dar] aber nicht den
Bli ſür die allgemeine Menſchenpflicht zur
Sittlichkeit trüben, die allen Menſchen, gleichviel
wie ſie jonſt begabt ſind, obliegt. Sobald dieſe
Forderung anerkannt iſt, muß im übrigen aller-
ding3 die bejondere Anlage des Zöglings be-
achtet werden. Der Erzieher hat jorgſam die
guten Keime, die in dem Jugendlichen gegeben
jind, auſzuſuchen und zu kräftigem Wachstum zu
entwickeln. Er muß die im einzelnen Zögling
ſchlummernden Werte erkennen und danach wie
die weitere Ausbildung, jo aud) die Art der Gin-
wirkungen auf den Zögling bemeſſen. Cbenſo
muß ex üble Anlagen an der Entfaltung hindern
und vabei die der Eigenart des Zöglings ent-
ſprechenden Maßregeln ergreifen. JInſoſern ſept

Berufsethos8 des Erziehers8

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NEE Meant
jeder Zögling dem Erzieher nächſt dem allgemein
verbindlichen Ziel der Sittlichkeit bejondere Ziele.
6) Erſt durch die für alle geltende ſittliche und
durch die unterſchiedlich nad) den Individualitäten
abgeſtimmte Bildung können die Zöglinge brauch-
bare Mitglieder dex Gemeinſchaften werden, in
denen ſie dereinſt mitwirken ſollen. Denn das
iſt das dritte Ziel, das ſich jede Erziehung ſtecken
muß, daß der einzelne innewerde, wie er nicht
für fich, jondern für die Gemeinſchaften leben
joll, denen er im Leben angehört. Was der
Zögling durch die Erziehung zur Sittlichkeit und
durch die ſeiner Gigenart angepaßte beſondere
Bildung an Perjönlichkeit3wert und perſönlicher
Kraft gewinnt, das ſoll ex in den Dienſt der
Gemeinſchaft ſtellen, mag es ſich dabei um jeinen
Berufskreis, um Kirche, Nation oder Staat
handeln. Nur ſittlich hochſtehende und zum
Höchſtmaß der ihnen verliehenen Kröſte ent-
widelte Berjönlichtkeiten können ſruchtbare Glie-
der dex Gemeinſchaften werden. Der Sinn für
Gemeinſchaft (der ſoziale Sinn) iſt bei der Er-
ziehung nachdrücklich zu weden. So ſind JIn-
Dividyal- und Sozialpädagogit nicht Gegenſäße,
ſie bilden vielmehr eine Einheit.
3. Da3 Beruſsethos de3 Erzieher8s. Nach den
vorſtehenden Darlegungen gehört der Erzieher-
beruſ zu den Berufen, die am Menjchen für den
Menſchen und zugleich für die Gemeinſchaft
wirken. Er ſteht aljv in einer Reihe mit dem Be-
ruſ de3 Prieſters, de3 Arzte3, des Juriſten. Allein
ver Prieſter betreut die Seelen ſeiner Gemeinde
und dient damit ſeiner religiöſen Gemeinſchaft;
ſür die Geſamtheit andersgläubiger WVolts-
genoſſen kommt ſein Wirken nur inſofern in Be-
tracht, als er an jeinem Teile mithilft, daß das
Gut religiöſer Geſinnung und LebenShaltung
nicht verloren geht. Der Arzt ſorgt in erſter
Reihe für das leibliche Wohl ſeiner Pfleglinge,
demnächſt für die Geſundheit ſeiner Volks8-
genojjen; darüber hinaus ſoll er ſeeliſches Ver-
ſtändnis für Geſunde wie Kranke haben; er kann
und joſl auch) zur Hebung der Sittlichkeit bei-
tragen, aber jein eigentlicher Bezirk, jedenſalls8
der Ausgang5öpunkt ſeiner Bemühungen bleibt
doch das Leibliche. Der Juriſt weckt und klärt
auf dem Grunde der Sittlichkeit das Rechts-
bewußtſein der einzelnen wie der Geſamtheit als
verfüörperte3 Rechtsgewijjen. Der Erzieher iſt
Seeljorger wie der Prieſter, aber er beſchränkt
ſich auf die jugendlichen Seelen und iſt dabei
nicht immer an die Rückſicht gebunden, ob ſeine
Zöglinge ſeinem eigenen oder einem ſremden
religiöſen Bekenntnis angehören. Wie der Arzt
achtet er auf das leibliche Gedeihen ſeiner Zög-
linge, aber er umſpannt Seeliſches wie Leib-
liches mit gleicher Sorgfalt. Dem Juriſten
endlich bereitet ex den Weg, indem er das
Recht8gefühl, das der Jugend eigen iſt, läutert
und jo ven Schaß völkiſchen Rechtsbewußtſeins

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