909 Dentktträgheit --
emen
3. Behandlung. Man halte von Anſang an mit
Konſequenz darauf, daß den Kindern nichts vor-
getan wird, was ſie jelber tun können. Die Dienſt-
boten dürſen niemals Untergebene der Kinder
ſein und von ihnen Aufträge entgegennehmen.
In der Kinderſtube halte man darauf, daß das
Kind ſelbſt ſeine Spielſachen aufräumt, herynter-
gefallene Sachen aufhebt und dergleichen. Man
gewöhne es recht ſrühzeitig daran, ſich jelbſt beim
Anziehen, beim Waſchen, beim Eſſen ujw. zu
bedienen. Das heranwachjende Kind gewöhne
man daran, bei kleinen häuslichen Verrichtungen
der Mutter zu helfen, älteren oder jüngeren
Geſchwiſtern zu dienen. Alle ſolche Mittel ſteu-
ern auch der Denkträgheit. Vor allem aber un-
terlaſſe man es, die Nachhilfe bei den häus-
lichen Schulaufgaben jo zu geſtalten, daß dem
Kinde die geiſtige Anſtrengung erſpart wird.
Nur wenn die Schulaufgaben für das Kind
mit Mühe verbunden ſind, haben ſie Zwetk.
Kinder, denen hilfreiche Eltern oder Geſchwiſter
die geiſtige Anſtrengung erſparen, werden
nicht nur zur Denkträgheit, ſondern auch zur
Dummheit erzogen. Kinder, die zur Träg-
heit hHinneigen, müſſen in Schule und Haus
immer wieder zur Arbeit angeregt und auſ-
gerüttelt werden. Man lajtſe keine Nachläſſig-
teit, feine Bequemlichkeit durchgehen und
ſchre&e auch vor ſtrengen Maßnahmen nicht
zurü>. Auch die Berüdſichtigung der Intereſſen-
richtung des Schülers, die ſorgfältige, den Kräf-
ten angepaßte Auswahl der Arbeiten, die
Überwachung ihrer Ausführung und die ge-
wiſjenhaſte Korrektur derjelben jind von außer-
ordentlichem Wert.
Denkträgheit kann aber auch die Folge ſrüh-
zeitigen Alkoholgenuſjes oder eines Überlade-
nen Magens ſein. „Voller Bauch ſtudiert nicht
gern". Kinder, die noch in der Entwicklung be-
griffen ſind, dürfen unter keinen Umſtänden
auch nur einen Tropfen Alkohol in irgendeiner
Jorm genießen. Man halte auf ſtrenge Mäßig-
keit, einfache, reizloſe Koſt. Viel Bewegung in
friſcher Luſt, Turnen, Sport und Spiel ſind
nicht nur der körperlichen Entwieklung äußerſt
vorteilhaſt, ſie erhalten auch die Friſche des
Geiſte3 und bewahren vor Denkträgheit.
Literatur. Homburger: Pſychopathie des Kinde3-
alter8 (1926). -=“ Közle: Die pädagogiſche Pathologie
(1893). -- Scholz: Charakterfehler des Kindes (1896 *).
-- Strümpell: Pädagogiſche Bathologie (1899). --
Major: Schwer erziehbare Kinder (1913).
Sporxahauer,
Depreſſion ſ. Afſektſtörungen.
Descaries, Rene. 1. Leben und Schriften.
2. Erkenntnistheorie. 3. Metaphyſik.
4. Beurteilung.
1. Leben und Schriften. D., genannt Carteſius
(1596-1650), begründete mit ſeiner Philoſophie
das autonome Denken der Neuzeit und leitete die
Reihe ihrer großen rationaliſtiſchen Syſteme ein.



Descartes, Rene 919
Anſchaulicher noch als ſeine Schriften zeigt die
Entwicklung jeines Lebens, daß ſich in ihm nicht
weniger vollzog als die Auseinanderjezung des
jeiner jelbſt bewußt gewordenen Denkens mit
Icholaſtiſchex Bevormundung, der neuen Zeit mit
dem Mittelalter. Cinem alien Adelsgeſchlecht
ver Touraine entſtammend, erhielt er ſeine
Schulbildung auf der berühmten Jeſuitenſchule
La Flehe. Willig nahm er hier die Fülle der
kirchlich vermittelten Erkenntniſſe hin; ſein Inter-
ejje jedoch vermochte nur ein Fach zu erwecken:
die Mathematik. Inſtinktiv greiſt er nach der
Unbeſtechlichfeit der mathematiſchen Methode
wie nach einem Halt im Unſicheren. Hinfort
kommt er von der bohrenden Frage nicht lo3:
Gibt es ein derart zuverläſſiges Wiſſen auch
ſonſt? Vergebens ſucht er die auſſteigenden
Zweifel im Geſellſchaft3leben der Hauptſtadt zu
übertäuben. Aud) mehrere Jahre zurückgezoge-
nen Leben3 laſjen ihn nur noch ſchärfer ſehen, daß
alles, was man ihn bisher gelehrt hatte, nicht
aus ſeinem Denken herausgeholt, ſondern im da3-
jelbe hineingelegt war und daß nicht die Gültig-
keit der Dogmen allein, ſondern alles bislang
als ſelbſtverſtändlich Hingenommene, die Wahr-
nehmung der eigenen Sinne nicht ausgenommen,
bezweiſelbar ſei. Die innere Unruhe treibt ihn
in das niederländiſche, dann da3 bayriſche Heer.
Mitten in der Unraſt des Lagerlebens überfällt
ihn die Qual des Zweiſels derart, daß er der
Jungfrau Maria eine Wallfahrt nach Loretto
gelobt, wenn ſie ihm Klarheit gebe. Und eines
Tages -- er nennt den 10. Nov. 1619-- weiß er
plößlich, daß er feſten Grund geſunden hat: die
erſten Umriſſe ſeiner Methode, von Grund auf
neu zu denken und nur das als Wahrheit zu be-
trachten, was klar und deutlich gedacht ſei. Hin-
ſort gehört ſein Leben der Geſtaltung dieſer
„analytiſchen Methode". Nach der Schlacht bei
Prag geht er einige Jahre auf Reiſen, ſtattet
auch Loretto den gelobten Beſu) ab und widmet
ſich dann ganz der Arbeit, zunächſt in Paris,
weiterhin aber, da die geräuſchvolle Hauptſtadt
und die drohende Anſeindung -- e3 warnoch nicht
lange her, daß Galilei vor der Inquiſition ge-
ſtanden -- ihm die ungeſtörte Ruhe nicht bot,
von 1629 bis 1649 in dem damals3 toleranteſten
der Länder, Holland, wo er dauernd ſeinen
Wohnſit ändert, um unbeachtet zu bleiben,
freilich ohne ganz den Angriſfen katholiſcher und
proteſtantiſcher Kirchenmänner zu entgehen.
Von hier aus erſcheinen ſeine Schriſten und geht
ſein Briefwechſel mit Männern wie Gaſſendi
und Hobbes aus, den der gelehrte Pater Mer-
jſenne vermitteln mußte. 1649 ſiedelte er auf die
Einladung der Königin Chriſtine von Schweden
nach Stoc>holm über, doch nur, um hier bald dem
rauheren Klima zu erliegen.
D. war ein Sucher noch Wahrheit, aber kein
Kämpfer für die Wahrheit. Das Streben nach

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