1161
ſichtbar erhebt. Erſt die Reifezeit führt wieder |
zu neuen Formen, denen insgeſamt die Ten-
Denz zum engſten Anſchluß eigentümlic iſt.
Ob dabei das vonCh. Bühler beſchriebene Schwär-
men, ob engſte Beſreundungen Gleichgeſchlecht-
licher oder Liebe3verhältnijſe Verſchiedenge-
ſchlechtlicher deutlicher im die Erſcheinung treten?
faſt immer iſt der Drang nach Verinnerlichung
ver ſozialen Beziehungen unverkennbar.
5. Entwitllungögeſehe. In dem gekennzeich-
neten dreiſtufigen Aufbau kann man ein all-
gemeinſtes Geſeßh der Jugendentwiceklung exr-
kennen. Von E. Meumann ſind bereits früher
andere Entwiclungs8geſeße angegeben worden.
Im erſten ſeiner Geſetze bringt Meumann den
maßgebenden Einfluß der angeborenen
Anlagen zum Ausdruk. Zwar iſt die Frage,
ob individuelle Anlagen oder Umwelteinflüſſe
die Entwicklung ſtärker beſtimmen, ſo lange noch
nicht prinzipiell entſchieden, als in der allge-
meinen Vjychologie die Frage nach dem Recht
des (Empiriomus bzw. des Nativiomus noch ver-
Ichiedenartig beantwortet wird. Immerhin iſt
-- nicht zum wenigſten unter der Wirkung der
Vererbungslehre und eingehender vergleichend-
pſychologiſchen Unterſuchungen -- die Entſchei-
dung zunehmend zu Gunſten des Nativismus,
D. Hh. aber im Sinne des Meumannſchen Geſezes,
verſchoben worden. Weil aber jede Anlage zu
ihrer Entfaltung der äußeren Anreize und jede
äußere Einwirkung der inneren Reſonanz bedarf,
enthält W. Sterns Konvergenzprinzip, demzu-
jolge alle Entwicklung durch das Zuſammen-
wirken äußerer und innerer Faktoren zuſtande-
kommt, eine unbeſtreitbare Wahrheit. Doch
jollten gerade in einer pädagogiſch gerichteten
Betrachtung auch die aus der Selbitbildung des
Individuums hervorgehenden Geſtaltungen der
Perſönlichkeit nicht unberüdfſichtigt bleiben.
Auch das zweite Entwicklung3gejezMeumanns,
demzufolge die Fähigkeiten ſich zuerſt entwickeln,
die für den Leben3unterhalt und die niederen
Bedürſniſſe am wichtigſten ſind, bedarf einer
ergänzenden Bemerkung. Gewiß drängt die
Tendenz zur Selbſterhaltung die Entwieklung
des Jndividuums in die angegebene Richtung.
Wer aber bedenkt, wie oft vitale und ökonomiſche
Intereſſen im ſpäteren Leben des Menſchen
Überwiegen, iſt genötigt, Modifikationen de3
Meumannjſchen Geſezßes3 als möglich zu erwarten.
Zu leicht führen Formulierungen der Art, wie
jie in Meumann5 2. Geſeß vorliegen, zu einer
Überſpannung des biogenetiſchen Grundgeſekes,
dejjen Anwendung im Gebiete der Kindes-
pſychologie nach Stanley Hall's fragloſen Über-
treibungen nur mit aller Vorſicht geſchehen ſollte.
In jeinem 3. Geſez bringt Meumann zum
Ausdru>d, daß die menſchliche Entwicklung in
zwei verſchiedenen Nichtungen verläuft, deren
eine zur Automatiſierung erworbener Fähig- | R
Entwicklung im Jugendalter

1162
keiten und deren andere zu einem ſtändigen
Suchen nach neuen Formen der pſychiſchen
Betätigung (zur Variation) drängt. Dabei
ſcheint dur< die Automatiſierung gerade das
Ziel erreicht zu werden, das Bewußtſein für
Leiſtungen anderer und höherer Art frei und
ſähig zu machen. Von hier aus ergeben ſich
beſondere Möglichkeiten zu einer „Schichten-
analyſe“ des Bewußtſeins.
6. Entwieklungsanomalien. Die durch Ent-
wilungöhemmungen (vorzeitigen Fontanellen-
ſchluß, übermäßige Kalkablagerung im Knochen-
gerüſt, Unterſunftion der Schilddrüſe) entſte-
henden Entwiklungshemmungen gehören in das
Gebiet der Heilpädagogik. Fälle mit ſtarker
Verſrühung der allgemeinen geiſtigen Cntwick-
lung (wie etwa beim Lübe>er Wunderkind) ſind
relativ ſelten. Bei einzelnen, weſentlich auf
beſondere Anlagen zurücgehenden Fähigkeiten,
in3beſondere im Gebiete der Muſik, gelegentlich
aberauch in der mathematiſchen und zeichneriſchen
Leiſtungsſähigkeit, iſt Frühreife häufiger anzu-
treſſen. Die ſog. Altklugheit iſt faſt immer als
das Reſultat einer der kindgemäßen Wertungs-
weiſe nicht genügend Geltung gewährenden Ver-
bildung anzuſehen. -- Die körperliche Geſchlechts-
reiſung wird als anomal betrachtet, wenn ſie vor
dem 10. oder nach dem 18. LebenSsjahr einſeßt.
1. Pädagogiſche Folgerungen. Dur) die Her-
aushebung der Entwicklungsgeſeßlichkeiten wird
die biologiſche Sonderform der Kindheit beſon-
ders deutlich. Dem verhängni3vollen Zug emer
älteren Pädagogik, die Eigengeſeklichkeit des
Kindſein3, die ſich weniger in quantitativer als
vielmehr in qualitativer Verſchiedenheit zeigt
und in einem eigenartigen Entwicklungsrhythmus3
zum Ausdru> kommt, zu überſehen und da3 Kind
als Erwachſenen verjüngten Maßſtabes zu be-
trachten, iſt dur die moderne Entwicklung der
Kindespſychologie endgültig jeder Boden ent-
zogen. Der pädagogiſche Ertrag aller Verſrü-
hungen iſt -- abgeſehen von der Gefährdung
der pjychiſchen Geſundheit des Kinde3 --- ſchon
deShalb gering, weil, wie mannigfache Verſuche
gezeigt haben, künſtlich vorgetriebene Leiſtungen
jür die allgemeine Entwicklung mindeſtens ohne
jeden fördernden Einfluß bleiben. So wenig ſich
der Pädagoge von der Pſychologie des Kindes
aus allein das Geſeß ſeines Handelns vorſchreiben
laſjen kann, ſo wenig darf er die Möglichkeiten
und Grenzen der Erziehung und Bildung über-
jehen, die ihm nur durch genaue kindespſycho-
logiſche Erkenntnis bewußt und verſtändlich
werden können.
Literatur. (Nur die wichtigſten deutſchſprachlichen
buchmäßigen Veröffentlichungen ſind genannt.) Die
Geſamtdarſtellungen der Jugendentwidlung von:
W. Ament, A. Dyroff, R. Gaupp, K. Groos8.
Dazu für die frühe Kindheit die Bücher von:
K. Bühler, K. Koffka, W. Preyer, Scupin,
. W. Shinn, W. Stern, IJ. Sully. Für die Zeit

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.