203
die mit 200 Mark weiter kommen als andere mit
500Mark, und ſie bringen es fertig, ohne daß man
die Geräuſche ihres Haushalte8 beſtändig ver-
nimmt. Ja, ſie arbeiten vielleicht wirklich weniger
nls die überarbeiteie und gehebte Frau, die den-
noch nie ausfommt; denn ſie arbeiten verſtän-
dig. Unſere Mütter verſtanden vorbildlich am
Material zu jparen; aber ſie verſchwendeten oſt
Zeit und Kraft. Eine im Berufe tätige Hausfrau
bedarf gerade der Kunſt, Zeit und Kraft jorgſältig
zu ſparen. Unter dieſem Geſichtswinkel muß der
ganze Haushalt betrachtet, durchdacht und um-
gejormt werden. Hausfrauenverbände, Archi-
teilten, Techniker und Künſtler haben in dieſer
Richtung wertvolle Arbeit geleiſtet; unſere
weibliche Jugend muß zur Mitarbeit erzogen
werden.
Jedes geſumde Mädchen müßte ſoweit kom-
men, im Notfalle --- aber nur im äußerſten
Notfalle -- Berufstätigkeit und Hausſfrauen-
arbeit vereinen zu können. Das Leben beweiſt
täglich in traurigen Fällen, daß ſolche Fähig-
keiten nicht jeder Frau angeboren find, und daß
jie nicht irgendwann nebenbei erworben werden,
jondern daß ſie Schulung und Übung koſten.
Und zwar ſrühe Übung. Handfertigkeit, Ordnung,
Umſicht, praktiſcher Bli>---das alles läßt ſich bis
zur Meiſterſchaft mum dann bilden, wenn man be-
ginnt, ſobald im heranwachſenden Mädchen die
nötigen Geiſtes- und Körperkräfte für praktiſche
Hausarbeit erwachen. Alſo liegen die kleinen,
aber jehr wichtigen Anfänge ſchon in der Kinder-
jtube und in der Grundſchulſtube. Die weſent-
liche Lehrzeit iſt das 16. bis 18. Leben8jahr. Was
das Mädchen hier nicht lernt, lernt e3 nur mit
großem Kraſtauſgebot ſpäter und dennoch meiſt
mit recht beſcheidenem Erfolg. Jeder Turner,
jeder Klavierſpieler, ja jeder Handwerker wird
dieſer Behauptung aus dem eigenen Erſahrungs-
treis zuſtimmen.
Die Lage unſerer deutſchen Volks8wirtſchaft
nötigt uns zu ſorgfältigſter Hausfrauenbildung.
zeder ſchlecht geführte Einzelhaushalt iſt ein
Schaden für den Volkshaushalt; das ſollte weit
mehr bedacht werden. Die Frau iſt die eigent-
liche Konſumentin; ſie ſchädigt vie Wirtſchaft
nicht nur, wenn ſie Güter verſchwendet vder ver-
dirbt, jondern auch, wenn ſie al8 Käuferin ihren
Konjum ſchlecht regelt. Wir wiſſen und ſehen
es täglich in Läden und Warenhäuſern, daß
die Frau ſaſt alleinige Käuferin iſt. Wir wiſſen,
welche große Macht und alſo Verantwortung
in ihre Hand gelegt iſt, und dürfen uns nicht
verhehlen, daß ſie ſich dieſer Aufgabe durchaus
nicht gewachſen zeigt. „Der furchtbare Verfall
der gewerblichen Künſte im lezten Jahrhundert
jällt nicht der Maſchine, ſondern der Käuferin zur
Laſt; ihr fehlt der Bli für vas Handwerkliche,
jür das Tüchtige, Brauchbare und Echte, vor
allem für Maß und Kunſt. Es fehlt ihr auch die
Frauenſchule

204
Feſtigkeit des Willen3; ſie unterliegt vem Reiz,
der flüchtigen Ähnlichkeit mit Gediegenem, dem
Schein, der trügerijchen Rechnung, dem Ge-
jchwäß des Verkäufers. Dies alles aber ſind nicht
Privatangelegenheiten eines törichten Haus-
haltes, ſondern wir wiſjen, daß Warenhunger,
Gier nach Käuflichem die freſſenden Schäden
unjerer Volkswirtjchaft ſind. Es wäre gegen die
Würde der Frauen, wollte man ihnen ihre Ver-
antwortung für die Not unſerer Zeit vorent-
halten". (Walter Rathenau). (ES iſt höchſte Zeit,
hier alle Kräſte einzuſeßen, eine Ethif des Kau-
ſens zu lehren und verantwortliche, nachvenkende
Käuferinnen zu erziehen.
Und einer lebten Not unſerer Zeit haben wir
ins Auge zu ſehen. All das, was die vorige
Generation für viel zu ſelbſtverſtändlich hielt, um
darüber nachzuſinnen =- etwa Wohnweiſe,
Haushalt, Kleidung, Kindererziehung, Körper-
pflege, all das wird heute bewußt erörtert und
durchdacht. Aber weiter hat unſer Geſchlecht
in das Licht des Bewußtjeins gehoben, was
aus Schamgefühl nicht beſprochen wurde, all
die natürlichen Dinge, von denen zu reden
die vorige Generation ſich ſcheute: Che, ſreie
Liebe, Zeugung, Mutterrecht. Dieſes ganze
Gebiet iſt heute rückhaltlojer Ausſprache und
j wa3 unſere Vorfahren als naturgegeben hin-
nahmen, iſt unſerer Zeit im höchſten Maße ſrag-
würdig, der Frage würdig. Wie verwirrend
das auf die Jugend wirkt und wie hier eine ab-
gründige Jugendnot ſich auſtut, das ahnen wir
alle in erniten Augenbliken. Frauenleben iſt in
beſonderer Weiſe in dieſe natürlichen Vorgänge
verflochten, und ſelbſt in Verwirrung und Dun-
tel vermag noch ein natürlicher Inſtinkt die rechte
Frau zu bewahren und zu leiten. Aber eben das
Wachstum dieſes Inſtinktes bedroht die zer-
ſjezende öffentliche Kritik. Cin offenes Wort mag
hier manchmal helfen, und doch) traut man wohl
aufklärenden Vorträgen für die Jugend allzuviel
zu; in dem lauten Stimmgewirr von draußen
verliert ſich die eine Stimme gar zu leicht. Und
jo jcheint troß allem für ſehr bedeutſame Leben5-
augenblide Goethes Iphigenie recht zu haben:
„Zc< unterjuche nicht, ich fühle nur.“ Dann aber
hätten wir nicht3 dringlicher zu tun, als unjeren
Mädchen, wenn ihr ahnendes Ergreifen dieſer
Dinge beginnt und zugleich ihr mütterliches Ver-
ſtehen des Kleinkindes ſich zu regen beginnt, vom
16. bis 17. Jahre ab, eine Möglichkeit zu geben,
dieſe Kräfte zu üben und zu betätigen. Dann
wird erlebt, was nie gelehrt werden kann, und
dann mag ein richtunggebende3 Wort nach ſolcher
Vorbereitung auch einmal ſehr viel bedeuten,
und es iſt ſchließlich gleichgültig, ob es in einer be-
jonderen Stunde zwiſchen Freundinnen, ob es
zwiſchen Mutter und Tochter, ob es zwiſchen der
Lehrerin und Schülerin geſprochen wird, ja ob es

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.