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liche öffentliche Erziehung, und zwar die meiſten
zunächſt in Anſtaltserziehung. Jn Deutſchland
werden zurzeit etwa 100 000 dieſer Minder-
jährigen in F.-E. ſich beſinden.
4. Wie iſt das Verfahren bei der Anordnung
der F.-E. ? Das Reichsjugendwohlfahrts8geſetz hat
belanntlich als Organe und Träger der öffent-
lichen Jugendhilfe die Jugendämter gejchaffen.
Dieſe ſollen die Mittelpunitte aller Jugendwohl-
ſahrt in ihrem Bezirk ſein; ſie ſollen inſonderheit
aud) die Auſſangarme aller Jugendnot darſtellen
und mit den Organen der freien Wohlfahrt3-
pflege den bedrohten Minderjährigen zu ihrem
Recht auf Erziehung zur leiblichen, jeelijchen
und geſellſſchaftlichen Tüchtigkeit verhelſen. Die
Helfer und Fürſorger des Jugendamte3 müſſen
daher ihre Augen offen halten und in enger
Zuſammenarbeit befjonders mit der Schule
herausfinden, wo etwa ein Kindesleben in
Gefahr iſt. Und liegen nun in einem Falle die
vorher genanntenVorausſezungen für die An-
ordnung ver F.-E. vor, ſo hat das Jugendamt
bei dem Vormundſchaſtögericht jeines Bezirks
einen Antrag auf Anordnung der F.-E. zu ſtellen.
Selbſtverſtändlich müſſen ſehr gründliche und
genaue Ermittlungen angeſtellt und muß ein
jehr zuverläſſiges Material zur Begründung des
Antrags zuſammengebracht werden. Da es ſich
um eine in das Familienleben tief eingreifende,
um die ſchärfſte Maßnahme der Jugendhilfe
handelt, muß mit größter Sorgfalt und Gewijjen-
haftigkeit verfahren werden. Die häuSlichen
Verhältniſſe müſſen eingehend geprüft, der
Entwiklungögang des Minderjährigen muß er-
forſcht, die Gründe der drohenden oder ſchon ein-
getretenen Verwahrloſung müſſen dargelegt
werden. Das Jugendamt muß nicht nur --
was ſelbſtverſtändlich iſt -- den Minderjährigen
und ſeine Eltern wiederholt ſprechen, ſondern
auch beſonders den Lehrer, den Geiſtlichen, den
Arbeitgeber hören, den Arzt zu Rate ziehen und
in bejonderen Fällen den Minderjährigen dem
Pſychiater zur nervenärztlichen Unterſuchung
vorſtellen. Kommt e38 dann auſ Grund ſeiner
Ermittlungen zu dem Ergebnis, daß in dem be-
ſonderen Falle nur die F.-E. das Mittel zur
Verhütung oder Beſeitigung dex Verwahrloſung
iſt, jo muß es dem Vormundſchafts8gericht ſein
Material zur Beſchlußſaſſung unterbreiten. C38
wird das oft ſchweren Herzens tun, und es wird
ihm bei weitem nicht immer gelingen, die Eltern
von der Notwendigkeit diejer Maßnahme zu
überzeugen, wa3 ſicher ſehr wünjchenswert
wäre. Aber es wäre fahrläſſig, wenn es aus
ſaljcher Rückſichtnahme noch erjt mit ungeeig-
neten Mitteln experimentierte, etwa mit Schuß-
auſſicht, wo dieſe nicht ausreicht, und wenn es
vor der notwendigen Operation zurücſchrecte.
Je gründlicher und begründeter nun der
Antrag des Jugendamtes iſt, deſto leichter wird
Fürjorge-

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dem Vormundſc die Beſchlußfaſſung. Jmmer von dem Grundſaß
ausgehend, daß die F.-E. da3 lezte und äußerſte
Mittel der Jugendhilfe ſein ſoll, ſchreibt der
Gejezgeber wiederum dem Vormundſchaft3-
richter, der ein Erziehungsrichter ſein ſoll und
jugendpſychologiſche Kenntniſſe beſigen muß,
ein gründliches Verſahren vor. Er darf ſich nicht
mit dem Berichte des Jugendamte3 begnügen,
ſondern er ſoll ſich perſönlich ein Bild von dem
Jugendlichen machen und auch ſeine Eltern
kennen lernen. Er kann auch andere Perſonen
als Zeugen vernehmen und kann inſonderheit
den Minderjährigen bis zu 6 Wochen auf
Koſten des Gerichts in einem Pſychopathenheim
oder in einer Heil- und Pflegeanſtalt zur Unter-
juchung unterbringen laſſen. Davon wird der
Vormundjſchaſtsrichter dann Gebrauch machen,
wenn Zweiſel beſtehen, ob der Minderjährige
geiſtig oder pſychijch normal iſt und ob wegen
einer krankhaſten Veranlagung F.-EC. überhaupt
in Betracht kommt oder ob nicht Erziehungs-
unfähigfeit vorliegt. CS iſt vielleicht ein Zeichen
für die Gründlichfeit der vorbereitenden Tätig-
keit der Jugendämter, daß die Vormundſchafts-
richter nur jelten von dieſer Befugnis Gebrauch
machen. Wünſchen3wert iſt es jedenfalls, daß
jo frühzeitig wie möglich die Feſtſtellung erfolgt,
ob bei einem Minderjährigen eine abnorme Ver-
anlagung vorhanden iſt. Auch hier iſt engſte Zu-
jammenarbeit mit Schule und Arzt geboten.
Hat jich nun das Vormundſchaſtögericht von
der Notwendigkeit der F.-EC. überzeugt, ſo faßt
es einen entſprechenden Beſchluß, in dem ex
angibt, auf Grund welcher Vorausſezungen und
Tatſachen die F.-G. angeordnet werden mußte.
Dieſer Beſchluß wird dann mit Zuſtellung8-
urfunde dem Jugendamt, das den Antrag
geſtellt hat, den Eltern oder dem geſeßlichen
- Vertreter, denen das Kind entzogen werden ſoll,
der Fürſorgeerziehung3behörde, die die F.-G.
auszuführen hat, und endlich dem Minder-
jährigen jelbſt zugeſtellt, falls er über 14 Jahre
alt iſt. Da der Beſchluß aber zuweilen Tatſachen
über die Cltern enthalten muß, die der Mindexr-
jährige lieber nicht erfährt, ſoll ihm der Inhalt
nur joweit mitgeteilt werden, al38 es ohne exr-
ziehlichen Nachteil geſchehen kann.
(E35 iſt verſtändlich, daß ſolch ein Beſchluß bei
den Eltern und den Minderjährigen wie eine
Hiobsbotſchaft wirkt. Obwohl ſie ſich nach dem
Gange der Verhandlungen mit dem Jugendamt
und vor vem Vormundſchaftsrichter wohl ſagen
mußten, daß es zu dem ſcharfen Eingriff in ihr
Familienleben und zu einer Abgabe ihrer Er-
ziehung3gewalt an den Staat kommen würde,
ſchieben doch die meiſten Eltern den Gedanken
daran beiſeite und hoffen, daß der Vormund-
ſc Gebrauch machen werde, auf Grund des 8 66

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