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dige Verhältnis zu den antiken Sprachen iſt bis
zur Gegenwart ein Ruhmestitel der Fürſten-
jhulen geblieben. Im weſentlichen auf die Vor-
bildung künftiger Theologen gerichtet, ſollten
ie voch auch den übrigen akademiſchen Berufen
ienen, 3. B. auch ſür die Regenten der Polizeien,
D. h). für Regierungs8beamte und ſonſtige Staats-
diener den Nachwuchs liefern. Ihr ſechsjähriger
Lehrgang umfaßte die Mittel und Oberſtüfe
eines Gymnajiums, alſo die heutigen Klaſſen
U 111-0 1. Zn ihrem Bildung3- und Erzie-
hungsſyſtem wendeten ſie außer dem unmittel-
baren Unterrichte zwei Maßnahmen an, deren
hohen Wert erſt die neuere Pädagogik wieder
entdedt und zu einem Grundſtein aller geſunden
Zugendentwicklung gemacht hat. Durch die Ein-
richtung von Studientagen, an denen jeder
Schüler für ſich mit zuſammenhängenden gei-
ſtigen Gebieten und Aufgaben meiſt eigener
Wahl ſich beſchäftigte, wurde die individuelle
geiſtige Selbſtändigkeit gefördert, und dadurch,
aß die älteren Schüler al8 Inſpektoren bei der
Durchführung der Anſtalt3ordnung verantwort-
lich mitzuwirken hatten, war eine Selbſtregierung
des Schülerſtaate3 mit allen ihren kräftigenden
Folgen ſür die Charakterentfaltung geſchaffen.
Über die Einrichtungen im einzelnen vgl. den
Artikel über das Alumnat, dem im weſentlichen die
Leben8ſorm der Fürſtenſchulen zugrunde liegt.
Für die wirtſchaftliche Unterhaltung der Schulen
war durch den ihnen überwieſenen au8gedehnten
Grundbejiß für Jahrhunderte ausgiebig geſorgt.
3. Bewährung. So ſtellen die Fürſtenſchulen
großzügige, von einem edlen, freien, echt huma-
nen Geiſte beſeelte Schöpfungen dar, die ihrem
Stifter alle Ehre machen. Als Pflanzſtätten
beſter Bildung und Erziehung waren ſie bald
hochberühmt. Das beweiſt, kaum 30 Jahre nach
ihrem Entſtehen, ein Zeugnis aus dem Jahre
1575. Damal3 hatte der Humaniſt Matthias
Drejjer eine ehrenvolle Berufung an die Uni-
verjität Leipzig abgelehnt und dafür das Rek-
torat St.-Aſra in Meißen angenommen. In
einem Briefe an den Kurfürſten Auguſt begrün-
det er dieſe Entſchließung mit den Worten: „Er-
lauchteſter Kurfürſt, gnädigſter Herr. E3 kam
einſt der Herzog Eberhard von Württemberg
nach Florenz und ward gaſtfreundlich von einem
vornehmen und reichen Manne aufgenommen.
Diejer zeigte ihm alle ſeine Koſtbarkeiten: Waf-
jen, Gefäße und anderes. Dies alles, ſagte ex,
iſt mir lieb und wert, aber ich habe noch einen
lieberen und ſchöneren Schaß. Und er führte
ven Fürſten in ein Gemach. Da ſtanden in lieb-
licher Auſſtellung auf der einen Seite die Söhne
mit ihrem Lehrer, auf der anderen die Gattin
mit ihren Töchtern. Entzückt rief der Fürſt aus:
„Nichts Schöneres kann es geben.“ -- „So iſt,
Gnädiger Herr, gewaltig Deine Macht, Dein
Anſehen, Dein Glanz, aber ein Kleinod in Deiner

Fürſtenjchulen

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Schatzkammer leuchtet vor den anderen, daß Du
Schulen haſt mit trefflicher Anlage, die Werkſtatt
und Quellhaus ſind der pietas und doctrina,
in denen in guter Ordnung gehalten werden die
Knaben und dasjenige lernen, was man zu
Ämtern in Kirche und Schule nötig hat. Mit
dieſem Kleinod beſiegſt Du andere Fürſten und
machſt Dich verdient um die Nachwelt, das gilt
mehr al3 der Beſiß von Städten und Burgen
und Silber und Gold." In der Tat haben jahr-
hundertelang die Fürſtenſchulen immer neue
Geſchlechter vortrefflich geſchulter Jünglinge aus-
geſandt, die al8 Gelehrte, als Geiſtliche, als
Lehrer, als Beamte aller Art und als Vertreter
ſreier Berufe ſich hochbewährt und dem engeren
und weiteren Vaterlande hervorragend gedient
haben. Und über dieſen Scharen wa>erer Kultur-
träger leuchten die unſterblichen Namen größter
Fürſtenſchüler: eines Klopſto> und Leſſing,
eines Fichte und Niekſche, eines Paul Gerhard
und Gellert, eines Ranfe und von Wilamowiß-
Möllendorf u. a.
4. Gegenwärtige Lage. Im Jahre 1815 ging
Pforta an Preußen über. Aber über die po-
litiſchen Grenzen hinweg blieb das geſchwiſter-
liche Verhältnis der drei Fürſtenſchulen beſtehen
und wird gerade jezt durc wechſelſeitige ſreund=
liche Beziehungen eifrig gepflegt. Noch immer
umſchwebt der Zauber ewig junger Naturſchön-
heit ihre anmutreiche Lage. St. Afra auf dem
Berge der Freiheit gegenüber dem Schloßberge
hoch über der Elbe, St. Auguſtin reizvoll im
Muldetale, St. Marien zur Pforte zwiſchen
Waldhang und Fluß an der Pſorte des Saaltals
gar anſehnlich gelagert. In ihrer Anlage reichen
jich efeuumſponnene Romantik und ſtattliche
neuzeitliche Zweckmäßigkeit die Hand, und in
ihren Mauern tummelt ſich, ſicher geleitet und
geiſtig und körperlich wohlbehütet und doch in
ſchöner Freiheit, eine rüſtige und ſrohe Jugend.
Wer die Jahres8berichte der Fürſtenſchulen kennt,
weiß, wie reich an edler Anregung, an würdigen
und ſrohen Feſten das Leben in diejen Jugend-
ſtätten klöſterlichen Urſprung8 verläuft. Auch
an Stellenzahl für die Schüler haben ſie be-
trächtlich zugenommen: St. Afra beſitzt zur Zeit
105 Freiſtellen und 25 Koſtſtellen, St. Auguſtin
104 Freiſtellen und 40 Kolſtſtellen, Pforta 140
Freiſtellen, 24 halbe, 12 Viertel-Freiſtellen
und 12 Koſtſtellen. Selbſt mit den Maßitäben
der anſpruch8vollen Gegenwart8pädagogit ge-
meſſen, ſtehen die Fürſtenſchulen auch heutenochin
der Rangordnung der geſchloſſenen Erziehungs-
gemeinſchaften mit obenan. -- Aber eine ſchwere
Kriſis doppelter Art iſt neuerdings über ſie
hereingebrochen. Waren fie, ihrem humaniſtiſchen
Urſprung getreu, vreingymnaſiale Schulen fraſt-
voller Art, ſv wird ihnen durch die antihuma-
niſtiſche Bildungsrichtung der Gegenwart, die
überall realiſtiſche Schulen entſtehen läßt, der

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