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ſänger von der Unruhe des Schuldgefühls weiß
und die Sache Gottes zum Gegenſtande hat
(Hempel, Gebet und Frömmigkeit im A. T.,
1922). Im Neuen Teſtament begründet das von
Gott geſebte Kindſchaftsverhältnis eine ganz
neue Geſtaltung, die den Dank für erſahrene
Gnade zum Fundament, das Vertrauen der
Erhörungs38gewißheit wie der Gehorſamsbereit-
ſchaft zur Atmoſphäre und das in ver Fürbitte
gipfelnde Gemeinſchaſts8geſühl zur Krönung hat.
Auf dieſer Grundlage erwächſt die Anleitung
Teſu zum Bitigebet an den Vater im Himmel;
jein Vorbild gejammelten Betertums räumt
auch der Meditation einen Platz im Erleben
ein. Im Mittelalter wurde das G. verſachlicht;
im Luther ſindet e8 den Herzſchlag de3 Verſön-
lichen wieder, weil Luther Gott ſand. Nun
ſchwinden Verdienſtlichfeit und Opfergedanke,
und das erneuerte Gotte3verhältnis betätigt
ſich nach urchriſtlichem Vorgang in Dank und
Bekenntnis, dazu in der Zuverſicht der von
dem Kindesrecht getragenen Bitte. Die geſchicht-
liche Darſtellung des Gebet3lebens hat daran
ihre eigentümliche Schwierigkeit, daß G. un-
mittelbares Leben iſt und daß auch die Reſlexe
diejes Lebensövorganges in Schrift und Wort, in
liturgiſchem, Haus8- und Schulgebet nicht ohne
das aus perſönlichem Gebetsleben hervorquel-
lende Verſtehen gewürdigt werden können.
2. Weſen des Gebetes, Nun läßt ſich ſagen,
daß das Gebei eine Anrede an Gott iſt, die auf
dem Boden de3 Cvangeliums der Antwort Got-
tes nicht exmangelt; aber erſt die Glaubenöer-
ſahrung läßt aus ver Anrede einen wirklichen
„Zerkehr des Chriſten mit Gott" (jo Wilh. Herr-
mann 1886, 1908“) werden. Daher läßt ſich das
G. auch als Antwort des zuvor von Gott Ange-
redeten würdigen; denn nur als Kind Gottes
habe ich Herz und Sinn, mit Gott zu reden. Das
mit dem Gottesglauben in unlöslicher Ver-
Uammerung; ſeine Herauslöjung aus dem Glau-
bensleben würde automatiſch Erſtarrung oder
Crſterben nach ſich ziehen. Darum ſordern auch
die Methodiſchen Bemerkungen der preußiſchen
Lehrplanrichtlinien für den evangeliſchen Reli-
gionsunterricht an den höheren Schulen, daß „der
NReligionöunterricht den Zujammenhang zwiſchen
lebendigem Gottesglauben und Gebet zum Be-
wußtjein bringen und bei den Schülern das Ver-
ſtändni3 dafür zu erſchließen ſuchen muß, daß
der evangeliſche Glaube ſich durch den Gotte3-
verfehr mit Gott ſeine Leben5kraſt ſtets erneuert".
Der Beter iſt nicht Bergmann ſeiner eigenen
Tieſe oder Vilot beſchwingter Höhenſehnjucht,
ſondern einer, der zu Gottes geoffenbartem
gnädigem Heil35willen Ja ſagt und unter ihn ſich
beugt. Des Chriſten Beten iſt nicht eine menjch-
liche Anſtrengung, jondern Gnade. Ganz Ge-
ſchenk aus der Fülle der Offenbarung und darum

Gebet und Gebets8erziehung

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ganz Tat und Hingebung. Dieſe Paradoxie eig-
net, wie der Religion, ſv auch dem G. als ihrem
zentralen Akt. Die erſte Negung des G. iſt der
Dank für Entriegelung und Erhebung, wie es
Jeſus in der „Vater"“anrede des Vaterunſers
vorbildet; dann folgen die Bitten aus dem Aſſekte
der Not, die das Beten „herzlich macht" (Luther) ;
Der Schluß iſt verweilende Anbetung und Lob-
preiſung deſſen, der der Herr und die Herrlichkeit
iſt. --- So gewiß das G. auch in wortloſer Cxr-
hebung des Herzens zu Gott (Röm. 8, 26) ſich
vollziehen kann, ſo gewiß eignet der Meodi-
tation, d. i. dem ſtillen Sichverſenken in die
Gedanken Gottes, nach Jeſu Vorgang und
Luther3 und anderer großer Beter Nachfolge
doch nur dann ein Plaß in dem Gebetsleben,
iwenn ihre Triebfeder das dankbare Sichöffnen
des Herzen3 gegen den Gott der Gnade und
ihr Inhalt ein nachſinnendes Bewegen der
Worte der Offenbarung (Luk. 2, 19, 51) iſt.
Buddhiſtiſche Meditation mit ihrem Verſinken
in die große Leben3verneinung iſt jo wenig G.
in Anthropojophen zur Fähigmachung de3 Geiſtes
ſür die Auſnahme einer höheren Welt.
3. Gebetöerziehnng. a) Recht und Mög-
lichfeit. Die Vernachläſſigung der G.3erz. (==
Gebetsöerziehung)in der proteſtantiſchen Literatur
iſt ein Spiegelbild für die Verſäumniſſe der
Praxis. Auch die neue Auflage des Handwörter-
buches „Die Religion in Geſchichte und Gegen=-
wart" (Bd. 11, 1928) weiß darüber nicht8 Zu-
ſjammenſaſſendes zu ſagen, und die evangeliſchen
Religionslehrpläne der Volks- und höheren Schu=-
len beſinnen ſich erſt allerjüngſtens auf dies Ge-
biet (ſ. o.), während der katholiſche Neligions-
unterricht die Erziehung zum G. für das indi-
viduelle und das kirchliche Leben ausführlich
zeigt und pflegt.
Freilich wird hier grade die Höhe und Geiſtig-
keit evangeliſcher Frömmigkeit von Pädagogen
und Behörden gegen die Möglichkeit methodiſcher
G.Z3erz. geltend gemacht, und es bleibt ein ernſtes
Anliegen evangeliſcher Pädagogik, das Unmittel-
bare vor Techniſierung, das Perſönliche vor Ver-
Dinglichung und das Lebendige vor Erſtarrung
und Zerdehnung zu bewahren. Hat evangeliſche
G.3erz. überhaupt ein Recht? Das Neue Tejta-
ment weiß von keiner G.3methoditk im Sinne der
fatholiſchen Kirche; aber es läßt ſich doch nicht
überſehen, daß in Jeſu ſeelſorgerlicher Weisheit,
wenn jie das G.öleben erhellt, immer etwas an-
lingt, wa3 auf G.3erz. Bezug hat. C3 ſteht nicht
im Vordergrunde, es ſteht erſt recht nicht im Zu-
jammenhang ſyſtematiſcher G.öbelehrung, aber
es iſt da und gibt Wink und Weiſung für rechtes
G.Sverhalten; man prüfe beſinnlich die Zuſam-
menhänge von Herrenworten wie Mt. 6, 5ſſ.;
5,44 |.; Luf. 11, 1,2 ff.; 18, 11, 13, 14; Mk. 14,
38; Luf. 11, 5-9; 18, 1--8. Auch bei Paulus

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