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gezeigt hätte. Als Teilerſcheinung des in allen
Lebewejen kräftigen Gelbſterhaltungstriebe3
wird die Selbſtbehauptung erſt dann klar hervor-
treten, wenn das Kind zum JIchbewußtſein er-
wacht ijt. Wenn der Zeitpunkt kommt, daß das
Kind ſich durchſeßen will, muß es der Erzieher
bereits für ſich gewonnen haben.
Eine andere Anlage, welche die Leitung des
Kindes erleichtert, iſt der Nachahmungstrieb.
Wenn man dieſen durch zwe>mäßige Geſtaltung
der Umwelt genügend und frühzeitig au3nußt,
erreicht man es durdy) die Gewöhnung, daß die
bejonderen Emwirfungen auf den Willen de3
Kindes auf ein geringes Maß herabgeſetzt werden
iönnen und das Kind ſeime Abhängigkeit kaum
ſpürt. Dieſe Macht der Gewohnheit wird be-
jonders dann wichtig, wenn das Selbſtbewußtſein
des Zöglings jo erſtarkt iſt, daß ihm Selbſtändig-
feit und Freiheit als höchſtes Gut erſcheinen,
und wenn die Kritik vor keiner Autorität mehr
haltmacht. Freilich |chüßt dann die Gewohnheit
allein auch die biSherigen Autoritäten nicht mehr.
Nur joweit der geiſtige Wille des Zöglings ſich
Durchſetzen kann gegenüber allen ſeinen ſinnlichen
Trieben und ſubjelttiven Wünſchen, iſt eine Ge-
währ daſür geboten, daß das Ziel der Erziehung
doc) ſchließlich erreicht wird. Alſo kommt es vor
allem darauf an, dieſen Willen für die höheren
Zwede des Menſchenlebens innerlich zu ge-
winnen. Das Wort Schillers „nehmt die Gott-
heit auf im euern Willen, und fie ſteigt von ihrem
Weltenthron“ gilt auch von dem Sittengeſeß.
Wenn der Zögling ihm innerlich zuſtimmt, ver-
liert es jeine Fremdheit, und das Gute wird
bewußt ein Teil ſeine3 Selbſt, was e8 unbewußt
ſchon vocher war.
3. Gebot und Verbot als Mittel der Erziehung.
Wir jehen, wie zielbewußt und doch vorſichtig
und zurückhaltend die Einwirkung auf den Willen
ves Zöglings erfolgen muß, wie man ihn für
fich und jeine Lebenöauffaſſung innerlich ge-
winnen muß. Daraus folgt, daß der Erzieher
nicht allzu gerade auf ſein Ziel loöſteuern daſ,
wie es früher und aud) jekt noch häufig in der
patriarchaliſchen häuslichen Erziehung der Fall
war und iſt. Hier gilt der einfache Saß der
Autofratie: 816 volo, 816 jubeo -- „wie ich will,
jo befehle ich“ . Wie dieſer politiſche Grundſaß
häufig Revolutionen zur Folge hatte, ſo kann
auch die entſprechende erzieheriſche Praxis eine
Auflehnung des kindlichen Willen38 hervor-
rufen, die ſich bis zum Troß ſteigert. Natürlich
muß der Erwachſene die Ordnungen der Ge-
meinſchaft, die er zu vertreten hat, dem Kinde
gegenüber durch Gebote und am Anfang noch
mehr durc) Verbote aufrecht erhalten, ſolange
dem Kinde die nötige Erfahrung, Einſicht und
Willensſtärke ſehlt. Die ſchon von Goethe ge-
forderte Erziehung zur Ehrfurcht iſt heute
vielleicht ſtärkſtes Bedürfnis für unſer heran-
Pädagogiſche3 Lexikon. I1. .
Gebot und Verbot

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wachſendes Geſchlecht, und dieſe iſt ohne Ge-
horjam nicht zu denken. Aber der Gehorſam,
der aus der Ehrfurcht entſpringt, hat nichts mit
inechtiſcher Furcht zu tun; vielmehr gilt hier
Goethes Wort in umgekehrter Folge: „Jjt Ge-
horſam im Gemüte, wird nicht fern die Liebe
jein.“ Gerade die Erziehung ſollte ſich frei halten von der Förde-
rung knechtiſcher Geſinnung durch äußere Beu-
gung unter geſeßliche Vorſchriſten und auch
auſ ſittlichem Gebiet erziehen zur herrlichen
„Freiheit der Kinder Gottes", zur „Freiheit
eimes Chriſtenmenſchen“. Wenn da3 Kind den
Gehorſam als ein Mittel zur Befreiung von
jeiner niederen Sinnlichkeit, von ſeinem CEigen-
willen ſchäßen lernt, dann werden in ihm Frei-
heit und Zucht ſich verſöhnen zu freiwilliger
Selbſtzucht, und e8 wird die Erfahrung von
Goethes Iphigenie machen: „Von Jugend auf
hab' ich gelernt zu gehorchen, erſt meinen Eltern
und dann einer Gottheit, und folgſam fühlt' ich
immer meine Seele am ſchönjten frei."
4. Anforderungen an die Gebote und Verbote.
3) Bezüglich ihres Inhalts. Damit der
Zögling zu jol wird, ſind ſowohl an den Inhalt der Gebote
und Verbote wie an ihre Durchführung notwen-
dige Forderungen zu ſtellen. Wenn man zur
Freiheit erziehen will, darf man dieſe Freiheit
nicht unnötig einengen. DeShalb gilt als oberſtes
Geſez: Sei jparjam mit deinen Geboten und
Verboten, ſuche ſie durch die Umgebung des
Kindes, durch ſeſte Gewohnheiten, durch) den
Verkehr mit dir überflüſſig zu machen; vertraue
auch der Entwiklung, dem guten Geiſt de38 Kin-
de3, in deſſen Seele deine Liebe zu ihm dich einen
tiefen Blick tun läßt. Erſt wenn du dich von der
Notwendigkeit eines Gebots oder Verbots über-
zeugt haſt, an die Möglichkeit ſeiner Ausführung
glaubſt und dir auch die Kontrolle der Aus-
führung zutrauſt, erſt dann gebiete und verbiete.
Dauernde Vorſchriften machen die Kinder gleich-
gültig und mißmutig, jüngere wohl auch ver-
wirrt und hemmen die Lebenskraft der Kinder;
dem Erzieher aber wird die Aufficht über die Be-
folgung der Vorſchriften erſchwert, die Scheidung
von Wichtigem und Unwichtigem unmöglich.
Vor allem aber leidet der ungezwungene Ver-
kehr, das Vertrauen3verhältnis zwiſchen Erzieher
und Zögling, wenn der Erzieher um den Zög-
ling einen ganzen Zaun von Vorſchriften zieht
und ſelbſt außerhalb desjelben bleibt.
Die Notwendigkeit. der Gebote und Verbote
wird hauptſächlich durch zwei Gründe erwieſen:
ſie müſſen ſich aus dem Zwed der Erziehung
ergeben und dürfen nicht im Wivderſpruch zu der
fmdlichen Entwicklung und ſeinen Kräften ſtehen.
Und zwar muß jede dieſer beiden Bedingungen
bei jedem Gebot oder Verbot erfüllt jein; nur
dann iſt es berechtigt. Erſtlich darf der Erzieher
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