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nur das gebieten, was ſich unmittelbar aus dem
Zwe der Grziehung ergibt. Alſo nicht, was
ihm jelber dient, ſondern was dem Zögling
frommt, darf der Erzieher verlangen. Dadurch
jind natürlich Dienſtleiſtungen, etwa im Eltern-
hauſe, nicht ausgejchloſjen; denn ſie dienen ja
der Erziehung zur Gefälligkeit und Dienſtbereit-
ſchaft und werden weniger durch Befehle als
Durch den guten gejellſchaftlichen Ton, an den
Das Kind gewöhnt iſt, ſichergeſtellt. Berechtigt
ſind ferner Gebote und Verbote nur dann, wenn
jie der Richtung der Entwicklung de8 Kindes und
jeinen Kräften entſprechen. Von einem jüngeren
Kinde langes Stilleſißken und Aufmerken etwa
auf einen Vortrag zu verlangen, ihm Verſtändnis
für ſchwere Lebenslagen, etwa den Ernſt des
Todes zuzumuten, wäre ungerecht; denn es
widerſpricht der kindlichen Unruhe dieſes Alters,
jeiner Freude an Bewegung und Frohſinn. Das
Kind vor eine ſchwere ſittliche Entſcheidung zu
ſtellen, der vielleicht auch ein Älterer nicht ge-
wachjen wäre, bevor ſein Wille genügend er-
ſtarkt, jeine Einſicht genügend geklärt iſt, wäre
ungerecht; denn es widerſpräche ſeiner Kraft.
Darum iſt auch auf die individuellen Anlagen
und Kräſte bei den Forderungen des Erzieher8
gebührende Rüdſicht zu nehmen, zugleich aber
zu warnen vor der modernen Übertreibung und
Verſrühung dieſes JIndividualiſierens. Dex
Ernſt der Arbeit, die Notwendigkeit der Unter-
ordnung, der Segen ſozialer Tugenden iſt allen
in gleicher Weiſe nahe zu bringen, damit die
Selbſtjucht gedämpft, die Selbſtzucht geſtärkt
und die Liebe zu den Menſchen gefördert wird.
b) Die Sicherung der Ausführung der
Gebote und Verbote. E38 genügt nicht, daß
die Anforderungen an das Kind ſeinen Kräften
gemäß jind. Es könnte ſonſt die Erzieher leicht
der Vorwurf treffen, der in Goethes „Harfen-
jpieler“ gegen die himmliſchen Mächte erhoben
1vird: „Ihr laßt (durch eure Gebote und Vexr-
bote) den Armen ſchuldig werden, dann überlaßt
ihr ihn der Pein.“ Vielmehr muß man darnach
trachten, dieſe Kräfte auch in Bewegung zu
jeßen. Damit kommen wir zu der wichtigen
Überlegung, was der Erzieher zu tun hat, um
die Ausführung ſeiner Beſehle zu ſichern. Wenn
jchon bei der Aneignung von Erkenntnisſtoffen
überall die Selbſttätigkeit der Schüler zu for-
dern iſt, wieviel mehr für das Gebiet der Sitt-
lichfeit ! Lebendige Vorbilder und Beiſpiele im
Geſjinnungsunterricht ſind ſchön und gut; aber
damit das Intereſſe an ihnen auch zur Tat führt,
muß man erſt eine Verbindung derſelben mit
dem kindlichen Gedanken- und Motivenkrei3
ſuchen, um durc ſie die Kräfte de8 Kinde3 an-
zuregen. Förſter jagt in ſeiner „Jugendlehre“
jehr richtig: „Die moraliſche Welt joll ſich dem
Kinde darſtellen“ nicht als ein Syſtem von
Pilichten und Geboten, ſondern „als eine Welt
Gebot und Verbot

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von Gelegenheiten der eigenen Kraftentfaltung,
al8 eine Welt von Möglichkeiten, das eigene
Innenleben ſchöpferiſch auszudrücken". Je man-
nigſaltiger die Motive ſind, an die der Erzieher
appelliert, um ſo eher wird ſich eines in der Seele
des Kindes ſinden, das auf die Anregung reagiert,
bis ſchließlich der Zögling mit einer gewiſſen
inneren Leichtigkeit jedem Wunſch de3 Erzieher8
entgegenkommt. Ein Lehrer für alle Zeiten,
wie man die moraliſchen Kräfte im Kinde für
die Erfüllung von Geboten und Pflichten ge-
winnt, iſt Peſtalozzi. Er erzählt von ſeiner
Wirkſamkeit in Stanz, daß ex ſich dabei auf die
täglichen Anſchauungen und Erfahrungen der
Kinder gründete und durch die Gefühle ihres
Beiſammenſeins zuerſt eine ſittliche Grund-
ſtimmung in ihnen hervorrief. Er fährt dann
ort: „So war es, daß ich belebte Gefühle jeder
Tugend dem Reden von dieſer Tugend vorher-
gehen ließ. An dieſe Gefühle knüpfte ich Übun-
gen der Selbſtüberwindung, um dadurch den-
jelben unmittelbare Anwendung und Haltung
im Leben zu geben." Erſt wenn die Kinder
ihre moraliſchen Kräfte in ſich erlebt hatten,
juchte Veſtalozzi in ihnen ſittliche Anſichten
durch Belehrung hervorzurufen. Erſt dann
werden die Kinder auch imſtande ſein, Gebote
und Verbote nicht als läſtigen äußeren Zwang
zu empfinden, ſondern als willkommene Ge-
legenheit, ihre Kräfte zu üben. Und dies ge-
währleiſtet doch erſt dem Erzieher, daß ſein Wille,
jein geiſtiges Leben in dem Zögling wirklich Ge-
ſtalt gewinnt.
Damit ſind wir bereits der Frage näher ge-
treten, ob man ſeine Anordnungen und Wünſche
dem Zögling begründen müſſe, ja, wir haben
dieſe Frage eigentlich ſchon bejaht; denn „be-
lebte Gefühle dex Tugend“ und „Übungen der
Selbſtüberwindung“ ſind nicht möglich, wenn
nicht an das ſittliche Urteil der Kinder appelliert
wird, wie denn auch Peſtalozzi ſich in ſtillen
Abendſtunden über Vorfälle in der Gemeinſchaft
unterhielt. Damit wird freilich nicht die Be-
gründung jedes einzelnen Befehls vorgeſchlagen.
Tyt die Autorität des Erzieher8 wankend ge-
worden, ſo wird ſie dadurch nur noch wankender;
denn es wird Gegengründen Raum gegeben, und
aus dem Befehl wird ſchließlich ein Kompromiß.
Zſt aber die Autorität des Erziehers unerſchüttert,
jo ſind Gründe nicht nötig; dann iſt jedes Ge-
bot und Verbot für den Zögling ſchon durch die
Autorität des Erzieher8 genügend begründet.
Außerdem befähigt nicht bloß die Einſicht da
Kind zu ſittlichem Handeln, ſondern ſeine Willens-
ſtärke, jeine geiſtige LebenSrichtung, ſein Cha-
rakter. In dieſer „ſittlichen Gemütsſtimmung"
joll jein Handeln begründet ſein. Das ſchließt
aber nicht aus, daß ſich der Erzieher in einzelnen
Fällen, in denen an die moraliſche Kraft beſon-
ders hohe Forderungen geſtellt werden, oder

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