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in beſonderen Schwierigkeiten, womöglid) Ge-
wiſſenskonſlikten, in denen das Kind ſich nicht
zurechtſindet, an die Einſicht des Kindes wendet,
um ihm jeinen Entſchluß zu erleichtern. Natür-
lich hängt es von ſeiner geiſtigen Entwieklung
ab, ob und in welchem Maße man das tut. Aber
Das Stind wird dankbar ſein, wenn man es zum
Mitarbeiter an ſeiner eigenen Erziehung macht,
wenn man jein höheres Selbſt im Kampfe gegen
ſein niederes ſelbſtiſches IJc man ihm 3. B. zeigt, daß Selbſtbeherrſchung und
Geduld nicht Schwäche, ſondern ein Erwei3
höchſter Kraftentfaltung iſt. Damit iſt einer
beſonderen Morallehre in der Schule noch nicht
das Wort geredet; es handelt ſich hier nur um
die Frage, inwieweit der Erzieher ſeine ein-
zelnen Forderungen begründen ſoll.
Wenn Gebote und Verbote nicht von vorn-
herem zur Unwirljamfeit verurteilt ſein ſollen,
muß ihre Ausführung überwacht werden. Gut
iſt es, wenn dies im allgemeinen unauffällig ge-
ſchieht; es ſchadet indeſſen nicht, wenn der Zög-
ling weiß, daß der Erzieher auf die Erfüllung
jeiner Befehle achtet. Je mehr Stetigkeit und
Feſtigkeit er zeigt, um ſo mehr wird ſeine Auto-
rität wachſen. Daher wird er Anordnungen auch
nur dann zurücknehmen, wenn unvorhergeſehenes
Verbalten des Zöglings dies ermöglicht. Wider-
jprüche in jeinen Befehlen muß dem Erzieher
ſchon der einheitliche Zwe der Erziehung und
die eigene Charafterſtärke unmöglich machen;
ſonſt ließen ſie ſich nur aus eimer unüberſehbaren
Menge der Anordnungen erklären, die man
aljo ſchon aus dieſem Grunde einſchränken
muß. Stößt man auf wirklichen Eigenſinn, d.h.
jezt der Zögling dem ſittlichen Willen des Er-
ziehers, ohne dafür Gründe anführen zu können,
Widerſtand entgegen, ſo bleibt nur übrig, den
Troß zu brechen, wenn er nicht womöglich patho-
logijd) begründet iſt. Locke ſagt mit Recht: „Wenn
es einmal (zwiſchen dir und veinem Sohn) zu
einem Streit darüber kommt, wer Meiſter iſt =-
und dies iſt der Fall, wenn du befiehlſt und er
jich weigert--, ſo mußt du unter allen Umſtänden
gewinnen, es jei denn, daß du für alle Zeit in
Botmäßigkeit gegen deinen Sohn leben wollteſt."
Moderne ſehen in dem Troßz nur eine natürliche
Kraftäußerung in Verteidigung eigenen Rechts.
Selbſt dann wäre er als ſelbſtſüchtig, autoritäts-
feindlich und antiſozial zu befämpfen und das
Kind darüber zu belehren, daß der Sieg über
jich jelbſt der ſchönſte, wenn auch ſchwerſte iſt.
Solcher Troß zeigt ſich beſonders in jüngeren
Jahren. Später kann es zu tiefer begründeten
Konflikten kommen, denen man vorbeugt, indem
man alle biSher empfohlenen Mittel perſönlicher
Einwirkung auf den Zögling anwendet, ſeine
Maßnahmen noch einmal überprüft und, wenn
nötig, berichtigt, auch Gegengründe und Ent-
ſchuldigungen des älteren Zöglings ruhig anhört

Gebot und Verbot -- Gedächtnis

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und gelten läßt; denn ſchließlich vermögen vod)
Erzieher und Zögling nichts gegen einander,
jondern nur miteimander.
6) Die Form der Gebote und Verbote
Die Ausführung der Beſehle wird auch durch
ihre Form gewährleiſtet. Je kürzer und knapper
ſie ſind, umſo eindruck8voller, verſtändlicher und
leiter behaltbar ſind ſie für das Kind. Aber
auch im Ausdruck müſſen ſie unzweifelhaft klar
ſein, damit das Kind weiß, was es zu tun hat,
und etwaigen böjen Willen nicht mit einem Miß-
verſtändnis entſchuldigen fann. Von größter
Bedeutung iſt auch der Ton der Gebote und
Verbote. Spricht man ruhig und freundlich,
aber doch auch ſeſt und beſtimmt, ſo daß der Zög-
ling das Wohlwollen, aber auch die Willens3-
ſeſtigkeit des Erzieher3 herau3hört, ſo erleichtert
man ihm den Gehorſam weſentlich. Ein ärger-
licher und aufgeregter Erzieher ſchadet ſeiner
Autorität, und im Affekt gegebene Befehle
werden oſt auch inhaltlich anfechtbar ſein. Rich-
tig jagt Förſter: „Die Kunſt des Befehlens iſt
nicht eine Kunſt der Stimmittel oder irgend-
welcher anderen äußerlichen Methodik, fie iſt
eine Kunſt der ſtarken Willenskonzentration und
ihres ungewollten Aus3drucks in Haltung, Miene
und Auge." Je mehr der Erzieher an ſeiner
Selbſterziehung gearbeitet hat, umſo mehr diſzi-
plinarijche Kraft wird er beſigen. Dann braucht
er auch ſeine Befehle nicht mit Strafandrohungen
auszuſtatten. Furcht vor Straſe treibt die Liebe
zum Guten aus. Der Erzieher muß doch mehr
mit der Erfüllung ſeiner Vorſchriften als mit
ihrer Übertretung rechnen. Vor allem aber muß
die Perjönlichfeit des Erziehers, wie ſie der
Zögling ſieht, eine dauernde Verkörperung
alles Drohens und Strafen3 im Falle des ---
„aum vorſtellbaren" -- Ungehorſams, aber auch
des Wohlwollens und der Liebe im Falle de3 --
„jelbſtverſtändlichen" -- Einöſeins mit dem Er-
zieher ſein.
Literatur. v. Sallwürk: Die Schule des Wiſſens
als Grundlage der geſamten Erziehung (1915). --
Häberlin: Das Ziel der Erziehung (1925?). -- Leh-
mann: Das doppelte Ziel der Erziehung (1925). ---
Förſter: Jugendlehre (1918). -- Derſelbe: Schule
und Charakter (19201). Dalisda.
Gedächtnis, j. auch „Aſſoziation“, „Au8wen-
diglernen", „Reproduktion", „Wiedexr-
ertennen“. 1. Abgrenzung. 2. Theorien.
3. Methoden der Gedäctnisforſchung,
4. Rejultate ver Gedächtnisunterſuchun-
gen. 5. Gedäuchtnishilfen und Mnemo-
technif. 6. Anomalien.
1. Abgrenzung. Mit dem Begriff „Gedächt-
nis“ ſtehen im engſten Zuſammenhang die Tat-
ſachen der Aſſoziation, Phantaſie und Repro-
duttion (vgl. die zugehörigen Art.), ſowie die
Tätigkeiten des Auffaſſens, Einprägens, Aus-
wendiglernens, Merken8 und Behalten8 und
die Grjheinung des Vergeſſens. Dieſer leicht zu
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