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vermehrenden Zahl zugehöriger Tatbeſtände ent-
ſpricht die Vielgeſtaltigkeit der möglichen grund-
ſäßlichen Stellungnahmen zum Problem des G.,
die in den G.-Theorien ihren Niederſchlag ge-
funden haben.
Bezeichnen wir vorläuſig die den reproduk-
tiven Vorgängen zugrunde liegende Fähigleit
al3 G., ſv erhebt ſich ſojſort die Frage, mit welcher
Genauigkeit ein ſrüheres Erlebnis reproduziert
werden kann. Dabei ergibt ſich, daß eine in allen
Teilen und Begleiterlebnijjen vollfommen treue
Art der Wiedererneuerung früherer Erlebniſſe
kaum jemal3 zu beobachten iſt. Demgegenüber
erweijen ſich aber auch die mit dem Charakter der
Neuartigkeit ausgeſtatteten Erlebniſſe phantaſie-
mäßiger Art, jobald wir auf ihren etwaigen Zu-
ſammenhang mit früheren Crlebnijjen achten,
als weithin aus vem Stoff der Erſahrung auſge-
baut. Daraus folgt, daß der Grad der Genauig-
keit der Reproduktion nur dann der Scheidung
von Erinnerung und Phantaſie zugrunde gelegt
werden kann, wenn man zwiſchen belanglojen
und belangvollen Änderungen des früheren Er-
lebniöbeſtandes und ſeiner Abfolge unterſcheidet.
Herbarts8 Tefinition, der zufolge das G. ein
„unverändertes Wiedergeben ſrüher gebildeter
Vorſtellungsreihen“ iſt, dürfte daher nur ſür
Tocalfälle gelten. Bezeichnenderweiſe hat da-
rum ſchon Kant G. und phantaſtiſche Repro-
duktion durch die Beziehung auf das Geſamt-
verhalten des Bewußtſeins zu ſcheiven gejucht:
das G. vermag nach ihm „die vormalige Vor-
ſtellung willkürlich zu reproduzieren“, während
bei den phantaſtiſchen Reproduktionen das „Ge=-
müt ein bloße3 Spiel" jener Vorſtellung iſt.
Doch geſtattet auch dieſer Verſuch, wie ſchon ein
Hinweis auf die ſpontan auſſteigenden Ex-
innerungsbilder zeigt, keine reinliche Scheipung
von Phantaſie und Erinnerung. Möglich wird eine
ſolche Scheidung dagegen durch die Bezugnahme
auf das Erlebnis de3 Bereitsgehabthabens. Wo
im individuellen Bewußtſein eine Vorſtellung
mit dem Charakter diejes Gehabthabens auſ=-
tritt, und wo zugleich das reproduzierte Erlebnis
als „richtiger“ Niederſchlag eines früheren Er-
lebniſjes aufgeſaßt wird, empfindet fich das Jn-
dividuum als erinnernd; in allen Fällen, in
denen eine jolche Zurückführung nicht möglich iſt,
als phantaſierend. Das G. läßt fich dann als die
den Erinnerungen zugrunde liegende Fähigkeit
des Bewußtſeins bezeichnen.
2. Gedächtnistheorien. Da die den Crinne-
rungen zugrunde liegenden Erlebniſſe zu einem
erheblichen Teil als Niederſchläge der ſinnlichen
Wahrnehmung gelten müſſen bzw. ſich auf Wahr-
nehmungs3material zurückführen lajſen, da ferner
an der phyſiologiſchen Bedingtheit aller Wahr-
nehmungen nicht zu zweifeln iſt, lag es nahe, die
Erſcheinungen des G. auf Veränderungen zurück-
zuführen, die im nervöfjen Zentralorgan unter
Gedächtnis

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ver Einwirkung der Sinneseindrüce entſtehen
und dort konjerviert werden. Alle G.-lehren,
die von dieſer Tatjache ausgehen, bezeichnen wir
zuſammenſajjend als phyſiologiſche G.-theo-
rien. Sie treten als ausgeführte Lehren in der
Eniwiclung der Wijſenſchaft erſt auf, nachdem
die phyſiologiſche Bedeutung des Gehirns ent-
Dedt war. Vorbereitet im englijchen Senſuali8-
mu8, nehmen ſie deutlichere Geſtalt im deutſchen
Rationali8mus und im franzöſijchen Materialis-
mus der vorrevolutionären Zeit an. Mit dem
Ausbau der Phyſiologie und der Gehirnforſchung
ſpezialiſieren und diſſerenzieren ſich die zunächſt
nur allgemeinen Anſchauungen.
Al3 relativ unvollkommenſte unter den aus-
geführten phyſiologiſchen Theorien muß die
„Zellentheorie“ gelten, die von Meynert u. a.
vertreten wurde und bei der man von der An-
nahme ausging, daß eine beſtimmte Vorſtellung
immer in einer beſtimmten Gehirnzelle konſer-
viert werde und der mögliche Umfang des G.
durch die Zahl der G.-zellen beſtimmt ſei. Aus
der Tatjache der völligen Regeneration der Ge-
hirnzellen erwachſen diejer Theorie ebenſo große
Schwierigkeiten wie aus der außerordentlichen
Komplexität und Vielgeoſtaltigkeit der aſſoziativen
Verbindungen der (bei diejer Theorie iſoliert
zu dentenden) Vorſtellungen.
Infolgedeſſen gehen faſt alle neueren phyſi-
ologijchen G.-Theorien von der Annahme aus,
daß jedem Erlebnis ein ganzer Komplex von Ge-
hirnzellen und -partien zugeordnet werden muß,
wobei dann das Funktionsgefüge, das die Zellen
und Zellenfomplexe miteinander verbindet,
entſcheidende Bedeutung erhält (vgl. Th. Zie-
hen u. a.). Bei EC. Hering erſuhr die phyſiolo-
giſche G.-hypotheſe eine weſentliche Erweiterung,
indem er das G. als allgemeine Funktion jeder
organiſchen Materie betrachtete. Gleichfalls vom
phyſiologiſchen Standpunkte aus iſt R. Semons3
Minemenlehre auſgebaut: Jeder Eindruck hinter-
läßt eine Veränderung, ein „Engramm"“ (bei
anderen Reſidue, bei W. Baade Dynamie ge-
nannt), das unter beſtimmten Bedingungen zur
„Ekphorie" gebracht werden kann. Erinnerungen
jind dann die Wirkungen der Ekphorien von En-
grammen.
Als Ort dieſer phyſiologiſchen Erlebnisſpurerni
wird in der Regel das zuſtändige Senſorium, der
Ganglienbezirk, in den die Erregungen der ver-
ſchiedenen Sinneönerven auslaufen, betrachtet.
Optiſche Vorſtellungen werden daher einem an-
deren Ort zugewieſen als akuſtiſche, taktile,
vlfattoriſche uſw., wobei ſehr wohl wieder eine
Verbindung dieſer Bezirke untereinander (vgl.
Flechſigs Aſſoziationsfelder, Art. „Aſſoziation"“)
angenommen werden kann. Dabei bleibt zunächſt
die Frage unentſc gen die gleichen Ganglienſyſteme in Anſpruch ge-
nommen werden, in denen ſich die Akte der

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