369
des vprigen Jahrhundert3 ſelbſt der Geſchichts8-
unterricht über die Zeit der Beſreiungskriege
nicht hinausfkam. Es iſt jezt Wandel darin
geſchaffen; in den ſtaatlichen Lehrordnungen
jinden ſich ſeit langem Bemerkungen wie
dieſe: „Fortführung bis zur Gegenwart", „bis
zur neueſten Zeit", „Cinſührung in die neuere
und neueſte Dichtung", Berüdfſichtigung der
„dVerhältmiſſe des praktiſchen Lebens", der „Be-
ziehungen zu andern Ländern", der „Stellung
im Welthandel und Weltverkehr" --- alles Vor-
jchriften und Weiſungen im Sinne einer wohl-
verjtandenen „Gegenwart8pädagogit". BViel-
leicht iſt aber in den amtlichen Plänen wie auch
beſonders in der Unterrichtöpraxis die Rich-
tung der Jugendbildung auf die Gegenwart, auf
das Leben, auf die Wirklichkeit doch noch ſtärker
herauszuarbeiten. E3 handelt ſich ja nicht nur
um die Gegenwart: um ihre Kenntnis, ihr
Verſtändnis, um das Sicheinfügen und -einleben
in ihre Kultur, ſondern auch ſchon um die Zu-
funſt-- die von der heute heranwachſenden Ge-
neration dereinſt geſtaltet werden ſoll und muß
und die doch nur in lebendigem Zuſammenhang
mit der heutigen Gegenwart recht geſtaltet wer-
den kann. Cine Jugend, die e8 auf ihren Bil-
dungswegen nicht zunehmend lernt, den Geiſt
ihrer Zeit zu begreiſen, wird auch die Bedürfniſſe
ihrer Zukunft nicht begreifen.
Wie aber die Zukunft -- mit allem Reichtum
ihrer Entfaltungen -- in dex Gegenwart wur-
zelt, jo die Gegenwart in der Vergangenheit,
in dem, was für ſie „Geſchichte“ iſt. Daher jene
berechtigte Forderung: die Gegenwart aus der
Vergangenheit zu verſtehen, aber daher auch die
andere, die nicht weniger berechtigt und bedeut-
jam iſt: die Vergangenheit aus der Gegenwart
zu verſtehen. Beides erwächſt aus dem „Wechſel-
jpiel" zwiſchen den Zeiten; aus der Vergangen-
heit ſteigen vie Geiſteskräſte in unſre lebendige
Gegenwart empor, und in unferm gegenwärtigen
Leben reichen wie al3 Träger ſeines geiſtigen
Gehaltes gleichſam in die Tieſen der Vergangen-
heit hinab (Litt, Geſchichte und Leben, 1925 ?,
S. 201). Sind wir uns deſſen bewußt, ſo greift
ſreilich unſer inneres Verhältnis zur Vergan-
genheit noch über das Verſtehen hinau8; wir
werden uns dann auch bewußt, daß aus der Ver-
gangenheit geiſtige Werte in unſer Gegenwarts-
leben hinüberwirken, deſſen Glanz nicht ver-
blaßt und denen wir die gleiche Ehrfurcht ſchulden,
wie ſie ihnen in den Tagen ihrer erſten Offen-
barung und in allem Wandel der Zeiten erwieſen
wurde. Wenn ſich uns alſo heute eine Art von
„Gegenwart3pädagogit" anbietet, die die Ju-
gend in eine von der Vergangenheit ge-
löſte Gegenwart einführen möchte, die der
Jugend ein von allem „Hiſtori8mus" befreites
Leben erſchließen, ihr gleichſam die Pforten zu
einer aanz neuen, aus ganz neuem Geiſte er-
Gegenwart3pädagogik

910
zeugten Welt auſtun möchte -- jo iſt das zwar
gewiß ein Mangel an geſchichtlihem Denken,
aber es erſcheint uns auch al8 ein Mangel an
Ehrfurcht gegenüber einem geiſtigen Erbe von
unvergänglicher Größe und Hoheit. In Wahr-
heit läßt ſich ja auch eine ſolche Art Gegenwarts-
pädagogik --- die, wie erſichtlich, viel mehr Zu-
funfisSpuvagogit iſt -- nicht praktiſch durchführen;
denn auc der Verächter der Geſchichte ſeines
Volkes oder der Menjc geiſtigen Beſiß, der in ſeinen Hauptteilen dieſer
verachteten Geſchichte entſtammt und deſſen er
ſich nicht entäußern könnte, ohne ſich geiſtig auf-
zugeben, und auch als Erzieher der Jugend wird
er immer wieder auf diejen Beſiß zurücgreifen
und aus ihm ſchöpfen müſſen, wird er auch den
geiſtigen Kräſten nicht wehren können, die außer=
halb und jenſeits jeine3 perſönlichen Einfluſſes
den jugendlichen Seelen aus der Fülle des ge-
jchichtlichen Lebens zuſtrömen. In dieſem Lichte
erjcheint der Gedanke einer völlig auf Neuland
gerichteten, von der Geſchichte ganz abgelöſten
Pädagogik auch als eine große Täuſchung --
Selbſttäuſjchung und Täuſchung anderer -- die
an der Wirklichkeit der Erziehung mit ihren leben-
digen Kräften und ihren zwingenden, von ſelbſt

ſt | ſich durchſekenden Forderungen notwendig
Icheitern muß.
Jndes werden wir nicht überſehen dürfen, daß
wir es hier noch mit etwas anderem als mit einer
pädagogijchen Jluſion zu tun haben. Wa3unsbei
der „revolutionären“ Pädagogif an Ablehnung
des Vergangenen, des Geweſenen entgegentritt,
iſt nur ein Niederſchlag deſſen, was an ſolcher
Ablehnung heute in weiten Kreiſen der jugend
lichen und auch der älteren Generation ſic ſindet,
und alle dieſe Ablehnung und Abweiſung richtet
ſich im Grunde nicht gegen die Vergangenheit
überhaupt, deren Reichtum an unvergänglichen
geiſtigen Schöpfungen ſich ja nicht wegleugnen
läßt, jondern gegen beſtimmte, aus der Vergan-
genheit auf uns überkommene geiſtige Werte,
die den Anſpruch auf abſolute und alſo auch
bleibende Geltung für menſchliche Leben8-
führung und Lebensgeſtaltung erheben und
denen man gerade ſolche Geltung glaubt ab-
jprechen zu müſſen. Es geht alſo im leßten
Grunde nicht um pädagogiſche oder geſchicht3-
philoſophiſche oder ſonſtwie theoretiſch gear-
tete Abſchauungen, ſondern um „Lebensan-
jchauungen“, d. h). hier: um die innere Stellung
zu überlieferten und heute noch wirkſamen Le-
ben3werten. Wenn dabei in erſter Linie ſittliche
und religiöſe Werte: ſittliche Forderungen, re-
ligiöje Verfündigungen und Überzeugungen auf
dem Spiele ſtehen, ſo iſt das kein Zufall. Denn
dieje Werte, die in unjerm Volk doch im weſent=
lichen die des Chriſtentums ſind, nehmen vor allen
andern für ſich in Anſpruch), dem perſönlichen wie
auch dem Gemeinſchaftsleben de8 Menſchen Hal-

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.