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ſie verſtehen lernen. Sittliche Werte werden
ichon beim Erlernen des rein Sprachlichen injo-
fern gewonnen, als dieſes die Hingabe an eine
Jdee, und zwar aus idealer, nicht aus prattiſcher
Erwägung über unmittelbare Verwertbarkeit
der erlangten Kenntniſſe heraus verlangt; in
höherem Maße beim Verſtändnis des Kulturellen,
inſofern man mit dem Bli> auf vergangene,
anderöartige Anſchauungen und Kulturperioden
bei vergleichender Betrachtung einen vorurteils-
freiexen und gerechteren Maßſtab zur Beur-
teilung der Gegenwart und der Zukunft gewinnt;
im lezten Grunde aber inſofern, als die Ein-
fühlung in die Ewigkeit8werte unſerer Kultur
Ehrfurcht erwekt. Mit dieſer geiſtigen und ſitt-
lichen Schulung trägt der griechiſche Unterricht
Weſentlichſte3 zur Formung einer Perſön-
lichkeit im Sinne wahrer Humanitas bei.
Dieſe bedingt: geiſtige Freiheit, klares und un-
abhängiges Denken, kritiſchen Sinn, hiſtoriſches
Verſtändnis, ſittliche Willenskraft, äſthetijches
Einfühlungövermögen, und auf Grund dieſer
Eigenſchaften Verſtändnis der Vorwelt, beſon-
ders aber ver Umwelt, Wahrung des Vätererbes,
aber auch Entjc alteten, Auffaſſungskraſt gegenüber ander3arti-
gem und neuem Weſen, Willen zu wahrem Fort-
jhritt. AUl dies verbürgt uns Perſönlichkeiten
mit eigner Leben3- und Weltanſchauung, auf
Grund deren ſie, ſittlich verantwortungsbereit,
ihre Aufgabe gegenüber der Familie, dem Staate,
der Menſchheit erfüllen.
Daß dieſes hohe Ziel bei gymnaſialer Schulung
mit vorwiegend altſprachlichem und beſonders
griechiſchem Unterrichte erreicht werden kann,
lehrt die deutſche Geſchichte de38 19. Jahrhundert3;
daß es mit ſeinem ausgeſprochen hiſtoriſchen
Unterbau beim Vorwiegen ſog. leben3näherer
Fächer nicht erreicht werden kann, jollte eine ein-
fache Überlegung lehren.
3. Lehrſtoff. Über die Abgrenzung des Lehr-
ſtofſes im großen und ganzen iſt man ſich in
allen Lagern einig, d. h. bei den Unterricht8ver-
waltungen der deutſchen Einzelländer, vor und
nach dem Jahre 1918 und dem durch dies Jahr
mit bedingten Umſchwung der Schulpolitik (jo-
weit ſie nicht radikal die Beſeitigung der Gym-
naſien überhaupt fordert), und unter den mehr
oder weniger oder aud) nicht konfervativen Ver-
tretern des altſprachlichen Unterrichts. Daher
erübrigt fich hier, genauer darauf einzugehen.
Man fordert allgemein: a) gründliche oder doch
wenigſtens hinreichende ſprachliche Schulung,
und auf Grund diejer b) Einführung in die
Meiſterwerke antiker griechiſcher Literatur: Cpos
(Homer), Lyrik, Drama (vornehmlich, aber nicht
ausſchließlich Sophokles), Hiſtoriographie (Xeno-
phon, Herodot, Thukydides, 3. T. auch Plutarch),
Rhetorik (Lyſias, Demoſthene8), Nhiloſophie
(Platon). Alle dieſe Schriftſteller bleiben kano-
Griechijſ
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niſch und Hauptgrundlage auch für die, welche
bei kulturfundlicher Behandlung mit durchlau-
fender Betrachtungsweije eine Erweiterung ves
Kanons fordern (j. o.); die „Pröbchen" ſind
eine Zugabe, die ven Kanon nicht jprengen,
ſondern deren Darbietung eben ſo wie die Be-
handlung kultureller Fragen durch Wiederver-
mniehrung der allzuſehr herabgeſetzten Stunden-
zahl ermöglicht werden ſoll. Das Gleiche gilt für
die -- biSher leider noch wenig betriebene --
Einführung in die griechiſche Kunſt. Der Streit
der Meinungen dreht ſich vielmehr um Das
Lehrverfahren.
4. Das Lehrverfahren. Hier war man ſich
jahrhundertelang über den Wert des Auſſtiegs
vom Leichteren zum Schwereren einig; d.h. auf
eine ſyſtematiſche Behandlung der Formen-
lehre folgte eine gleiche der Syntax. Deren Be-
handlung wurde bei der der Formenlehre nur in-
joweit voraus8genommen, als dies unumgänglich
nötig war, um für die Übungsbücher nicht bloß
aus Formen zuſammengeſtoppelte, ſondern jinn-
volle Säke zu bieten. Nicht vor Abſchluß der
Formenlehre, alſo erſt im zweiten Unterrichts-
jahre begann meiſt die Leftüre. Cinen neuen
Weg beſchreiten die preußiſchen Nichtlinien
1925 und nach ihren Anregungen eine Zahl
neuer Übungs8bücher; ſie ſuchen foviel Regeln der
Syntax als nur immer möglich voraus8zunehmen
und ſie mit der Formenlehre zu verquicken.
Das iſt recht bedenklich. Gewiß iſt e3 theoretiſch
richtig, daß man einen Saß nur aus Formen,
ohne Syntafktiſches, nicht bilden kann. Aber
damit kann man das neue Verfahren nicht recht-
fertigen. Denn das bisSherige bot zwar auch)
von Anfang an Syntax, aber in ſorgfältiger
Auswahl nur ſolche Erſcheinungen, die im Grie-
alſo nicht ſchwer fielen; verlangt wurde aljo von
ihm zunächſt nur Formenlehre. Und das war
recht ſo. Ganz Süddeutſchland und Sachſen
werden, ſo beklagen3wert das im Intereſſe der
deutſchen Schuleinheit iſt, Preußen auf diejem
Wege nicht folgen. -- Ein ebenſolcher Trugjchluß
liegt vor, wenn man, weil nur Lektüre, nicht
Hinüberſeßen in die fremde Sprache das Ziel jei,
mit der Lektüre zweds gründlicherex Übung
möglichſt zeitig, jogar ſchon nach dem erſten
Vierteljahr (!) des Unterricht3 beginnen will.
Das iſt nur theoretiſch richtig begründet. Jn
Wahrheit lieſt man einen ſremden Text um jo
beſſer, je gründlicher man die fremde Sprache
kann; man lernt ſie aber um ſo gründlicher, je
mehr man hinüberſeßt. Reichliche jolche Über-
ſezungen dürfen alſo vor Beginn der Lektüre
eines Origimalſchriftſtellers nicht fehlen. Bei
der neuen Methode wird ferner beim „ECr-
arbeiten des Sprachlichen aus deni Texte" dieſer
zerzauſt und der Schriftſteller arg mißhandelt.
Wir lehnen alſo alle neuen Unterricht3mititel ab,

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