49
iſt das Univerſum, und im Menſchen erkennt es
ſich ſelbſt. So beſreite ſich der in einer religiöſen
Umgebung aufgewachſene F. ſchon ſehr früh vom
Glauben an einen toten Weltmechanismus und
legte den Grund zur Bildung einer religiös-
metaphyſiſchen Weltanſchauung, die romantiſche
Züge enthält.
Im Jahre 1823 habilitierte ſich F. in Leipzig
ſür Phyſik und Überſekßte dann, um jich Sub-
jiſtenzmittel zu verſchaffen, das vierbändige phy-
jikaliſche Lehrbuch von Biot jowie andere um-
ſangreiche Werke, wie das jechsbändige Lehrbuch
ver Chemie von Thenard. Dies hatte ſchwere
Schädigungen für jeine Geſundheit zur Folge,
insbeſondere für ſeine Augen. Jm Jahre 1842
drohte ihm die Gefahr völliger Erblindung.
Nebenher ging eine ſchwere Sitörung ſeines
Nervenſyſtems. Ex litt an Halluzinationen und
lebte jahrelang von der Welt abgeſperrt. In
dieſer Zeit feſtigte ſich ſein religiöſer Glaube.
Im Jahre 1834 erhielt F. das Ordinariat ſür
Phyſik an der Univerſität Leipzig. Ex lebte hier
eng befreundet mit dem Philoſophen Chriſtian
Hermann Weiße. Im Jahr 1836 erſchien anonym
jein Büchlein „Vom Leben nach dem Tode".
Unter dem Pfeudonym Dr. Miſes veröffentlichte
er eine Neihe von Dichtungen, die ſpäter unter
dem Titel „Kleine Schriften“ (1875) zujammen-
gefaßt und herau8gegeben wurden. Hier lebt der
eigentliche F. in höchſt Jdeen wie die Beſeeltheit der Pflanzen, der
Planeten tauchen ſchon hier auf, in geiſtreich-
ſatiriſcher Laune entworfen und halb unter der
Maske des Scherzes verborgen. Seine Methode
der Analogie vermag uns auch gewagte Be-
hauptungen in literariſch verſührerijchem Ge-
wandenahezu bringen; der „Beweis, daßderMond
aus Jodine beſtehe,“ die „Vergleichende Anato-
mie der Engel", der „Panegyrikus der jeßigen
Medizin" geben einen Begriff vom Charakter der
ſeinſatiriſchen Miſe3-Schriſten, in denen teils
der damalige Wiſſenſchaftöbetrieb angeprangert,
teils die an der Grenze der Wiſſenſchaftlichkeit
einhergehende metaphyſiſche Jdeenfülle mit dem
Halbbewußtſein der Selbſtironie zur Darſtellung
gelangt. Auch die Schriſt „Der Schatten iſt
lebendig“ gehört zu diejem äſthetiſchen Geiſte3-
jſpielwerk, mit dem Dr. Miſes den Sinn der Welt
umrahmt, immer an der Grenze von Wiſjenſchaft
und Nomantik, von Genie und Wahnjinn ein-
hergehend. Jm Büchlein „Vom Leben nach dem
Tode“, der wertvollſten der Miſe8-Schriſten,
wandelt ſich der Scherz in Ernſt. Das Buch ent-
hält die Grundlinien der myſtiſch-theoſophiſchen
Weltanſchauung F.3 ſowie der Metaphyſif des
„Zendaveſta“.
2. Metaphyjit. F.3 metaphyſijcher Haupts-
gedanke iſt, daß der Menſch mit ſeinem Einzel-
leben eingebettet iſt in ein umſaſſendere3 Geiſte3-
leben. Dämonoloaiſch iſt jein Glaube. Fremde
Techner



50
Geiſter ſind dem Menſchen „eingewachſen“, ſein
Wollen und Vorſtellen unterliegt ihren Ein-
flüſſen. Gute und böſe Dämonen ſtreiten um ihn.
Dabei bewahrt ſich der Menſch den freien Willen,
die Selbſtbeſtimmung. Die Kraſt der Geiſter
ſtrömt in ihm zuſammen, er iſt der Mittelpunkt
nes Geiſtesſtreites, wie die Erde auch einen
ſolchen Mittelpunkt darſtellt und gleichſam als
großes Auge im Himmel ſchwebt, ganz ein-
getaucht in die Lichtmeere der Geſtirne, um, rings
darin ſich wendend, den Wellenſchlag aller von
allen Seiten zu empfangen. Paracelſitiſch iſt
dieſe Weltvorſtellung. Der harmoniſtijche Ge-
danke der Nenaiſſance-Metaphyſik, den wir aus
Goethes Fauſt kennen, klingt in ihr nach: Menſch
und Erde ſind der Mittelpunkt des Makroko3mus,
die Erde ein einheitliches Geſchöpf mit wunder-
barem Leben.
Dies mag ein Beiſpiel geben von der Denk-
richtung F.3. Au3 diejem Geiſt heraus ſind ſeine
metaphyſijchen Hauptjchriſten verfaßt: „Nano
oder über das Seelenleben der Pflanzen“ (1848),
„Zendaveſta oder Über die Dinge des Himmels
und des Jenſeits" (1851). Als Panpſychi8mus
wird man am beſten ſein Syſtem bezeichnen
können. Cs vereinigt den empirijchen Tatſachen-
ſinn des exakten Naturforſchers mit jpekulativ-
romantiſchem Jdeenſchwung zu einer oft ſehr
merkwürdigen Miſchung, in der Gedanken von
Spinoza, Leibniz, Schelling wiederkehren. Ju
Mittelpunkt des Syſtem3 ſteht der Gedanke des
pſycho-phyſiſchen ParalleliSmus, wonach die
Welt von innen gejc ſchaut zugleich Materie iſt. Cin Jdentiſches iſt
das uns geiſtig-körperlich Erſcheinende, einund-
dieſelbe Kreislinie, die von außen konvex, von
innen konkav ausſieht. Hinter Geiſt und Materie
ſteht ein Grundweſen, über das ſich nichts weiter
jagen läßt, als daß es eben ein Eines iſt, das uns
zwei Seiten zufehrt, vas Pſychijche und das
Phyſiſche. Zwiſchen beiden beſteht (wie bei den
Carteſianern) keine Wechſelwirkung, jondern ein
univerſeller ParalleliSmus.
3. Lehre von der Stuſenordnung des Bewußiſeins.
Auf dieſer naturwiſſenſchaftlich durchaus halt-
baren Erklärung des Seins der Dinge im Geiſte
der großen vorkantiſchen Metaphyſiker baut fich
nun F.3 eigenartige, ſchon ultrawiſſenſchaftliche
Lehre von der Stufenordnung der Bewußtjeine
auf. Das höchſte Bewußtſein, das göttliche, weiß
von allem niederen und iſt ihm immanent. Die
nächſtniedere Stuſe iſt die der Planetenſeelen, in
denen die „Engel" der neuplatoniſchen Myſtik
und der mittelalterlichen Philoſophie wieder-
kehren. Dann folgt die Erdſeele, die Einheit alles
Bewußtſeins ihrer Lebeweſen. Auch die Pflan-
zen haben „Seele“, denn ſie haben ein Lebens-
zentrum, einen Gewebezuſammenhang. Man
erſieht hieraus die Weite des Begriffs des See-
liſchen bei F. Cin Nervenſyſtem iſt nicht un-

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.