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gehlertmve (Leiſtungöſfehler). 1. Gejc liches. 2. Weſen und Arten der Fehler.
3. Die Fehlſamkeitundihre Bedingungen.
4. Fehlerbekämpfung. 5. Fehlerbewer-
tung und Leiſtungsbewertung.
1. Geſchichtliches. Das Wort und der Begriff
Fehlerkunde erſcheinen in dieſem Artikel zum
erſtenmal in einem vädagogiſchei Lexiton; ja,
beive waren bi8 vor kurzer Zeit dem pädago-
giſchen Schrifttum überhaupt unbekannt. Das
muß um jo verwunderlicher erſcheinen, wenn
man bedenkt, daß ver Fehler eine untilgbare
Erſcheinung alles Lernens iſt, daß Lehrer und
Schüler täglich und ſtündlich unter ſeinem Auſ-
treten zu leiven haben. Tatjächlich aber hat ſich
die pädagogiſche Lehre nur jelten und nirgends
mehr als gelegentlich mit der Fehlerfrage be-
ſchäftigt, in der Regel nur bei den praktiſchen
Anweiſungen über die Durchſicht und Ver-
beſſerung ſchriftlicher Arbeiten. Eine wiſſen-
ſchaftliche Behandlung der Fehlerſrage hat man
von pädagogiſcher Seite her bis zum Erſcheinen
der am Ende dieſes Artikels genannten Arbeiten
nie und nirgends verſucht. Dieſe befremdliche
Tatſache ſindet ihre Erklärung in dem Umſtande,
daß die Fehlerſrage von pädagogiſcher Seite her
allein nicht gelöſt werden kann, daß vielmehr ge-
rade ihre grundlegende Beantwortung durch die
Pſychologie erfolgen muß. Denn ehe man Über
Fehler und ihre Behandlung ſprechen kann, muß
man wijſen, wie ihr ſeeliſcher Urſprung zu er-
ilären iſt. An dieſe Frage aber iſt auch die Pſycho-
logie erſt Ende des 19. Jahrhundert8 heran-
getreten, und ſie hat ſie nicht einmal planmäßig,
ſondern nur gelegentlich im Zuſammenhang mit
andern Fragen und darum auch nur bruchſtiück-
weiſe zu beantworten unternommen. Das
Wenige, was vordem auf dieſem Gebiete ver-
öffentlicht. wurde, hat mehr geſchichtlichen als
heute noch brauchbaren Forſchung3wert, ſo
Goethes Aufſaß über „Hör-, Schreib- und Druck-
ſehler“, den er 1820 in der „Zeitſchrift für Kunſt
und Altertum" veröffentlichte, ferner Rudolf
Meringers8 und Karl Mayers Schrift über das
„Verſprechen und Verleſen“ 1895. Auch die
Darlegungen, die Max Offner 1896 auf dem
3. internationalen pſychologiſchen Kongreß über
die „Entſtehung der Schreibfehler“ gemacht hat,
und die Ausführungen Wilhelm Wundts über
Fehlerbildung im erſten Teil ſeiner „Völker-
pſychologie“ fönnen heute nicht mehr genügen.
Die entſcheidende Hilfe kam der Fehlerforſchung
aus dem Geſamtſortjchritt der experimentellen
Pſychologie. Beſonders die bedeutungsvollen,
umfangreichen Verſuche, die G. E. Müller zu-
erſt mit Friedrich Schumann und ſpäter mit
A. PBilzecker auf dem Gebiete der Gedächtnis8-
ſorſchung angeſtellt hat, haben eine Reihe von
jeeliſchen Vorgängen klargelegt, die auch auf die
Entſtehung der Fehler ein helleres Licht werfen.
Fehlerkunde

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Neben dieſen Forſchern hat ſich der Budapeſter
Pſychologe Paul Ranſchburg ein großes Ver-
dienſt um die Crktlärung der jeeliſchen Grund-
lagen der Fehlererſcheinungen erworben. Auf
ihren Unterſuchungen baut ſich als erſter An-
wendungsverjuch Jakob Stolls „Pſychologie der
Schreibſehler" (1913) auf. Um die Erklärung der
durch Suggeſtion bedingten Fehler haben ſich der
Franzoſe Alfred Binet und die Deutſchen
William Stern und OÖ. Lipmann verdient
gemacht. Endlich muß noch der eigenartigen
Erklärung Siegmund Freud5 gedacht werden,
der zahlreiche Fehler als Ausfluß einer ſeeliſchen
Verdrängung unangenehmer und bedrückender
Vorſtellungen aufgefaßt wiſſen will.
2. Weſen und Arten der Fehler, Nicht alles, was
jaljch iſt, kann als Fehler bezeichnet werden.
Auch die Fälſchung, die Täuſchung, der Jrrtum
tragen das Merkmal des Falſchen an ſich. Ge-
wijjen optiſchen Täuſchungen ſind ſogar alle
Menſchen zwangsläufig in gleicher Weiſe unter-
worfen. Der Fehler ijt dagegen eine Abweichung
vom Richtigen, die nicht zu ſein braucht und die
darum auch nicht immer und bei allen in gleicher
Weite eintritt. Am nächſten iſt ihm der Irrtum
verwandt, und dieſer wird darum oft mit dem
Fehler verwechſelt. Das weſentlichſte Unter-
ſcheidung3merkmal beider liegt darin, daß der
Jrrtum auf der Unkenntnis gewiſſer Tatſachen
beruht, die für die richtige Erkenntnis von
weſentlicher Bedeutung ſind, während der Fehler
aus dem Verſagen der drei wichtigſten Leiſtungs-
ſunftionen der Aufmerkſamkeit, des Gedächtniſſes
und des Denkens hervorgeht. Erſt dieſes Ver-
jagen macht einen Fehler möglich. Was ſich aber
eiter unter dieſer Vorausſezung vollzieht, das
iſt etwas ganz Normales: es arbeitet der Mecha-
niSmus des Vorſtellungsverlaufs in derſelben
Weiſe wie auch bei richtigen Leiſtungen, nur ohne
die Auſſicht der vorgenannten drei pſychiſchen
Hauptſunktionen.
Die einzelnen Fehlerarten gewinnt man daher
aus der Beobachtung unſeres Vorſtellungs-
verlaufs. Die wichtigſten Vorgänge desſelben
kehren auch bei der Fehlerbildung wieder. Der
Tatſache, daß die meiſt wiederholten Vorſtellungen
am leichteſten ins Bewußtjeim treten, entſpricht
die große Zahl der ſogenannten Geläufigkeits-
ſehler, die vielleicht die häufigſten aller Fehler
ſind. Wenn 3. B. jemand ſchreibt die nahe-
liegendſten(ſtattnächſtliegenden) Gründe,
jo macht er einen Geläufigkeitsfehler, weil die
Anhängung der Endung ſte an das Ende des
Cigenſchaſt8wortes die uns geläufige Form der
Bildung des dritten Steigerungsgrades iſt. =
Groß iſt auch das Heer der perſeverativen
Fehler. Unter Perjeveration verſteht man die
Tatjache, vaß gewiſſe Vorſtellungen, beſonders
jolche, die ſtark gefühlöbetont ſind, die Neigung
haben, von ſelbſt wieder frei ins Bewußtſein zu

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