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ſteigen. Die Perſeveration gibt ſich als Fehler-
erſcheinung ſowohl in der Form der Nach-
wirkung wie der Vorwirkung und der perſe-
verativen Einſtellung kund. Wenn 3. B.
jemand ſchreibt: Er iſt zu Verſchikungen
und dergleichem (ſtatt dergleichen) ge-
braucht worden, jo wirkt der zu zu gehörige
Dativ in der ſaljchen Form „dergleichem“
nach. Wenn er jehreibt: „Einen hübſchen ge-
bundenen Strauß" (ſtatt hübſch gebunde-
nen), jo wirtt die Silbe en von gebundenen
jchon in hübſchen vor. Soll ein Schüler in einer
ſranzöſiſchen Stunde etwas ins Lateiniſche über-
jeden, dann kann es vorfommen, daß in dieſe
Überjeßung franzöſiſche Formen einfließen, weil
der Schüler ganz auſs Franzöſiſche eingeſtellt iſt
und dieſe Gedankenwelt zu große Beharrungs-
kraft bejißt. So ſchrieb ein Schüler während des
jranzöſijſchen Unterricht8 als lateimſche Über-
jezung für „Gebäude" bdificium (frz. 6difice)
ſtatt aedilieium an die Tafel. -- Aus aller
Herrn Ländex ſtatt Ländery iſt eine ſprach-
lich falſche Redensart, der man ſehr oft begegnet.
Schon Wuſtmann hat herausgefühlt, daß die
Urjache der falſchen Dativſorm ein Diſſeren-
zierungsbedürſnis iſt. Das Doppelte ern,
meint er, iſt dem Ohr unerträglich. Fehler dieſer
und ähnlicher Art beruhen auf einem 1901 von
Pant Ranjc Gejeß, wonach gleichzeitig oder raſch hinter-
einander dargebotene gleiche oder ähnliche Reize
jchwerer auſgeſaßt werden und leichter zu
eYchlern führen als ſormverſchiedene. Dieſe
„Ranſchburgſche Hemmung“, wie ſie nach ihrent
Entdec>er genannt wird, iſt die Urſache vieler
Ähnlichfeitsfehler. Zu dieſen zählen auch
Klang und Gejtaltsaſſoziationen auf der Grund-
lage der Ähnlichkeit, ſowie Wahlfehler und
Kontraſtfehler. Wenn ein Schüler ofliciel
mit öffentlich ſtatt amtlich überſeßt, ſo wird
er zu dieſem Fehler durch die Ahnlichkeit der
Geſtalt veranlaßt. Dieſelbe Wurzel führt auch zu
Wahlſehlern, wie ſie die Verwechſlung von Um-
laut und Ablaut, von Subjekt und Subſtan-
tiv, von konvex und konfav uſw. darſtellt. --
Wenn zwei inhalt3- oder formverwandte Vor-
ſtellungen gleichzeitig im Bewußtſein zuſammen-
treffen, kommt es leicht zu Verſchmelzungen
beider in einer neuen Form, die ſich aus Teilen
der beiden Vorſtellungen zuſammenſeßt. Dieſe
Miſchſehler laſſen ſich in den verſchiedenſten
Unterrichtsfächern nachweiſen. So ſind die
meiſten Verſtöße gegen die Rechtſchreibung als
Mäijchſchler anzuſprechen; aber auch zahlreiche
Ausdrucksfehler in Schüleraufſäßen gehören
dahin. Wenn z. B. ein Schüler ſchreibt: um an
der Vorſtellung beizuwohnen, ſo miſchen
jich hier die beiven Ausdrüde an der Vor-
ſtellung teilnehmen und der Vorſtellung
beiwohnen. -- Mit am wenigſten durchforſcht
Fehlerkunde

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iſt bis hente der Einfluß der Gefühle auf die
Fehlerbildung. Eine Ausnahme machen mur die
von Binet, William Stern u. a. beobachteten
juggerierten Fehler und die durch die Freudſche
Pſjychoanalyje bekannt gewordenen Verdrän-
gungserſcheinungen. Weniger bekannt iſt
die gefühl3bedingte Vordrängung und die
gefühlsbedingte Steigerung. Auf der erſteren
beruht der oft beflagte Mangel an logiſcher
Gedantkenordnung, auf der lekzteren das große
Heer der Übertreibungen in Schüleraufſäßen.
3. Die menſchliche Fehljamkeit und ihre Bedin-
gungen, Wenn es ſeſtſteht, daß alle Fehler auf
das Verſagen einer odex mehrerer der drei
Leiſtungsfunktionen Aufmerkſamkeit, Gedächt-
nis und Denken zurückzuführen ſind, jo drängt
ſich dem tiefer Forſchenden die weitere Frage
auf: Woraus erklärt ſich denn das Verjagen
dieſer Funktionen? Die Antwort darauf gibt ein
Hinweis auf die ſchier unüberſehbare Fülle von
Urſachen, die dieſes Verſagen herbeiſühren
können. Zahlloje Störungen, die von außen
kommen, wie ſolche, die aus der jeweiligen
jeeliſchen Verfaſſung des Menſchen ſelber hervor-
gehen, bilden dieje Urſachen. Sie treffen alle in
der einen Wirkung zuſammen, daß ſie den
Menjchen ſehljam, d. h. zu Fehlleiſtungen
geneigt machen. Arthur Kießling hat in ſeiner
Schriſt „Die Bedingungen der Fehlſamkeit“
das große Heer dieſer Bedingungen überſichtlich
zuſammengeſtellt. Er ſchildert die objektiven Be-
dingungen der Fehljamkeit, wie ſie ſich aus der
natürlichen, der künſtlichen und der ſozialen Um-
ivelt des Menſchen ergeben, ferner die im Men-
ichen jelbſt liegenden erblichen, körperlichen und
geiſtigen Fehljamkeit8bedingungen und endlich
die unterrichtlichen, die in der Arbeit8weiſe des
Kinde3, der Techmk jeme3 Lernens und dem
Grade der Aneignung, ferner in der Methode
und der Perſjönlichfeit des Lehrers wie in der
ganzen Organiſation des Unterricht8 liegen.
4. Die Fehlerbekämpfung. Dieſe Zuſammen-
ſtellung hätte freilich geringen Wert, wenn ſie
nur um ihrer jelbſt willen geſchehen wäre. Jhre
eigentliche Bedeutung liegt in den Folgen, die
jich aus der Klarlegung der Fehljamkeit3-
bedingungen ergeben. Erſt wenn man ſich ihrer
erdrücdenden Fülle bewußt geworden ijt, ge-
winnt man die richtige Einſtellung zu den Fehl-
leiſtungen der Schüler. Man erkennt, daß in
hundert und aber hundert Fällen der Schüler
für das Verſagen ſeiner Leiſtungsfunktionen gar
nicht oder doch nur bedingungsweije verantwort-
lich gemacht werden kann, da fremde Mächte von
außen und von innen die Ruhe und den Gleich-
gang jeelijchen Geſchehens erſchüttern. Wer das
erſt einmal ganz erſaßt hat, der ſchaut die Lei-
jtungen ſeiner Schüler mit anderen Augen an.
Er ereiſert ſich nicht jo jehr über die Dummheit,
Faulheit und Unaufmerkſamkeit ſeiner Zöglinge,

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