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die ſeit dem erſten Drittel de38 vorigen Jahr-
hunderts wiederholt laut geworden ſind, ſich in
erſter Linie auf das Maß und die Art der häus-
lichen Aufgaben geſtüßt haben. Jn der Tat hat
wohl auf keinem Gebiete pädagogiſche Unzuläng-
lichfeit umd Nachläſſigkeit ſchwerer geſündigt als
auf dieſem. Es hat Zeiten gegeben, in denen
weder bei den Schulbehörden und Lehrern, noch
bei den Ärzten rechtes Verſtändnis für die ge-
ſundheitlichen Belange der Jugend beſtand; es
hat ganze Schulen und viele Lehrer gegeben,
welche die Hausarbeit nicht als dienende Ergän-
zung, ſondern al8 bequemen Erſaß für die
Klaſjenarbeit mißbraucht haben. Sie haben
häusliche Aufgaben ohne jede Vorbereitung,
ohne Abſchäßung ihrer Schwere und Länge,
ohne Rückſicht auf die anderen Fächer blindlings
drauf los geſtellt: Mechaniſche3 Auswendig-
lernen, geiſttötende Einſörmigkeit und Außerlich-
keit der Aufgaben, dazu noch die pädagogiſche
Schmach des 10- bis 50-fachen Abſchreibens des-
jelben Saße3 als Strafarbeit. Kein Wunder, daß
gegen ſolchen Unfug von Eltern und Ärzten immer
ſteigender Widerſtand einſezte und die Schul-
verwaltungen immer wieder mit Verordnungen
einſchreiten mußten. Dabei iſt erfreulich zu be-
obachten, wie pädagogiſche und ärztliche Einſicht
immer mehr wachſen und allmählich eine Bejje-
rung der Zuſtände herbeiführen. Schon ein Min.-
Erl. vom 29. 3. 1829 wendet ſich entſchieden
gegen ein Übermaß von häuslichen Arbeiten;
aber e8 iſt doch bezeichnend ſür die damalige
harte Lebensſorm, daß er ſür die Schüler der
oberen Klaſſen 5, für die der unteren 3 Stunden
täglicher HausSarbeit als angemeſſen erachtet.
Ausgezeichnet aber iſt ein Min.-Erl. vom 20. Mai
1854; wäre die Schulpraxis ſeinen vortrefflichen
Anweiſungen gefolgt, ſo wäre die lange Reihe
von ſpäteren Verfügungen nicht nötig geweſen.
Unter ihnen nimmt der Erlaß vom 10. 11. 1884
durch eindringende Würdigung der ganzen Frage
und richtunggebende Vorſchriſten den erſten Plaß
ein. Aus8gehend von einem ärztlichen Gutachten
der oberſten Medizinalbehörde, wonach ſür Un-
terricht und häusliche Arbeiten zuſammen in den
unteren Klaſſen 6, in den oberen Klaſſen 8 Stun-
den das Höchſtmaß ſeien, ſekt er für die höheren
Knabenſchulen an täglicher Hausarbeit folgende
Zahlen feſt: VI = 1; V = 1%; IV, Ull=- 2;
0 IN, U 1l= 21%; O IM--O I = 3 Stunden.
Dem entſprachen im großen und ganzen die Maß-
zahlen in den übrigen deutſchen Staaten. An
den damals 9--10 klaſſigen Mädchenſchulen,
welche die Jahrgänge bis zu 16 Jahren umſaßten,
galten etwas niedrigere Sätze; Unterſtuſe 1,
Mittelſtufe 1--2, Oberſtufe 2 Stunden. Seit
ihrer Erhebung zu höheren Lehranſtalten im
Jahre 1908 haben auch die Mädchenanſtalten die
Arbeitözeiten der Knabenſchulen übernommen.
Für die Volksſchulen bewegten ſich die vorge-
Häusliche Aufgaben -- Haus wirtſchaftlicher Unterricht

700
ſehenen Zeiten zwiſchen 0 bi8 15 Minuten auf
ver unteren Stuſe und 1 bi38 1% Stunden für die
pvberſten Klaſſen.
4. Die Stellung der Haudarbeit in der Stchyul-
reform. Die Ausſührungsbeſtimmungen zur
Neuordnung des höheren Mädchenſchulwejens
vom 12. 12. 1908 und ein Min.-Erxrl. vom 9. 9.
1921 enthalten eingehende Anweiſungen über die
Beſchränkung der häuslichen Arbeiten haupt-
jächlich durch ſtrenge Sichtung des Gedächtnis-
ſtoffes, durch vielſeitigere Übung im Unterrichte,
durch planmäßige Zuſammenarbeit aller Fach-
lehrer. Alle dieſe Geſichtöpunkte nimmt die
neueſte Schulreform vom Jahre 1925 in ſich auſ.
Sie legt auf die lebendige Ausgeſtaltung des
Klaſſenunterricht8 zu einer ſchöpferiſchen Ge-
jamtleiſtung den größten Nachdru>, und do
gewinnt durch ſie auch die Hausarbeit eine ex-
höhte Bedeutung. Denn wirklicher Arbeits-
unterricht in der Klaſjſengemeinſchaft kann nicht
durchgeſührt werden, wenn nicht von den Schü-
lern vorher mannigfaltige und weite Stoffgebiete
in eigentätiger Weiſe durchgearbeitet und für
die gemeinſame Beſprechung in der Klaſje bereit-
geſtellt werden. Auch die neue Reifeprüſungs3-
ordnung ſür die höheren Schulen Preußens vom
Jahre 1926 teilt der häuslichen Arbeit eine wich-
tige Rolle zu, inſofern der Prüfling ſeine geiſtige
Reife am eindruck3vollſten durch eine große Jah-
reSarbeit, das Ergebnis eindringender, jelbſtän-
diger häuslicher Beſchäftigung, bezeugen kann.
So ſoll die Hausarbeit heute mehr als je ein
Weg zur geiſtigen Selbſtändigkeit ſein. Daß ſie
bei dieſer Geltung in einzelnen Fällen zu einer
Überlaſtung führen kann, iſt nicht abzuleugnen.
Im ganzen aber iſt bei der heutigen Geſtaltung
des Lehrplans, des Unterrichts, des ganzen Schul-
lebens und bei der einſichtigen pädagogiſchen
Einſtellung der heutigen Lehrerſchaft zu den
Belangen der Jugend eine Überbürdung der
Schüler viel weniger zu befürchten, als die Ge-
ſahr einer Überbürdung der Lehrer durch über-
ſteigerte Anſprüche an ihre Arbeitsfraft.
Literatur. Selter: Handbud) der deutſchen Scul-
hygiene (1914). =-- Wieſe: Verordnungen und Geſetze
für die höheren Schulen in Preußen (18862), -- Schüler
und Schülerinnen der höheren Schulen. Amtliche
Beſtimmungen der Preuß. Unterricht8verwaltung,
Weidmanujſche Taſchenausgaben, Heft 332 (1926).
Schmidt (Magdeburg).
Hänsliche Erziehung ſ. Familien-Erziehung.
Hausmütterliche3s Jahr [. Frauenſchule.
Hanswirtſchaftlicher Unterricht, 1. Geſchichte.
2. Bildungs3ziele und -werte. 3. Lehrſtoff.
4. Lehrweiſe. 5. Lehr- und Lernmittel,
1. Geſchichte. In den deutſchen Mädchenſchulen
iſt der H.U. erſt in dieſem Jahrhundert zur Ent-
wiklung gefommen. Der Gedanke ſelbſt aber war
nicht neu; er läßt ſich bei vielen Jugenderzie-
hern des 19, Jahrhunderts nachweijen und

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