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es ſchwer, in der Jugend eine anſtändige Geſin-
nung zu pflanzen; denn Reripheriſches weiſt und
wirkt ſtets auf ein Zentrum zurück. Wo aber die
ſelbſtbeherrſchte H. des Umgang3 dem andern
ſtändig zeigt: ich ehre deine Rechte, auch wenn
deine WeſenZart vielleicht anders gelagert iſt, da
wird ſich auch in dem andern Feingefühl, Rück-
ſichtnahme und Herzenstakt einſtellen. Oft wird
der Ältere dann nur daran 21 erinnern haben,
daß dieſe Haltung vder jenes Verhalten nicht fein
iſt, und die gewünſchte Wirkung ſtellt ſich ohne
Straſe ein, durch eine leichte Beſchämung (ſ. d.).
Die H. als Form humanen Verhaltens, mehr
noh als Ausdruck der HerzensSbildung verwehrt
mir, ohne Not ältere Zöglinge vor den jüngeren
zu tadeln oder im Beiſein Fremder das Abhän-
gigfeitsverhältnis vom Erzieher zu ſchroff zu be-
tonen; ein „bitte“ vor der Aufforderung oder ein
ſreundliches Erſuchen da, wo das Dienſtverhält-
nis einen Beſehl zuließe, ſchlingt ſeeliſche Fäden
und wet Dank und Gegendienſt. Die H. des
Erziehers hat gegenüber den „Flegeljahren“ eine
bejondere Aufgabe; die „H. des Lehrer3" iſt für
die Kultur der Schule überhaupt ein mindeſtens
ebenjo wichtiges Kapitel wie die H. des Schüler3;
je höflicher ſeine Beiſpielgebung wirkt, deſto ed-
ler wird die Nacheiferung ſein und die Geſeßlich-
keit der Schüler beſchwingen. CZ iſt grobe Nach-
läſſigkeit, wenn der Lehrer auf den ehrerbietigen
Gruß der Kinder nicht unmißverſtändlich dankt,
und er wird die nachläſſiger werdende oder gar
inFlegelei umſchlagende Haltung der Heranwach-
jenden gegen ihn ſich ſelbſt zuzujchreiben haben,
wenn er auc den zum Bewußtſein ihres Jh
Erwachten mit läſſigem Kopfniken begegnet.
Auch bei Warnung, Drohung, Tadel wie in der
Korrektur der ſchriftlichen Arbeiten wird ſich die
Selbſtbeherrſchung lohnen, die den Strafenden
nicht aus den Grenzen des Anſtandes und der H.
herausfallen läßt; nichts ſtärkt ſo ſehr die Auto-
vität und ſchafft dazu Chrfurcht wie die ſichere
und überragende Beherrſchung der Situation.
Dieje Selbſtſicherheit kennzeichnet den Schülern
en gentleman, und deſjen Cinfluß läßt ſich noch
teigern, wenn der Lehrer ſich durch Vornehmheit
es Umgangs mit den ihm Unterſtellten ſelber
delt. Wer lebensſrohe junge Menſchen wie ein
Tierbändiger anſchreit, der kann wohl eine Hal-
ung derforretten H.erzielen; aber diejex Zwangs3-
jehorjam gefährdet den Charakter, und der reif
ein ſollende Lehrer iſt auf das Niveau der un-
eiſen Jungen herabgeſtiegen, ſtatt durch ſein Ver-
jalten die Klaſſe zu ſich emporzuheben. Hier ſteht
nehr als bloße Umgangsformen auf dem Spiel!
Aber auch da3 rein Konventionelle hat feinen
rziehlichen Wert, wenn anders ſich der Verkehr
wiſchen verſchiedengearteten Menſchen in der
»*chule, im Beruf ujw. glatt und reibungslo3
bwideln joll; H. gehört in die Technik der Men-
henbehandlung. Und je weniger die feine, ver-
Höflichkeit

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bindliche H. ein Erbgut der germaniſchen Raſſe iſt,
je mehr gerade heute unjere Jugend aus natür-
lichem Reinlichfeit8gefühl und Wahrheit3drang
die „Formen“ außer acht zu laſſen neigt, deſto
ichtiger wird die Auſgabe, ihrem Ganzheitsernſt
den ſchmalen Saumpfand zu erſchließen, der
zwiſchen ausgehöhltem Formali8mus und ruſti-
falem Naturburſchentum mit unverleztem Ge-
wiſſen hindurchſührt, und ihnen ſoziale Manieren
als die Grundlage aller höheren ſozialen Kultur
zum Bewußtſein zu bringen. Das, wa einſt der
höfijchen Sitte und Bildung entſprach (von daher
ſtammt das Wort „höflich“), wird ſich als Le-
ben3weiSheit für den Umgang mit Menſchen
jelbſt im engen Kreis der Familie nicht durch ein
ohn-anſtändiges Sichgehenlaſſen erjezen laſſen.
Formloſigkeit iſt Rückjichtsloſigkeit gegen andere,
aber auch Verkrümelung der eigenen Kräſte.
3. Erziehung zur Höflichkeit. Den Grund
der Erziehung zur H. muß das Haus legen.
Je rückſichtsloſer heute im Tagesleben die Nei-
gung hervortritt, das Selbſtverſtändliche (weil
Moraliſche) zu unterlaſſen, deſto nötiger tut die
Erziehung zur H., die den Eltern den gezie-
menden Tages8gruß bietet, die bei Tiſche und
jonſt warten gelernt hat, die die Kunſt des Zu-
hörens3 verſteht und im Störungsfall um Ent-
jc Bitte und den deutlichen Dank nicht vergißt.
Wird da3 Bitte- und Dankeſagen z. T. Sache
der Gewohnheit, ſo dient auch dieſe Mechani-
jierung der Okfonomie der ſozialen Leben83-
ordnung; vor plattem Mechanismus hilft die
ſrühzeitige Wekung der Mitempfindung
neben dem Erziehung3mittel der Gewöhnung
bewahren. Jene behütet namentlich vor herriſch-
unfreundlichem Weſen gegen die dienenden
Hausgenoſjen -- hier liegt unſere foziale Kultur
immer noch im argen! --, und man brauchte
die Jugend nicht auf die reſpektvolle Haltung
des japaniſchen Offiziers gegenüber dem das
Cjſen ſervierenden Burſchen hinzuweiſen, ſon-
dern fie hat an dem alten Kaiſer Wilhelm und
an Bismar> adelige Muſter freundlich-gefälligen
Berkehrs mit den Dienſtboten. Empfindung und
Seele läßt ſich auch in den Gruß legen. Gerade
die Deutſch- führt auf den Kern unſerer Grußform zurüc,
der die erhörliche Fürbitte (votum) für den
andern meinte, und ein Ausdruck der Ver-
bundenheit läßt ſich auch heute noch durch ver-
bindliches Grüßen bekunden, das dem andern
ins Auge ſchaut und die rein menſchliche Per-
ſönlichfeitöſchäzung =- unbeſchadet aller ſchul-
digen ſozialen Rückſichtnahme -- auszudrücken
weiß. Wir haben in der Bibel die inhaltreichſten
Grüße der Welt, wie hier auch die Keime der
Höflichkeitsvollendung lagern (1. Kox. 13, 4f.;
Niöm. 12, 10; 1. Retr. 2, 17; Phil. 4, 5, 8); die
Bibel ſollte die Hochſchule der Grüßkunſt ſein
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