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für eine nicht bloß aus ver Form lebende Chriſten-
heit. Schuldiger Kindes8gruß geziemt auch dem
Ichlichten Arbeiter, der emmal im Elternhauſe
tätig war. Auf vem Lande bieten vielfach die
Kinder jedermann Gutentag, eine Sitte, die nicht
ſelten einen Rüdſchluß auf die Reichweite und
erziehliche Tätigkeit ver Schule zuläßt.
Dieſe Gewöhnung an H. darf ſeitens der
Scule ſchon aus dem Grunde nicht ausgeſett
werden, weil erſahrung8gemäß wohlerzogene
Kinder =- und nicht bloß in der Grundſchule! --
ihre guten Formen hier verleugnen und ver-
lernen aus Scheu vor dem Spott der minder
kultivierten Kameraden; bei der heute erſtrebten
Lebendigmachung der „Klaſſe“ darf die Geltung
des guten Tons innerhalb des Verkehr3 der
Schüler untereinander nicht vergeſſen werden.
Die Belehrung hat neben der wichtigeren Ge-
wöhnung Plaß; das Kind muß lernen, wie es
jich bei der Mahlzeit, auf der Straße, im Umgang
mit Erwachſenen, im fremden Hauſe, hernach
auch im geſelligen Verkehr, zu venehmen hat.
Das iſt vorwiegend Sache der Eltern; in der
Schule bieten der Geſamt- bzw. Anſchauungs-
unterricht der Kleinen, das Leſebuch der Größeren,
vor allem aber die vielſältigen Ordnungsange-
legenheiten des täglichen Schulleben3 den Anlaß
zu lebenskundlichen Beſprechungen; im Seminar
dankte mir eine Klaſſe Neuauſgenommener die
Cinrichtung einer fakultativen Stunde: „Was
jich jſchi>t und vorwärts hilft“ durd) regen und
anhaltenden Beſuch. Entjcheidend bleibt letztlich
das gute Beiſpiel (Abſchn. 2), und das führt auf
die Quelle zurück, aus der alle Äußerungen des
gefitteten Benehmen3 und der täglichen Um-
gangsſormen ſließen: die Geſinnung. H. ſollte
in unſerem demokratiſchen Zeitalter aus ata-
viſtiſchen Rudimenten oder wertloſer Scheide-
münze wieder zur „ſeinen Zucht" erweckt und
zu „jozialex Tugend“ erhöht werden. Schopen-
hauer trifft trefflich dieſe ethiſche Qualität, wenn
er die H. beſtimmt als „die ſyſtematiſche Selbſt-
verleugnung in den kleinen Dingen“.
Literatur. Matthias: Wie erziehen wir unſern
Sohn Benjamin? (1896, 191912), --- Derjelbe: Prak-
tiſc)e Pädagogif (1912*). -- Fr. Bauljſen: Pädagogik
(1911). -- Mohaupt: Allerlei Hobelſpäne aus meiner
Werhitatt (1897; S. 152 jf. : Das ABC des Anſtande3 für
junge Menſchen). -- Fr. W. Foerſter: Die Dienſt-
botenfrage und die Hausfrauen (1912). --- R. von
Ihering: Der Zwe> im Recht 11 (1883, 18992). -
EC. Stern: Höflichkeit als Lebensform und Crziehungs3-
aufgabe (in „Die deutſche Schule“, 1928, 6).
Cberhard.
Höheres Schulweſen. Das Höhere Schul-
wejen umfaßt die Gruppe von Schulen, die
zwiſchen der Volksſchule und den Hochſchulen
ſtehen, die alſo eine weitergreifendere Bildung
vermitteln als die zum praktiſchen Leben vorbe-
reitende allgemeine Volksſchule und die mit einer
zum Cintritt in die Hochſchulen berechtigenden
Vieifeprüfung abſchließen. Neben den vollſtän-
Höflichkeit -- Höheres Schulweſen

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digen Schulen, denen die Berechtigung zu einer
ſolchen Prüfung zuerkannt iſt und die neun
Jahresklaſſen umſaſjen, gibt es auch Nichtvoll-
anſtalten, die nur die Unter- und Mittelſtufe
haben und nach 6 Jahren mit einem Abſchluß
enden. Sie ſind für die männliche wie weibliche
Jugend jezt im ganzen gleichartig und unter-
ſtehen in Preußen jämtlich der Aufſicht des
Prov.-Sculkollegium8. Jn Bayern führen ſie
wie in Öſterreich den Namen „Mittelſchulen“,
mit dem man in den norddeutſchen Staaten
die gehobenen Voltksſchulen bezeichnet (Allgem.
Beſtimmungen vom 15. 10. 1872). Fachſchulen
gehören (mit Ausnahme von zwei landwirt-
ſchaftlichen Schulen) nicht hierher, jondern zum
Amtsbereich der Fachminiſter. Nach dem TIrä-
ger (Patron) der Anſtalt, der für die Koſten
aufkommt und demgemäß auch gewiſſe Rechte
in Anſpruch nimmt, unterſcheidet man: ſtaat-
liche, ſtädtiſche (oder von anderen unterhaltene,
z. B. kreiSkfommunale) und ſtiſtiſche (auf Grund
von Stiftungen errichtete) Anſtalten. Kompa-
tronat von Staat und Stadt kommt vor, aber
verhältniSmäßig ſelten.
Der konſeſſionellen Zugehörigkeit nach ſind
ſie grundſäßlich paritätiſch, ſoweit nicht ſtiftungs-
gemäß ihr Charakter ausdrücklich feſtgelegt iſt.
Tatjächlich wird diejer aber durch vas Herkom-
men und die Konſeſſion der Elternſchaft in hohem
Maße bedingt. Ausgeſprochen evangeliſch iſt
aus neuerer Zeit das Gymnaſium in Gütersloh
(ſeit 1851).
A. Die Höheren Lehranſtalten ſür die männ-
liche Jugend. 1. Die Vorherrſchaft des Gyms-
uojiums. a) Mittelalter (bis 1450). Ihre
Anfänge ſanden ſie im Mittelalter in den Kloſter-
und Domſchulen, die allerdings zunächſt mur
ſür die Ausbildung der Kleriker beſtimmt waren.
Gelehrt wurde in ihnen Leſen, Schreiben, Sin-
gen, auch) etwas Rechnen, vor allem aber Latein.
Daneben kamen die Nſarrſchulen auf, in venen
auch Bürgerſöhne unterrichtet wurden. Auch bei
ihnen herrſchte das Lateim vor. Mit dem CEr-
ſtarken der Städte zeitigte das Bedürſnis neben
einfacherer Vorbildung für das praktiſche Leben
in ven ſog. „Lehrhäujern“ und einem ſtärkeren
Beſuch der Pfarrſchulen auch die Aufnahme von
Schülern, die nicht ſür den geiſtlichen Stand be-
ſtimmt waren, in die Dom- und Kloſterſchal21u,
die ihre AuSbildung auf das „Trivium“ d. h.
Grammatik, Rhetorik und Dialektik, beſonders
das erſtere und letztere, erſtrecten.
b) HumaniösSmus3 und Reformation (bis
1650). Das Aufkommen der Nenaiſſance und des
Humaniö8mus änderte Weſen und Ziel der
Schulen von Grund auf. Nicht für die Kirche
jollte die Jugend herangebildet werden, ſondern
ſür die Welt; nicht die barbariſche Handhabung
Icholaſtiſchen Lateins wurde erſtrebt, ſondern
eiceronianiſche Cleganz und virgiliſche Feinheit,

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