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1695 ernannte der König F. zum Erzbiſchof
von Cambrai; damit war er vom Hoſe entfernt,
denn mehr als 3 Monate jährlich durſte nach
der Kirchenvorjſchrijt der Erzbiſchof ſich nicht
außerhalb jeines Sprengels auſhalten. Zwar
verſügte der König höchſtehrend, daß F. der:
Erzieher des Prinzen bleiben und für 3 Monate
des Jahres nach) Verſailles kommen ſolle; aber
es iſt recht wahrſcheinlich, daß Ludwig XIV.
7.8 pädagogiſchen Einfluß auf jeinen 13-jährigen
Enkel mißbilligte und langjam brechen wollte.
7. gab ſich jeinen kirchlichen Pflichten mit Eifer
hin; als Kirchenfürft zeigte er einen Charakter,
den man bei dem ſürſtlichen Erzieher nicht er-
wartet hatte. Er, der mit Milde dem ſchwierigen
Knaben nachging und ihn zu einem milden
Herrſcher zu bilden ſuchte, war in geiſtlichen
Dingen von unduldjamer Härte; mehrmals rief
er die weltliche Macht an zur Verfolgung der;
Koßzer. Aber jein kirchlicher Amtöeiſer ließ ihm -
Zeit, jein Lebenswerk fortzujezen: die Erzie-'
hung des fünftigen Königs. Er wußte aus der |
Ferne auf ihn zu wirken; zuleßt und am nach- |
haltigſten durch jein berühmteſtes Buch, den |
Telemach (]. u.). Wir wiſſen nicht genau, wann .
es verfaßt wurde; gedrudt wurde es 1699 gegen
3.8 Abſicht und ſehr zu ſeinem Schaden. E83.
wurde aufgefaßt als eine Satire gegen Ludwig '
XIV. und jeinen Hof, und alles Leugnen F.3 |
brachte die jchadenſrohen Spötter nicht zum '
Verſtummen (ſ. u.). Und gleichviel, das Herrſcher- |
ideal, das F. dem Prinzen zeigt, iſt Zug um;
Zug das Gegenſtück Ludwigs X1V. Er verwirft |
Selbſtherrlichfeit, Überhebung, Ungerechtigkeit,
(Grauſamkeit, Hang zu den Schmeichlern; da- |
gegen ſind Selbſtzucht, Gerechtigkeit, Milde |
königliche Tugenden. Einen Angriff auſ Lud-
wig AIY. bedeuten auch die Sozialreformen
des Telemach: Schuß der Landwirtſchaft, He-
bung der Volksgeſundheit, Erhaltung des Frie-
dens (jf. Ludwig XIV. Eroberungskriege). Aber
F. hatte jeine Stellung am Hoſe inzwiſchen
durch die 1697 gedruckten „Erklärungen der
Grundjäke der Heiligen“ (Maximes des Saints)
untergraben. Dieje Schrift verteidigte die von
der Kirche als Jrrlehrerin verdammte und vom
König eingeferkerte Frau von Guyon und ver-
anlaßte den König, F. ſofort vom Hoſe zu ver-
bannen und jeinen Namen eigenhändig aus
der Hoſliſte zu ſtreichen. Vergeblich flehte der
Thronerbe auf den Knien für ſeinen Lehrer;
in Sachen der Lehre war Ludwig XIV. ſtets
eifrig, die Kirche zu ſchüßen, ſo ſehr er ihr po-
litiſch oſt entgegentrat. Als auch der Papſt die
Schrift verdammte, unterwarf fich F. augen-
bliklich und gab jeine Meinungen preis. Da
ſchien plößlich ſich alles günſtig für F. zu
wenden: der Sohn Ludwigs XIV. ſtarb, der
Enkel, F.3 Zögling, war nun direkter Nachfolger |
des greijen Königs; gewaltige Hoffnungen |


Jendlon
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jchienen einer nahen Wirklichkeit entgegen zu
gehen. Der verbannte Erzbiſchof mag an den
Plaß eines allgewaltigen Miniſters (wie Riche-
lien etwa) gedacht haben. Sein künftiger Herr-
ſcher hätte ihm gewiß großen Einfluß vergönnt;
er war geworden „ein ſanſter, menſchlicher
Prinz, demütig oft über die für jeinen Stand
jchilichen Grenzen hinaus und ſtreng gegen ſich
jelbjt". Da im Jahre 1712 ſtarben ſchnell nach-
einander der junge Herzog und ſeine Gemahlin.
F.,5 den je länger je mehr ganz jeine Sozial-
reſvrmen erfüllten, mußte nun alle Hoffnungen
begraben. Noch einige vergebliche Verſuche
machte er, jeinen Gedanken politiſche Geltung
zu verſchaſſen. Ex ſtarb 1715.
2. F.5 Werke. a) Über Mädchenerziehung
(Traite de 1' Education des Hlles).
F. hatte den Herzog von Beanvillier und ſeine Gemahs=
lin, eine Tochter des großen Colbert, kennen gelernt. Ihrer
glücklichen (Che waren 13 Kinder entſproſſen, von denen
ihnen uur 8 Töchter am Leben erhalten blieben. Die für=
jvrxgende kluge Mutter ſchenkte Fänelon ihr Vertrauen und
ließ ſich von ihm, dem Berater der neubekehrten Katho-
lifinnen, in den Fragen der Erziehung leiten. F.8 Buchh
war alſo anfänglich nicht für die Öffentlichkeit beſtimmt,
jondern für die privaten Bedürfniſſe eines vornehmen
Haujes. Um jo bewundern3werter iſt e8, daß dieſe3
Werk ſich in mehr denn einer Hinſicht als grundlegend er-
wieſen hat für die Mädchenerziehung auch in anderen
Ständen, Ländern und Zeitaltern. So ſehr damals
ſonſt pädagogiſche Therxen Mode waren =- über die
Erziehung der Mädchen zu ſchreiben war neu und daher
gewagt. Kurze Zeit nachher jchloß ſich die Mätreſſe des
Königs, Frau von Maintenon, in ihrem berühmten
Juſtitut St. Cyr den weſentlichen Gedanfen F.38 an, und
ihr Beiſpiel machte Schule für ihn. In Deutſchland
veröffentlichte ſchon 1698 Aug. Herm. France eine
Überſezung von F.8 Schrift.
-F. geht von dem Ziel aller weiblichen Er-
ziehung aus: eure Töchter jollen künftig die Gat-
innen und die Mütter des Landes jein. Die
Geſchichte lehrt, welch unheilvoller Einfluß aus-
gegangen iſt von Frauen, deren Erziehung ver-
nachläjſigt worden war, und die Gegenwart
zeigt im Frankreich Ludwigs XIV. einen er-
jchütternden Tieſſtand wahrhafter Bildung der
Frauen, auch der höheren Geſellſchaft. F. unter-
jcheidet zwijchen Verſtande3=- und Gemütsbil-
dung und verlangt ihre gleichzeitige Pflege von
der jrüheſten Kindheit an. Denn in der Wiege
jchon beginnt die Erziehung, und grade in der
Kleinkindbetrachtung wie in der ſolgenden
Analyſe verſchiedener Kindertypen (das ver-
ſchloſſene, das widerſpenſtige, das flatterhafte,
das leidenſchaſtliche Mädchen) iſt der pädago-
giiche Ernſt des Verfaſſers für jene Zeit be-
merkenswert. Das erziehliche Mittel ſür F. iſt
überall die Güte, die janſte Lockung. Das „Du
jollſt“, die unerbittliche Pflicht, ja die Majeſtät
Gottes und die ſordernde Größe des Chriſten-
tums -- all das erſcheint umtleidet von milder
Liebenswürdigleit, auf Koſten der herben Wirk-
lichkeit und Wahrheit. Hier fehlt dem katholiſchen
Vorfaſſer die Cinſicht in don orhahonon (Fruſt

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