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der Sittlichkeit und der Religion. Praktiſch ſchließt
F.: joll das Mädchen jpäter eigene Kinder unter-
weiſen, Dienſtboten anleiten, ein Vermögen ver-
walten und im Hausweſen regieren, jo braucht
es wijjenjc ſchreiben ſowie den richtigen Gebrauch der Mutter-
jprache lernen, diejen durch Nachahmung, denn
die eigentliche Einſicht in die ſranzöſiſche Gram-
matik wird ihm nach F. verſchloſſen bleiben, va
es kein Latein lann; erwünjcht wäre dem Prie-
ſter F. allerdings die Kenntnis der lateiniſchen
Sprache für die Mädchen um ihres kirchlichen
Gebrauchs willen. F. ſordert weiter die vier
Grundrechenarten, einigen Unterricht in ſran-
züöſiſcher Geſchichte, in der Muſik (wenigſtens in
der geiſtlichen) und in der Malerei.
' Im Telemach ſchildert F. ſpäter die junge König3=
tochter Antiope; ſie entzückt den Prinzen, und auch den
alten Mentor überzeugen ihre Vorzüge, ſo daß er die
fünftige Che ſeines Zöglings mit ihr gutheißt. F. über-
jezt hier gleichſam ſeinen Gedanken zur Mädchener-
ziehung in die Wirklichfeit; eine ſolche Jungfrau iſt das
Jdeal, das dem Erzieher F. vorſchwebt. „Antiope iſt
janftmütig, einfach, vernünftig; ſie verſchmäht feine
Arbeit der Hände. Sie ſorgt vorausſchauend und ver=-
ſteht zu ſchweigen und ohne Übereilung, doch ſchnell zu
handeln. Beſchäftigt iſt ſie zu jeder Stunde, aber nie
iſt jie von Geſchäften überhäuft, denn ſie verſteht, ihre
Zeit einzuteilen. Die Ordnung ihres Vaterhauſes iſt
ihr Stolz und ihr ſchönſter Schmu> . . . Sie iſt im
ganzen Hauſe beliebt, denn durch Eigenſinn, Leichtſinn
und Laune quält ſie niemanden; ein Blick genügt, daß
man ſie verſtehe, und man fürchtet, ihr zu mißfallen ;
auch können ihre Befehle nie mißverſtanden werden.
Sie befiehlt nur, wa8 man auch ausführen kann; ſie
tadelt mit Güte und ermutigt zugleich.“
b) Totengeſpräche (Dialogues des Morts).
(ES ſind Fabeln, in denen Tiere und auch -- wie
der Name ſagt -- Tote, nämlich Helden des
Altertums zu Worte kommen. Heftigkeit, Un-
geduld, Zorn, Trägheit, Graujamkeit, Unmäßig-
keit, da3 ſind die Untugenden, deren böſe Folgen
ſich in immer neuen Fällen zeigen, und aus
deren Schlingen bejonnene Rechtſchaffenheit
immer wieder rettet. Das Büchlein läßt einen
Bli> tun in die Sculſtube des Königs-
haujes: wir jehen den Erzieher F., der in ein-
dringlichem, liebevollem Bemühen in die Ab-
gründe des ihm anvertrauten Kindergemütes
hineingeblikt hat und nun die Geſahren dieſer
Abgründe erklärt -- mit der heiteren Zuverſicht
des Auſklärers3, daß Geſahren verdeutlichen auch
bereits aus ihnen erretten heiße. Das jorg-
fältige Studieren der Pjychologie des Zöglings
wie auch dieſe Überſchäzung der Kraft der ver-
ſtändigen Einſicht kennzeichnet die Vernunſt-
pädagogik. Und auch ein Drittes iſt rationali-
ſtiſch: die Übungen in Stil und Grammatik und
ebenſo die Geſchichtsſtudien berühren ſich mit
den gerade dargebotenen Fabeln; es enſtehen
Querverbindungen, eine Konzentration, wie
wir ſie heute erſtreben.
6) Telemach iſt der Sohn des Odyſſeus. Jn
diejer Schrift verſteckt F. ſeine pädaagoaiſchen
Fenelon



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und vor allem politiſchen Abſichten in das Ge-
wand einer alten Sage. Als Odyſſeus nicht
mit den anderen Helden von dem zerſtörten
Troja heimkehrt, ſucht ihn ſein Sohn Telemach
lange vergeblich zu Lande und zu Waſſer. Der
treue Lehrer jeiner Jugend Mentor, unter deſſen
Geſtalt ſich die WeiSheit8göttin Minerva ver-
birgt, geleitet ihn und erzieht ihn doch zu
jehließlicher Selbſtändigkeit. Telemach lernt die
Schrecdnijſe des Krieges und den Segen des
Friedens kennen. Mentor richtet einen Muſter-
ſtaat ein, einen Staatenbund, in dem verſchiedene
Völker zujammengeſchloſſen ſind zur Pflege
des Friedens und der gemeinſamen Intereſſen.
TF. hatte nicht den Ehrgeiz, ein großes ſran-
züfijches Cpo3 zu ſchreiben, das neben den Wer-
fen der Alten beſtehen könne; er hatte eine lehr-
haſte Abſicht, und das bedeutet ſtets eine künſt-
lexijche Einbuße. Alle Anmut des Ausdrucks,
aller Wohllaut der Sprache, alle Kraft der Ge-
danfen kann nicht hinweghelfen über die oft
gefünſtelte Miſchung der alten Sage mit höchſt
zeitgemäßen Anſpielungen. Denn F. will den
Wnſtigen Herrſcher Frankreichs auf jeine hohen
Pflichten vorbereiten. Telemach iſt jein eigener
Zögling, der Thronfolger, wie er leibt und lebt.
„Auſrichtig, aber wenig lieben8wert; andern
Freude zu machen verſtand er nicht; ohne am
Reichtum zu hängen, wußte ernicht zu jchenken....
jo ſchien er weder für Freundſchaft zugänglich,
noc< danfbar für Dienſte, auch nicht bemüht,
das Verdienſt au8zuzeichnen, gedankenlos folgte
er jeinen Launen.“ F. jelbſt iſt Mentor, und
die Zeitgenoſſen entdeckten bald hundert geiſt-
reiche Anjpielungen auf Perjonen und Zuſtände
am Hofe in Verſailles; da waren die Günſtlinge,
die Miniſter, vor allem der König ſelbſt. F.
leugnete; man glaubte ihm nicht und fette das
ſröhliche Spiel der Deutung ſort. C8 mag wohl
jein: F. eifert gegen das abſolute Königtum, er
ſchildert es in ſeinen Schwächen -- wo ſonſt
jollte er die Geſtalten ſeines Gemäldes her-
nehmen al8 vom Verſailler Hofe? So mag
beides wahr jein: er hat die Satire nicht beab-
ſichtigt, aber er hat ſie geſchrieben.
3. Abſchluß. Uns fällt das Verſtändnis für
F- nicht leicht; er iſt ganz Franzoſe, ganz Hof-
mann, ganz Kirchenfürſt. Und zu dem Fremden
kommt das Widerſpruchsvolle ſeines Charakters;
er predigt einem Könige Milde und iſt in der
Kirche unduldſam bis zur Keßerverfolgung; er
kennt das Glaubens3leben der Myſtiker, und er
verläßt ihre Sache ſoſort auf das päpſtliche
Wort hin -- ſv hoch ſteht ihm die Lehreinheit
der Kirche. Er bereitet Nouſſeau in mehr als
einer Hinſicht den Weg, und ex ſelbſt kann die
Trennung vom Verſailler Hofe nie verwinden;
er fündet in feinen Sozialreſormen das Jahr-
hundert der Nevolution, das 18., an und wur-
zelt doch feinem Wejen nach aanz im 17. Jahr-

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