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den Geimpften ſtammende Virus bei Unge-
impſten wieder die typiſche ſchwere Erkrankung
hervorrief.
b) Vaccination. Dieſe Übelſtände wurden
um die Wende des 18. Jahrhundert3 durch die
Entde>ung der Kuhpo>enimpfung durch den
engliſ Kuhpocken befallen hauptſächlich junge weibliche
Rinder, Unier mäßigem Fieber bilden ſich be-
ſonders am Euter helle, waſſerklare Bläschen,
die nach 8-10 Tagen eintrocknen und ſpöter
als brauner Schorf abfallen. Man hatte nun
die Erfahrung gemacht, daß Menſchen (Melker),
die ſich mit Kuhpo>en angeſte>t hatten, von den
echten Boden verſchont blieben. Jenner konnte
ſich auf Grund jahrzehntelanger Beobachtungen
von der Richtigkeit dieſe8 Volk8glaubens Üüber-
zeugen und zeigen, daß mit Kuhpocken infizierte
Menjchen auf eine mit echten Po>eninhalt aus3-
geführte Jmpfung (Variolation) nicht reagierten.
Spätere Forſchungen haben dieſe merkwürdige
Sc können, daß es ſich hierbei um echte Pocken
handelt, die durch die Tierpaſſage abgeſchwächt
ſind und auch bei Rückübertragung auf den
Menſchen ihre ſrühere Virulenz nicht wieder
erlangen. Die Vaccination iſt alſo eine aktive
Schußimpfung mit einer durch natürliche oder
künſtliche Tierpaſſage (Rind) abgeſchwächten
Modifikation des Pockenerregers. Sie iſt völlig
ungefährlich, verleiht eine langdauernde, in un-
jeren Gegenden etwa 10-12 Jahre, in den
Tropen etwa 2 Jahre dauernde Immunität
gegen den virulenten Pockenerreger.
4. Kliniſcher Verlauf. Beim Erſtimpfling be-
ginnen ſich die Impfſtriche nach einer 3 tägigen
Latenz aufs neue zu röten und ſchwellen zu
kleinen Knötchen an, aus denen ſich kleine, zu-
nächſt waſſerhelle Bläs8chen entwickeln, die
ſpäter einſinfen und infolge des ſich bildenden
Citer3 ein graues Ausſehen bekommen. Etwa
am 8. Tage, zur Zeit des Nachſchautermin3,
zeigt ſich ein hochroter Saum, der am nächſten
Tage unter mäßigem Fieber an Ausdehnung
gewinnt und brettharte Schwellung aufweiſt;
auch Schwellung und Druckempfindlichkeit der
Achſjeldrüjen iſt nicht ſelten. Vom 11. Tage ab
beginnt die Puſtel einzutrocknen ; Fieber, Rötung
und Schwellung verſchwinden, und es kommt
zur Bildung einer braunen Borke, die nach 3 bi8
4 Wochen abfällt und eine ſtrahlige Narbe hinter-
läßt. Beim Widerimpfling iſt die Reaktion weit
geringer, Fieber ſelten. Die Puſtelbildung tritt
weit früher ein, ſchon am 2. bi3 3. Tage; häufig
findet ſich nur eine Rötung des Impfſtriche3.
Die Erjheinungen klingen meiſt ſchon am 7. bis
8. Tage ab; nur ſelten kommt es zu ſo ſtarken
Erſcheinungen wie bei Erſtimpflingen.
In ſrüheren Jahren, als man noch die Lymphe
von einem Jmpfling auf den anderen übertrug,
Pädagogiſches Lexikon. IT.
Impfung -- Jndividualiſierung

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hat man durch die Impfung auch ſchwere Schä-
digungen, ja ſelbſt die Übertragung von Syphi-
lis beobachten können. Heute wird nur mehr
animale Lymphe verwandt, die unter ſachver-
ſtändiger Leitung nach genauen Vorſchriſten in
ſtaatlichen Impfanſtalten von Kälbern gewonnen
wird. Jrgend welche Schädigungen ſind bei
ihrer Verwendung nicht zu befürchten. Dagegen
muß Sorge getragen werden, daß die Kinder
ſauber gewaſchen und mit reiner Wäſche zur
Impfung kommen und die juckenden Jmpf-
puſteln nicht durch Abkrazen mit den Fingern
infizieren. Ein Verband und bei ſtärkerer Ent-
zündung ein Salbenverband ſchaſſen hier Ab-
hilfe. Kinder, die an anſtefenden Krankheiten,
Hautausſchlag leiden, in der Rekonvaleſzenz
oder unterernährt ſind, jollen an einem ſpäteren
Termine geimpft werden.
5. Der geſetzlichen Pflicht iſt genügt, wenn ſich
wemgſtens eine JImpfpuſtel entwickelt hat.
Wünſchen3wert iſt die Entwicklung von 4 Pu-
ſteln, da ſich gezeigt hat, daß der Grad der
Schubwirkung von der Zahl der entwickelten
Puſteln abhängig iſt. Bei Ausbruch von Pocken-
erſranfungen fann weiterhin eine Zwangs-
impfung der Umgebung angeordnet werden;
ebenſo kann ein der Impfung vorſchriſt3widrig
entzogener Impfling zwangsweiſe zur Impfung
vorgeführt werden, falls ſonſtige Strafen, deren
Wiederholung zuläſſig iſt, ohne Erfolg bleiben.
Dieſer Impfzwang iſt berechtigt; denn er ver-
leiht, wie unzweifelhaft feſtſteht, einen lang-
dauernden Schuß gegen die Pockenerkrankung
und verhütet ihre Weiterverbreitung. Wenn
die Oppoſition der IJmpfgegner in früheren
Zeiten, als man noch mit humaniſierter Lymphe
impfte, noch zu verſtehen iſt, ſo iſt ſie heute
völlig gegenſtand3lo8 geworden. Aber bei uns,
im einem durch die gejeßliche Impfung pocen-
frei gewordenen Lande, iſt es leicht, Impſgegner
zu ſein; in pockenverſeuchten Gegenden würden
dieſe Beſſerwiſſer bald umlernen und ſich gern
ſreiwillig zur Impfung verſtehen. Huntemiüller.
Indeterminiomns5 ſ. Determini3mus3 ujw.
Fundividualiſierung (pädagogiſche). 1. Weſen.
2. Notwendigkeit und Grenzen.
1. Das Weſen der J. „JIJndividualiſierende“"
Erziehung iſt eine jolche, die ſich mit ihren Zielen
und Methoden in den durch den Sinn der Gr=-
ziehung geſetzten Grenzen nach dem Jndivi-
duellen richtet, das ihr bei ihren Objekten ent-
gegentritt. Dieſes Individuelle (dem Indivi-
duum, dem einzelnen Zugehörige) iſt -- auch
in jeiner Beſchränkung auf das Pädagogiſch-
Bedeutjame -- von ſehr verſchiedener Art. C3
iſt zunächſt die perſönliche Individualität,
wie ſie durch die im Zuſammenwirken von Ver-
anlagung und Beeinfluſſung erzeugten DiS-
poſitionen (vor allem: Fähigkeiten und Nei-
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