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dualität überhaupt, ſo gehört nun aud) ihr je-
weiliger Entwilungsſtandpunkt, im allgemeinen
alſo die jeweilige Alteröſtufe, zu dem JIndivi-
duellen, auf da3 jich der Begriff der pädagogiſchen
Individualiſierung bezieht. =- Was aber ſo ſür
das Seeliſche gilt, gilt analog auch ſür das
Körperliche. Auch hier haben wir bei jedem
einzelnen eine Auspräquma generelier und
wieder auch iypijcher Eigenſchaften in ganz
individueller, einzigartiger Form, und dieſe iſt
--- mit dem jeweiligen Standpunkt der (kürper-
lichen) Entwieklung =- für alles pädagogiſche
Wirken maßgebend, das irgendwie der körper-
lichen Verſaſſung oder Entwicklung zugewandt iſt.
Die Lebenslage des einzelnen und die ihn
umgebende geſchichtlich-kulturelle und phyſiſche
Welt iſt, wie wir ſahen, in einem anderen Sinne
etwas „Individuelle3", als die perſönliche In-
dividualität; aber ſie gleichen ihr in der Ver-
bundenheit, in der Miſchung von Beſonderem
und Allgemeinem. Denn auch die LebenSlage
des einzelnen iſt nur ein Sonderfall von etwas
Allgemeinem, eine Sondererſcheinung innerhalb
der „geſellſchaftlichen Sphäre“, der „ſozialen
Schicht" =- die wiederum nur eine Schicht iſt
in dem geſellichaſtlichen Auſbau der Volksge-
meinjchaſt und in der jeder ein Glied jeines
Volkes und der Menſchheit bleibt, und ebenſo iſt
jene Umwelt, die wir als die „engere Heimat"
bezeichnen, zugleich ein Stü> „Vaterland“, ja
ein Stü „Welt“, und iſt das auch ſür den,
der ſeiner engeren und engſten Heimat treu
verbunden iſt. Alle3 das iſt in dem Rahmen des
Individuellen, dem die Erziehung auf ihrem
Wege begegnet, nicht weniger bedeutſam als
die ähnlichen Zuſammenhänge bei der ſeeliſch-
körperlichen Individualität. i
2. Notwendigkeit und Grenzen der 3. Über
die Notwendigkeit einer individualiſierenden
Erziehung können keine grundſäßlichen Mei-
nungsverjchiedenheiten beſtehen und beſtehen
ſolche ja auch nicht. Wenn es immer der einzelne
iſt, der erzogen werden muß, auch da, wo wir
ſür die Erziehung einer Gemeinſchaſt zu ſorgen
haben, und wenn e3 der allgemeine Sinn der
Erziehung iſt, daß mit ihrer Hilfe der einzelne,
jo wie er iſt und in dem Leben, in dem ex ſteht,
zu der ihm möglichen geiſtig-leiblichen Voll-
endung gelangen ſoll, ſo muß eben die Ex-
ziehung „individualiſieren“. Aber ſoviel über-
zeugte und rückhaltloje Zuſtimmung dies Prinzip
auch ſindet, gibt e3 doch vielleicht kein anderes
pädagogiſches Prinzip, das ſo wie dieſes mit
ſeiner praktiſchen Durchführung hinter dem
Sollen, ja hinter dem Wollen zurückbleibt.
Schon die Anſprüche, die das Jndividuelle in
dem „Daſein“ des jugendlichen Menſchen an
die Erziehung ſtellt und zu ſtellen berechtigt iſt,
ſind n ſchwer zu erkennen und noch ſchwerer
zu erfüllen. Wieviel gerechte Abwägung des
Individualiſfierung (pädagogiſche)

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Urteils, wieviel gewiſſenhafte Abmeſſung der
Forderungen, wieviel tatkräſtiges Eingreifen in
eine ſeelengeſährdende Verderbnis verlangt 3. B.
bei ſv manchem Kinde ſein ſoziales Milieu! (Es
iſt kaum zu vermeiden, daß die Erziehung hier
hinter den Aufgaben, die ſie ſich jelber jtellen
mvß und die ihr niemand abnehmen kann, oft
weit zurückbleibt. Aber noch mehr betreffen die
Mängel die pädagogiſche Behandlung des Pexr-
ſönlich-IJndividuellen, der IJndividualitäten. E3
iſt biSher der : Organiſation des öffentlichen
Bildungsweſens troß einer überreichen Diſſe-
renzierung der Bildungsanſtalten nicht gelungen,
den Schüler-JIndividualitäten auch nur in ihren
typiſchen Formen mit der Auswahl und Zuteilung
der Bildungsinhalte voll gerecht zu werden,
und es wird dies auch kaum eher gelingen, als
bis Staat und Gemeinden bereit und finanziell
in der Lage ſind, bei jeder der unentbehrlichen
Schulformen eine mit der zunehmenden Reife
der Schüler fortſchreitende Jndividualiſierung
der Lehrgänge einzuſühren. Aber ſelbſt wenn
in dieſer Hinſicht einmal das Mögliche geſchieht,
ſteht doch der mit der „Schule“ untrennbar ver-
bundene Klaſſen- bzw. Gruppen-Unterricht einer
den pädagogiſchen Anſprüchen voll genügenden
Individualijierung der Bildungsarbeit entgegen.
Gewiß kann in beſtimmten Grenzen auch bei
einem ſolchen Unterricht den individuellen Nei-
gungen und Fähigkeiten der Schüler Rechnung
getragen werden; aber zuleßt iſt e3 doch immer
ein Ziel, ein Gegenſtand, eine Lehrweiſe, die
für alle da ſind, mag die Zahl der Schüler nun
größer oder kleiner ſein. Es gibt kein organi-
jatoriſches Mittel, das hieran etwas Weſentliches
ändern könnte, und wir werden uns diejer Tat-
ſache gegenüber damit tröſten müſſen, daß die
Schüler-Jndividualitäten ſür eine gewiſſe Jn-
dividualijierung ihrer Bildung ſchon von ſelber
jorgen, und vor allem auch damit, daß der ge-
meinſame Unterricht neben den pädagogiſchen
Nachteilen auch ſeine pädagogiſchen Vorteile hat.
Außerhalb dieſes Unterrichts bietet natürlich
das Schulleben die reichſte Möglichkeit, den
jugendlichen Individualitäten eine ſorgfältig-
diſſerentielle Behandlung zuteil werden zu
lajjen, und erſt recht beſteht ſolche Möglichkeit
im häuzslichen Leben, bei der elterlichen CL-
ziehung. Aber in der pädagogiſchen Wirklichkeit
zeigen ſich da Nöte und Hemmniſſe anderer Art.
Das Individualiſieren iſt eine der edelſten, aber
auch eine der ſchwerſten pädagogiſchen Künſte;
es erfordert viel Selbſtbeſcheivung und Selbſt-
verleugnung, viel Vertrautheit mit ſeeliſchen
Zuſtänden und Entwicklungen, viel Verſtändnis
ſür perſönliche Weſenz3art, gerade aud) in ihrer
jugendlichen Form, und es iſt alſo begreiflich,
daß auch die treueſten und liebevollſten Erzieher
-- Eltern und Lehrer -- in dieſer Kunſt des
Individualiſieren3 oft verſagen. Und man wird

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