993
Teil ſeiner Vernichtung entgegen. Die Heimat-
loſigfett und Heimloſigkeit unſre8 Volkes iſt in
breiten Schichten desſelben eine erſchütternd
große. Hier kann die ſchweigen. Hier muß ſie gegen Bodenwucher und
Wohnungselend auſtreten und poſitiv für neue
Bodengejeze, Wohnungs3geſeßze, Siedlungsmög-
lichkeiten und Wohnungspflege ſorgoi, evenſo in
der Stadt wie auf dem Lande, um das Heimat-
bewußtjein wieder zu weden oder, wo e8 nod)
vorhanden iſt, mit allen Mitteln zu pflegen. --
(E35 gibt auch ein gemeinſames Volksdenken. E38
beruht auf der gemeinſamen Sprache und der
gemeinjamen Bildung. Von hier aus iſt die J. M.
auf das lebhafteſte an allen Schul- und Bildungs-
ſragen intereſſiert, um dem Volke die beſte fach-
liche und die tiefſte allgemeine Bildung über-
mitteln zu helfen. -- Und das gemeinſame Volks-
wollen verlangt zu ſeiner Geſunderhaltung und
Kräſtigung die Abwehr der ihm ſchädlichen Keime
und die Zuführung der den Willen ſtählenden
Kräfte. Darum ergibt ſich hier für die J. M. der
Kampf gegen die Alkoholſchäden, die Fürſorge
für die Trinkkranken, der Kampf gegen Zucht-
loſigkeit und Sittenloſigfeit und die Fürſorge für
die Jugend, um ſie vor dem Hineingeraten in
dieſe entjeßliche Not zu bewahren, der Kampf
gegen joziale Ungerechtigkeit, gegen Stande3-
dünfel und Klaſſengeiſt und die Fürſorge für die
ſozial Bedrängten, um ihnen zu einem menſchen-
würdigen Leben zu helfen. Wer ſich nur einiger-
maßen in dieſe Gedanken und Aufgaben vertieft,
der wird die Notwendigkeit dex Durchführung
auch dieſer Seite der evangeliſchen Liebestätig-
feit lar erfennen. --
Wenn dies alles das Leben8gebiet der J. M. iſt,
ſo ſoll damit nicht geſagt ſein, daß die Träger der
Organiſation der J. M. in Vereinen und Anſtal-
ten auch diejenigen wären oder ſein müßten, wel-
nehmen. Der bleibende Träger der Arbeiten iſt
die evangelijche Gemeinde. Und die von ihr Be-
auftragten oder die in ihrem Namen Handelnden
können prinzipiell ebenſogut die kirchlichen Or-
gane, Generalſuperintendenten, Superintenden-
ten, Pfarrer, Synoden, Gemeindekörperſchaften
ſein, wie freie Vereinigungen, Vereine von
Männern und Frauen, oder Einzelperſönlichfkei-
ien. Je nach der beſonderen Lage und Aufgabe
iſt jeder ernſte evangeliſche Chriſt zur Mitarbeit
berufen. Und dieſe Geſinnung und Freudigkeit
ſoll in den Kindern auch durch die Arbeit der
Erziehung in Haus und Schule gewe>t werden,
und es wird ſo der Zuſammenhang von Innerer
Miſſion und Erziehungswiſſenſchaft, wie vorher
am Anfang, jo hier am Schluß uns klar und deut-
lich. Beide ſind auſeinander angewieſen, beide
können und jollen ſich gegenſeitig befruchten.
Literatur. Wichern8 geſammelte Schriften,
Bd, 1--6 (1901--1908; Bd. 3: Prinzipielle3 zur IJ.
VBädangogiſche3 Lexikon, I1.
Innere Niſjſion -- Inſtinkt

994
Miſſion, 1902). -- Theod. Schäfer: Die IJ. M. in
der Schule, ein Handbuch für den Lehrer (1912). ---
Gerhard Teichmann: Joh. Heinr. Wichern3 pädago
giſche Ideen (1912). =- Hermann Sandt: Studien zu
Zoh. Heinr. Wichern3 Pädagogik (1913). = Johanne3
Steinweg: Die J. M. der evang. Kirche (1928),
Maßhling.
Innere Sekretion [. Sekretion uſw.
Inſtinkt. 1. Vom Begriff und Weſen. 2.
Tierpſychologie und JInſtinktſorſchung.
3. Mecaniſtiſ Vitaliſtiſche Inſtinkthypotheſen. 5. Be-
ders Hypotheſe vom überindividuellen
Seeliſchen. 6. Menſchliche Inſtinkte. 7.
Die Pädagogik der Inſtinkte.
1. Vom Begriff und Weſen. Der Begriff des
Inſtinkt3, der aus dem lat. instinetus = Antrieb
abzuleiten iſt, vereinigt inſich „eine wahre Muſter-
karte widerjſprechender Anſichten“ (W. Wundt).
Um die Weſensbeſtimmung des Inſtinktiven müht
man jich namentlich ſeit Darwin, der noch ſchrieb:
„<< will feine Definition des Inſtinkts8 zu geben
verjuchen. Doch jeder weiß, was damit gemeint
iſt, wenn ich ſage, der Inſtinkt veranlaſſe den
Kudu> zu wandern und ſeine Cier in anderer
Vögel Neſter zu legen.“ Als Jnſtinktakte kön-
nen die für die Selbſterhaltung oder Art-
erhaltung wichtigen, im weſentlichen
erblich fixierten zwedvollen Lebens8be-
wegungen bezeichnet werden, die mit zwang8-
mäßiger Zielſicherheit, aber ohne weg-
weiſendes Zwekbewußtſein ablaufen.
C3 gibt aber Verhaltungsweiſen, die dieſer
Beſtimmung entſprechen, ohne daß ſie inſtinktiv
genannt werden. Von den „Handlungen“ kann
man mit Drieſch die Inſtinktakte durch das Merk-
mal ſcheiden, „daß fie in ihrer Spezifität
j geſchehen, vollendet ablauſen". Demnach
iſt die völlige oder doch weitgehende Unab-
hängigleit von der „hiſtoriſchen Neaktion38baſis"
des Erſahrens und Lernens ſür den Inſtinkt
weſentlich. Auch Morgan nennt nur die Fähig-
keiten inſtinktiv, „die mit einer gewiſſen erb-
lichen Vollendung auftreten".
Nach Ziegler beruhen inſtinktive Akte auf ge-
nerell ererbten Bahnen de3 Nervenſyſtems,
verſtande3mäßige Handlungen dagegen auf in-
dividuell erworbenen. Während Inſtinkt und
Intellekt vielfach al3 weſensverſchieden betrach-
tet werden, erſcheinen beide zuweilen in engſtem
Zuſammenhang, ſei es, daß der Intellekt als Er-
gebnis einer Entwicklung der Inſtinkte gewertet
wird, fei es, daß man in inſtinktiven Verhaltungs-
weijen urjprüngliche intelligente Handlungen
ſicht, die durch häufige Wiederholung das ſie
begleitende Bewußtſein verloren und als me-
Cbenſo ſraglich iſt die Abgrenzung der Jn-
ſtinkte gegenüber den Reflexen. Da dieſe pri-
mitiven Arten organiſcher Bewegung mit erb-
32

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.