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einzelnen Leiſtung aud) auf ganz anderen Ur-
jachen beruhen kann. Von wenigen Verſuchen
einer gewiſſen Syſtematiſierung abgejehen, blie-
ben jedoch die pſychiatriſchen JIntelligenzprü-
jungen Werkzeuge, die ſich der einzelne Arzt nach
beſtem Wijjen und Können herrichtete und die
er im einzelnen, gerade vorliegenden Falle an-
wandte. Eine Zujammenſtellung der von ver-
ſchiedenen Ärzten hier und da gebrauchten Hilf8-
mittel der Jutelligenzprüſung, die troß ihrer
anderen Zwe&beſtimmung auch ſür den Päd-
agogen allerlei Anregungen enthält, gibt Lip-
mann (ſ. Lit.).
3. Intelligenzprüfumg in der püädagogiſhen
Pſychologie. Auf dem Gebiete der Pſychologie,
bejonders der pädagogiſchen Pſychologie,
entwidelten fich Verfahren der JIntelligenz-
prüfung erſt, als neben die hauptſächlich) durch
Wundt geführte, auf generell-pſychologiſche
Crkenntnis, elementare ſeeliſche Vorgänge und
Laboratorimnmnsarbeit eingeſtellte Richtung andere
iichtungen der pſychologiſchen Forſchung traten,
die den imdividuellen Differenzen im pſychiſchen
Geſchehen nachgingen, wie ſie ſich weſentlich in
komplizierten Vorgängen auswirken, und damit
den Bedürfniſſen des Lebens näher kamen als die
Zeitmeſjungen, Schwellenbeſtimmungen, Re-
aftionöunterjuchungen W. Wundts und ſeiner
früheſten Schüler. Erſte Arbeiten dieſer neuen
Art erſchienen allerding3 ſchon in den letzten
Jahren des 19. Jahrhunderts. Zu ihnen gehört
vor allem die Arbeit von Ebbinghaus (ſ. Lit.),
in der ex einen lückenhaften Text verwandte, den
die Verſuchsperſonen richtig zu vervollſtändigen
hatten, ein „Teſt“ -- jo bezeichnet man derartige
Verjuchsverfſahren --, der ſeitdem in zahlloſen
Abwandlungen wiederkehrt und zum „eiſernen
Beſtand" der Jntelligenzprüfung geworden iſt.
Man glaubte damals mehr oder weniger ent-
ſchieden an die Möglichkeit, die Intelligenz mit
einer ſolhen Probe, einem Teſt ausreichend
erſaſſen zu können, und ſuchte deshalb nach „dem“
Intelligenzteſt. Verſchiedene Einzelteſt8 wurden
vorgeſchlagen und erprobt, ſo das Durchſtreichen
beſtimmter Buchſtaben (3. B. aller a, e, 1, n) in
einem vorgelegten Druätext, das Bilden eines
ſinnvollen Satzes aus drei gegebenen Worten,
das ECrfennen unvollſtändiger Bilder, das Cin-
prägen von Wortpaaren, deren Glieder in be-
ſtimmtom Sinnzuſammenhange ſtehen, mit nach-
jolgendem Abfragen durch Nennung eines
Gliedes uſw. Bei der Eigenart dieſer Verfahren
ließ ſich der Einfluß zufälliger Umſtände nie mit
Sicherheit ausſchließen; es war daher ſtets eine
größere Anzahl von Verſuchen oder Verſuch3-
perſonen nötig, und dies wiederum machte eine
ſtatiſtiſche Bearbeitung der Verſuchsergebniſſe
notwendig. Die Methoden für dieſe wurden
hauptſächlich von Galton, Pearſon und
Spearman entwickelt und ſpäter (in deutſcher
Intelligenzprüfungen

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Sprache) von Stern zuſammenfaſſend dar-
geſtellt.
4. Die Binetprüfung. Einen weſentlichen Fort-
ſchritt in der Entwiädlung bedeutete das von
dem ſranzöſiſchen Pſychologen Binet (ſ. Lit.) in
Gemeinſchaſt mit dem Schulmann Simon aus.
gearbeitete Verſahren, das nach langen Vor-
arbeiten im Jahre 1911 in einer praktiſch brauch-
baren Form veröſſentlicht wurde. Die Grund-
gedanken der Binetprüfung ſind die folgenden:
1. CS iſt nicht ein einzelner Teſt zu benußen,
jondern eine ganze Gruppe von Aufgaben, die
einander ergänzen, indem ſie ſich an verſchiedene
„Seiten“ der Intelligenz wenden. 2. Die Teſt-
gruppen müjjen geeicht werden, d. h. e8 muß
durd) eine große Anzahl von Vorverſuchen an
unausgewählten oder entſprechend au8gewählten
(d. h. die Geſamtheit der in Frage kommenden
Menjchen getreu abbildenden) Kindern feſtge-
ſtellt werden, wie viele und welche Löſungen man
vom „Durchſchnitt“ erwarten kann. 3. Für die
verſchiedenen Altersöſtufen (JahreSklaſſen) ſind
entjprechend verſchiedene Aufgaben oder Lö-
jungöanſorderungen zu ſtellen. 4. Geringere
Intelligenz eines etwa 10jährigen Kindes äußert
ſich darin, daß es etwa die für 6-, 7-, 8-, jährige
zu ſtellenden Normalſorderungen erfüllt, nicht
mehr jedoch die für 10-, 11-, 12jährige uſw.
Größere als die normale Jntelligenz tritt hervor,
indem ein etwa 10jähriges Kind außer den ſeinem
Alter gemäßen (und darunter liegenden) auch)
die an höhere Alteröſtufen (etwa an die 11- und
12jährigen) zu ſtellenden Forderungen bewältigt.
Dies führt zu dem Kernbegriff der Binetprüfung,
zu dem des „Intelligenzalter3“, der hiernach
ohne weiteres verſtändlich iſt.
Aus den von Binet verwandten Aufgaben
ſeien al8 Beiſpiele folgende genannt (die in
Klammer gegebene Zahl bezeichnet die Alters8-
ſtuſe, für die ſie als normal gelten): Aufzählen
der Perſonen und Dinge auf einem einfachen
Bilde (3), drei vorgeſvrochene einzifferige Zahlen
richtig wiederholen (4), ein in ver Diagonale zer-
ſchnittenes Nechtec>k iſt (nach Muſter) wieder zu-
jammenzuſeßen (5), Nachzeichnen eine3 auf der
Spiße ſtehenden Quadrates (6), Erkennen von
Rücen in Figuren (8), fünf gleich ausſehende
Käſtchen von 3, 6, 9, 12, 15 g Gewicht nach ihrer
„Schwere“ richtig ordnen (10), ein vorgelegtes
Bild erklären, d. h). die dargeſtellte Situation in
ihrer Geſamtheit erfaſſen (12) uſw. Für jede
Altersſtuſe ſind etwa fünf ſolcher Auſgaben vor-
handen, die ſich teilweiſe wiederholen, allerdings
mit für die verſchiedenen Jahre verſchieden hohen
Anſorderungen an die Löſung (Bildbeſchreibung,
Nachſprechen von Säßen und Ziffern).
Ausgedehnte Erfahrung berechtigt zu dem
Saß, daß Kinder, deren Intelligenzalter um mehr
als zwei Jahre hinter dem Lebensalter zurück-
bleibt, ſo ſchwa) befähigt ſind, daß ſie im all-

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